Kunstfonds - Hamburg

Rette sich, wer kann!

Hamburger Unternehmer lockte mit Kunstfonds und Kunstanleihe – jetzt ermittelt der Staatsanwalt.
"Rette sich, wer kann!":Staatsanwalt ermittelt gegen Kunstanleihen-Ausgeber

Hochglanzbroschüren sollten Kunden überzeugen / Feine Adresse: Die EECH Group AG residierte am Hamburger Alsterufer

Der Hamburger Unternehmer Tarik Ersin Yoleri galt unter deutschen Galeristen lange Zeit als ein kapitaler Hecht. Mit lockerer Hand gab der lebenslustige Kunstenthusiast, bis Ende 2007 Vorstand der Investmentfirma EECH Group AG, insgesamt wohl fast 25 Millionen Euro für den Erwerb einer imposanten Sammlung aus. Dabei kaufte er fast alles, was der Markt an deutscher und amerikanischer börsentauglicher Kunst hergab. Die interne Bestandsliste des Kunstbesitzes, die der Redaktion vorliegt, vermittelt den Eindruck eines recht unausgewogenen Konvolutes: Neben viel amerikanischer Pop Art und Dutzenden Werken von Markus Lüpertz gibt es hier Arbeiten verschiedenster Richtungen und von unterschiedlichster Qualität.

Naiv war das Investment des Vertriebsprofis aber keineswegs. Yoleri, für Presseanfragen derzeit nicht zu erreichen, benutzte die Sammlung als Grundstock für ein imposantes Renditeziel. Dafür schuf er ein schwer durchschaubares Konstrukt an Produkten und Un-ternehmensbeteiligungen. Die erste deutsche Kunstanleihe "Art Invest 2006", von der EECH Group AG im Jahre 2006 auf den Markt gebracht, versprach den Anlegern bei einer Laufzeit von fünf Jahren stolze sieben bis 8,8 Prozent Zinsen pro Jahr, welche das Unternehmen aus der erhofften Wertsteigerung des Kunstbestands erzielen wollte. Um Seriosität bemüht, gab Yoleri mit dem F.A.Z.-Institut die Studie "Contemporary Art – eine Assetklasse zur Portfoliodiversifikation" heraus, die potenziellen Interessenten dann zeitgleich mit seinen Anlageprospekten vorlag. Für Anleger wie den Nürnberger Hans Bünning, der 5000 Euro in die Kunstanleihe investierte, schien das üppige Renditeziel nach der Lektüre der Hochglanzprospekte damals durchaus "plausibel und angemessen".

Neben der Kunstanleihe platzierte Yoleri über die Art Estate AG, einer ebenfalls von ihm dominierten EECH-Tochter, den "Art Estate Kunstfonds 01" auf dem deutschen Markt (art 4/2007). Dieser versprach Zeichnern zehn Prozent Zinsen im Jahr, die aus der exorbitanten Wertsteigerung von 25 ausgewählten Werken gezahlt werden sollten – zum Portfolio gehören zwei kleinformatige abstrakte Bilder von Gerhard Richter, einige Werke von James Rosenquist sowie das 1990 entstandene Großformat "Deutschland nach der Wahl" von A. R. Penck. Auch eine Vertriebsplattform installierte der umtriebige Profi: Die drei Vonderbank-Galerien in Berlin, Hamburg und Frankfurt am Main, als deren Geschäftsführer wiederum Yoleri fungiert, sollten die ausgewählten Kunstwerke präsentieren sowie den Handel mit den Bildern abwickeln.

Die hochtrabenden Planspiele sind jedoch längst Makulatur. Vielmehr verdichten sich die Zeichen eines Endes mit Schrecken: Die Frankfurter Vonderbank-Filiale ist bereits geschlossen. Für die Tarik Ersin Yoleri gehörende EECH AG, vor einigen Monaten aus dem Konzern herausgelöst, wurde bereits Ende März beim Amtsgericht Hamburg Insolvenzantrag gestellt. Wenig später dann, am 17. April, erklärte sich auch noch der Mutterkonzern (EECH Group AG), inzwischen unter neuer Führung, für pleite. Er kann nicht einmal mehr die fälligen Zinsen der Kunstanleihe auszahlen.

Zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den toughen Finanzmarktjongleur Yoleri wegen schweren Kapitalanlagebetruges. Das Geld, mit dem der Manager seinen Kaufrausch in Sachen Kunst finanzierte, stammte offensichtlich aus trüben Quellen. Von der EECH AG, so stellte das Hamburger Landgericht bereits fest, ist "Kapital in erheblicher Größenordnung vertragswidrig zur Anschaffung von Kunstwerken verwendet worden". Im Zentrum der noch "laufenden Untersuchung", so der Hamburger Oberstaatsanwalt Rüdiger Bagger, steht der Vorwurf, Anlegergelder aus Wind- und Solarenergie-Anleihen zweckentfremdet zu haben.

Durch den Konkurs des Mutterkonzerns droht für die Anleger der Kunstanleihe nun der Totalverlust, da die EECH Group AG direkt als Ausgeber der Anleihe aufgetreten war. Was da die derzeit von der Art Estate AG für die Zeichner des Kunstfonds in Umlauf gebrachten Durchhalteparolen Wert sind, wird sich zeigen. Trotzigen Optimismus hatte auch der Mutterkonzern noch Ende Februar verbreitet und den Kunstanlegern eine Zahlung „vermutlich im Juni“ in Aussicht gestellt. Doch war das Vertrauen der Kunden, die schon zweimal nicht fristgerecht ihre fälligen Zinsen erhalten hatten, längst verspielt.

Angesichts des drohenden Debakels hoffen erboste Kläger – darunter auch der Nürnberger Hans Bünning – nur noch auf die Gerichte oder den Insolvenzverwalter. "Unter den Anlegern", bestätigt Rechtsanwalt Matthias Gröpper von der Hamburger Kanzlei B/G/K/S, die zur Zeit rund 80 von Tarik Ersin Yoleri enttäuschte private Anleger vertritt, "gibt es nur noch eine Parole: Rette sich, wer kann!"

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