Kunstboom - Umfrage

Ist der ganz große Kunstboom vorbei?

Trotz steigender Auktionsergebnisse und einer schnell wachsenden Galerienlandschaft kommt langsam die Vermutung auf, dass der ganz große Kunstboom vielleicht bald zu Ende ist. art fragte nach bei Sammlern, Kritikern, Galeristen und Experten von Auktionshäusern, Messen und Museen: Ist der Kunstboom vorbei?
Ist der Kunstboom vorbei?:Experten nehmen Stellung

Ist der Kunstboom wirklich vorbei? Wird die Blase platzen, oder dreht sich die Kunstmarktspirale unendlich weiter, wie Carsten Höllers Karussell "Baja Buggies" (2008) bei der Galerie Esther Schipper auf der Art Basel

Die bildende Kunst ist in den letzten Jahren zu einem Teil der Popkultur geworden, begleitet von einem beispiellosen Aufschwung des Kunstmarkts: Die Auktionsergebnisse erreichen ungeahnte Höhen, die Galerienlandschaft wächst und wächst, immer mehr Sammlungen öffnen ihre Türen für die Öffentlichkeit, und glamouröse Selbstdarsteller wie Damien Hirst oder Jonathan Meese haben Hochkonjunktur.
Nun mehren sich die Anzeichen, dass der ganz große Boom langsam aber sicher dem Ende zugeht: Dem schwankenden Kulturstandort Deutschland fällt es inzwischen zunehmend schwer, sich zu behaupten, aber auch weltweit taumeln die Kunstmessen in die Krise. Exklusiv für art nehmen Sammler, Kritiker, Galeristen und Experten von Auktionshäusern, Messen und Museen Stellung zu der Frage: Ist der Kunstboom vorbei?

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Matthias Arndt, Galerist Berlin:
"Der viel beschriebene 'Boom' oder 'Hype' der Gegenwartskunst ist genauso wie dessen nun vielfach diagnostiziertes Ende nicht unser Problem! Natürlich sind die Märkte breiter geworden, Asien, Indien und Russland sind neue Produktionsorte, aber auch (künftige) Absatzmärkte für westliche wie internationale Kunst. Relevante Kunst jedoch wächst nicht auf Bäumen! Und anspruchsvolle und zuweilen auch 'sperrige' Positionen zu entdecken und zu verkaufen war nie einfach und geht nicht von selbst. Es geht um die Inhalte, darum, die beste Kunst zu zeigen und sein Publikum dauerhaft zu 'erziehen' und zu gewinnen. Die Fragen nach Boom und Spekulationsblasen überlasse ich gerne denen, die das Investment und die Spekulationsblasen im Kunstbereich suchen."

Ulrike Groos, Direktorin der Kunsthalle Düsseldorf:
"Der sogenannte Kunstboom hat durchaus auch seine positiven Seiten: Noch nie wurde so viel Geld für Künstlerförderung und Stipendien ausgegeben, noch nie kamen mehr Besucher in die Museen und Ausstellungshäuser, und selten wurde über zeitgenössische Kunst auf so breiter Ebene diskutiert. Kunstmessen kommen und gehen, die Erfolgreichen werden bleiben. Solche Entwicklungen sind ganz natürlich und finden in regelmäßigen Abständen immer wieder statt. Das letzte Mal wurde das Ende des Kunstbooms Anfang der neunziger Jahre ausgerufen. Das Ende der Kunst hat es allerdings nicht bedeutet."

Gerald Matt, Direktor der Kunsthalle Wien:
"Der Kunstboom ist nicht vorbei. Im Gegenteil: Die Bedeutung von Kunst als Gradmesser für zeitgenössische Lebensverhältnisse wird in den kommenden Jahren noch zunehmen. Was sich ändert, ist die Infrastruktur des Marktes und noch mehr des Kunstsystems. Europa und die USA sind nicht mehr die alleinigen Player. China, Indien, Russland, der arabische und afrikanische Raum sind dazugekommen. Die Regeln des Spiels verändern sich. Kunst kommt nicht mehr primär aus den G8-Staaten. Länder mit niedrigem BIP (Afrika, Lateinamerika, Asien) sind nicht mehr Objekte ästhetischer Ausbeutung (Picassos Negerplastik), sondern brechen als Produzenten ästhetischer Haltung und Praxis die Kunstdominanz des Westens auf. ,Das Recht zu erzählen, ist mehr als nur ein sprachlicher Akt‘, hat der Kulturtheoretiker Homi Bhabha einmal geschrieben. Und das ist das wichtigste Resultat des Kunstbooms der letzten Jahre."

Holger Liebs, Kunstkritiker der "Süddeutschen Zeitung":
"Die gebetsmühlenartig wiederholte These von der Blase des Kunstmarkts, die bald platzen werde, ist selbst eine Blase. Im Großen und Ganzen ist der Markt stabil. Man sollte im Übrigen 'die großen Debatten' nicht mit dem Marktboom verwechseln – da geht es nicht um Diskurse, sondern um Geld. Und: Eine 'Grand Tour'-Konstellation wie 2007 gibt es ohnehin nur alle zehn Jahre – und dennoch häufen sich auch dieses Jahr Ausstellungshöhepunkte von Grünewald bis Tillmans. Was bleiben wird? Möglicherweise nur eine geringe Prozentzahl heutiger mit Aplomb gegründeter Privatmuseen."

Katharina Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein, Leitung Sotheby’s Hamburg:
"Man kann das Ende eines Kunstbooms auch herbeireden. Die in diesem Sommer bei Sotheby’s in London durchgeführten Auktionen mit Kunst des Impressionismus, der Klassischen Moderne und zeitgenössischen Kunst haben insgesamt einen Rekordumsatz von mehr als 251 Millionen Pfund erzielt, was einem Umsatzwachstum von 22 Prozent gegenüber den in der ersten Hälfte des Vorjahrs stattgefundenen Auktionen entspricht. Zudem wurde in der Abendauktion für Altmeistergemälde in London 93 Prozent des Auktionsangebotes nach Wert versteigert. Diese Zahlen sprechen doch für sich."

Axel Haubrok, Sammler Berlin:
"Natürlich wird es eine Korrektur bei der Preisentwicklung auf dem Kunstmarkt geben. Es kann doch nicht immer nur nach oben gehen. Aber das grundsätzliche Interesse an zeitgenössischer Kunst bleibt auch in Zukunft hoch. Nur wird sich Spreu vom Weizen trennen. Eine entsprechende qualitative Selektion ist aus meiner Sicht auch dringend erforderlich."

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