Buch-Neuerscheinung - Stefan Heidenreich

“Für die Kunst kann es gut ausgehen

Stefan Heidenreich, bislang vor allem als Kunstkritiker und Kulturwissenschaftler aus Berlin bekannt, ist auch ein profunder Kenner des globalen Finanzwesens. Gemeinsam mit seinem Bruder Ralph, einem Landvermesser, legte er kürzlich im Merve-Verlag das Buch “Mehr Geld“ vor, in dem es um die Ursachen der Finanzkrise geht:
Kunstexperte zur Finanzkrise:Stefan Heidenreich über Geld, Kunst und sein Buch.

Kunstkritiker und Finanzexperte: Stefan Heidenreich

Herr Heidenreich, Sie sind Kunstkritiker, aber in Ihrem neuen Buch geht es nur um Geld. Warum?


Kunstkritiker bin ich nur, wenn ich Kunst für die Welt im Ganzen für wichtig halte. Sie ist eines von mehreren Interessenfeldern. Die Ökonomie ist immer ein anderes gewesen, vor allem seit langem in Diskussionen mit
meinem Bruder. Vor fünf Jahren wurde uns deutlich – wie vielen anderen im übrigen auch – dass die Lage sich zuspitzt.


Hat sich die Kunst bislang zuwenig mit Ökonomie befasst?


Kunst hat sich immer wieder mit der Ökonomie befasst, ich schätze zum Beispiel sehr die Arbeiten Michael Stevenson zu dem Thema. Allerdings wird Kunst ansonsten gerne oberflächlich, wie so oft, wenn sie sich mit “etwas“ befasst. Ich glaube, die Stärke von Kunst liegt nicht darin, einen bestimmten Inhalt zu zeigen. Oft drängen Kuratoren Künstler dazu, und dann gerät Kunst leicht zur bloßen Illustration.


Wie wird sich die Finanzkrise auf das Kunstgeschehen auswirken?


Sie kann dazu beitragen, spekulative Übertreibungen der jüngsten Zeit zu bereinigen. Für die Kunst kann es gut ausgehen, auch wenn wir danach ein paar weniger Sammler, Händler, Galerien und Künstler haben werden.


Ist demnächst mit Crashs für internationale Großgalerien und Auktionshäuser zu rechnen?


Pleiten wird es wohl schon geben, und zwar vor allem dort, wo das Geschäft kreditfinanziert aufgeblasen wurde, oder wo Galerien und Museen zu abhängig von einzelnen Sammlern aus der Finanzwelt sind.


Bringt der Crash an den Börsen eine neue Kunst?


Das hoffe ich eindringlich. In zehn Jahren wird vieles von dem, was jüngst produziert wurde, ziemlich alt aussehen. Für die Kunst ist die Krise eine Chance. Sie hat eine einzigartige Position in unserem kulturellen Gefüge, relativ frei von Marktzwängen, frei von medialen Vorgaben. Wenn die lästige Fixierung auf Künstler als singuläre Autoren und Helden etwas nachlassen würde, könnte Kunst tatsächlich wieder eine ganz außergewöhnliche Position als Medium kultureller Reflexion und Beobachtung zurück gewinnen.

Ralph und Stefan Heidenreich:
Mehr Geld. Merve Verlag Berlin,
Preis: 11 EUR