Harald Falckenberg im Interview

»Die Spekulanten sind weg«

Harald Falckenberg, Art-Cologne-Preisträger 2009, über Kunstmessen, Kitsch und Sammeln in Zeiten der Krise.
"Jetzt sind die Spekulanten weg":Falckenberg über Sammeln in Zeiten der Krise

Sammler Harald Falckenberg

art: Anscheinend leidet das Rheinland an ei-ner Pechsträhne. Die Messe krän­kelt und immer mehr Galeristen, Künstler und Privatsammler wandern ab.

Harald Falckenberg: Ich habe mich immer für Köln und Düsseldorf eingesetzt. Es hat sich dort eine einmalige kulturel­le Landschaft entwickelt und bezogen auf Europa liegt keine Region in Deutschland besser. Jetzt wandern Künstler und Galeris-ten nach Berlin ab. Sollen sie doch ge­hen. Dann wird wieder Raum für junge Leute frei! Mit der Kunst ist es wie mit einem Wald. Wenn Bäume zu übermächtig werden, kann sich Neues nur schwer entwickeln. Der jahrzehntelange Erfolg hat an Rhein und Ruhr ein Netzwerk von Interessen und per­sönlichen Beziehungen entstehen lassen. Jetzt sind die Väter des Er­folges in die Jahre gekommen.

Wie wirkt sich die globale Krise auf den Kunstmarkt aus?

Wenn man in den letzten Jahren über die Kunstmessen ging, gab es da zu 70 Prozent Kitsch. Das ent­sprach dem Geschmack der Käufer. Doch jetzt sind die Spekulan­ten wieder verschwunden. Und das tut der Kunst gut. Die Preise sinken, und Sammler, die ihre Sammlung nicht am Marktwert messen, werden in den nächsten Jahren wieder die Gelegenheit ha­ben, Kunst etablierter Künstler zu erschwinglichen Preisen zu erwer­ben. Wie es weitergeht, weiß keiner. Es bestehen aber wenig Zweifel daran, dass der Kunstmarkt sich auf Dauer nicht von den allgemeinen Marktentwicklungen abkoppeln kann. Die Auf- und Abschwünge des Kunstmarkts in den letzten 50 Jahren sind in Dekaden verlaufen. Sie standen dabei in engem Zusammenhang mit der Deregulierung der Finanzmärkte und ihrer Öffnung für Spekulanten. Deren Motto heißt seit jeher: „Get in, get rich, get out“. Die Kunstmärkte boomten in den drei Dekaden der Spekulation – den sechziger und achtziger Jahren und im ersten Jahrzehnt die­ses Jahrhunderts. Mit dem Platzen der Finanzblase in den siebziger und neunziger Jahren haben sie ihren Niedergang erlebt. So betrachtet, geht der Kunstmarkt jetzt schweren Zeiten entgegen. Aber die Sammler unter den Käu­fern werden weitermachen. Auch bleibt abzuwarten, welchen Einfluss der heutige Kulturbetrieb, mit weltweit mehr als 50 Bien-nalen und Triennalen und einer nicht mehr überschaubaren Zahl von Wechselausstellungen in Museen und Kunsthallen, nehmen wird. Kunst definiert sich längst nicht mehr nur über den Kunstwerkbegriff und Stilrichtungen wie Pop und Op, sondern über Län­­der, Regionen und Kulturen, gestern China, heute Indien.

Und welche Rollen spielen Museen in dieser Krisensituation?

Museen haben nach wie vor eine zentrale Stellung im Kunstbetrieb. Der Staat stellt ihnen aber immer weniger Mittel zur Verfügung, so dass sie den traditionel­len Aufgaben des Sammelns, Bewahrens und Forschens kaum noch gerecht werden können. Ihre Aktivitäten konzentrieren sich auf die Vermittlung von Kunst, auf Wechselausstellungen, Events und Spektakel. Nur so lassen sich Besucherquoten erzielen. Diese Entwicklung scheint unumkehrbar. Und es ist eine ganz wichtige Aufgabe der Museen, ihre Sammlungen, die sich zum großen Teil in Lagern und Archiven befinden, für den aktuellen Ausstellungs-betrieb zu aktivieren. Aber es gibt kei­ne Patentrezepte. Am Ende ent­scheidet die Leistung des Direktors darüber, wie sich Sammlung und Ausstellungsbetrieb sinnvoll ergänzen und einander zuordnen lassen.

Warum sind Sie ein Engagement bei den Verlagen Merve und Fundus eingegangen?

Für mich ist das eine Ergänzung meiner Sammlertätigkeit. Die Auseinandersetzung mit Kunsttheorie ist so wichtig wie die Auseinandersetzung mit Kunstwerken. Es wäre wirklich traurig, wenn diese verdienstvollen Verlage untergehen würden. Für mich war der Einstieg eine konkrete Hilfe und kein verlegerisches Kalkül. Warum soll es immer um Gewinn gehen? Wenn ich Kunst kaufe, stelle ich mir ja auch nicht diese Frage. Ich habe nie mit Kunst spekuliert.

Und wie geht es mit Ihrer Sammlung weiter?

So genau weiß ich das auch nicht. Mit dem Ausbau der Räume in Harburg habe ich ein Zeichen da­für gesetzt, in Hamburg zu bleiben. Seit längerem gibt es Gesprä­che mit der Kulturbehörde und der Kunsthalle über eine nähere Zusammenarbeit. Wir wollen einen gemeinsamen Weg finden und werden in den nächsten Monaten eine Entscheidung treffen. Die Crux ist natürlich die finanzielle Gestaltung. In Zeiten der Wirtschaftskrise ist die Lage nicht gerade einfacher geworden. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir eine Lösung finden. Meine Vorstellung ist, die Ausstellungsräume in Harburg der Kunsthalle zu übertragen und so das institutionelle Spektrum für junge Kunst in Hamburg mit der Galerie der Gegenwart, dem Kunstverein, den Deichtorhallen und den Räumen in Harburg langfristig zu verstärken. Ich habe vor, meine Sammlung weiter auszubauen, aber in einem anderen Tempo als bisher. Es gibt neue junge Positionen wie zuletzt Monica Bonvicini und Christoph Büchel, aber auch den Erwerb einer wichtigen Arbeit von Hans Haacke aus dem Jahr 1984. Ich sehe die Hauptaufgabe in den nächsten Jahren darin, die Sammlung zu konzentrieren. Die sich andeutende Marktentwicklung wird mir hoffentlich helfen, die vorhandenen Schwerpunkte sinnvoll zu ergänzen.