RAF-Totenmasken - Kunstmarkt

Museen winken bei RAF-Totenmasken ab

Am 18. Oktober 1977 nahm der Bildhauer Gerhard Halbritter den RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe nach ihrem Tod in Stuttgart Stammheim die Totenmaske ab. Nach über dreißig Jahren tauchten diese auf dem Kunstmarkt auf. Der Kunsthändler Andreas Albrecht erwarb sie für 20 000 Euro von der Tochter Halbritters und bietet sie nun Museen zum Kauf an.

Als der Zinnowitzer Kunsthändler Andreas Albrecht, 43, das erste Mal die Totenmasken der RAF-Terroristen Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe in den Händen hielt, übermannten ihn – wie er sagt – "unglaubliche Emotionen". Nur wenige Stunden nach dem Suizid der drei Top-Terroristen am 18. Oktober 1977 hatte der Bildhauer Gerhard Halbritter die Totenmasken von den Leichen genommen. Nun gehören die Gesichtsabdrücke dem
Kunsthändler. Er hatte sie über einen Berliner Kollegen Anfang des Jahres für 20 000 Euro von der Tochter des Künstlers gekauft.

Zeigen will Albrecht die Masken nicht. Jeden Zweifel an der Echtheit der Abdrücke wischt der 43-Jährige jedoch vom Tisch. "Ich stelle die Masken jederzeit für DNA-Analysen zur Verfügung." Seit das Magazin "Focus" über die Gipsabdrücke und den Kauf durch Albrecht berichtet hatte, kann sich der Zinnowitzer Kunsthändler vor Anrufen kaum retten. Nicht nur Journalisten bitten um Interviews, auch Sammler fragen nach den Preisen. "Ich verkaufe die Stücke nicht an Privat", sagt er bestimmt. Für Albrecht sind die Totenmasken keine verehrenswürdigen Reliquien. Sie sollten deshalb nicht in falsche Hände geraten.

"Ich bin kein Reliquiensammler"

Ursprünglich hatte Albrecht vor, die Abdrücke an das Deutsche Historische Museum in Berlin oder das Haus der Geschichte in Bonn zu geben. Bisher erhielt er nur Absagen und ist darüber verwundert. "Dass der Weg so steinig sein würde, hatte ich nicht gedacht", sagt er. Auch dem RAF-Experten Stefan Aust, der Geschichte und Hintergründe der Rote Armee Fraktion in dem Werk "Der Baader-Meinhof-Komplex" detailliert aufgearbeitet hat, wurden die Stücke
über einen Mittelsmann angeboten. "Ich habe abgelehnt. Ich bin kein Reliquiensammler", sagt Aust der Deutschen Presse-Agentur dpa. Der Erkenntnisgewinn eines solchen Stückes ist für den Journalisten zweifelhaft. "Ich halte die Totenmasken nicht für eine solche Sensation."

Das Haus der Geschichte in Bonn begründete die Absage damit, dass die Totenmasken nicht der Aufarbeitung dieses schwierigen Teils deutscher Nachkriegsgeschichte dienen. "Auf die Frage der Anwendung von terroristischer Gewalt und der Reaktion eines Rechtsstaats darauf hätten die Abdrücke keine Antworten geliefert", sagt
Sammlungsdirektor Dietmar Preißler. Zudem hätten die Abdrücke die Täter über die in Fotografien gezeigten Opfer gestellt, gibt der Historiker zu bedenken.

"Wer hat damals der Abnahme zugestimmt?"

Ein weiterer Grund das Angebot abzulehnen, waren die aus Sicht des Museums unklaren rechtlichen Hintergründe. "Wer hat damals der Abnahme der Totenmasken zugestimmt?" Nach einem Bericht des "Spiegel" aus dem Jahr 2002 hatte Ensslins Vater Helmut das Einverständnis zur Abnahme der Masken erteilt. Doch offen bleibt die Frage, warum sich die Masken nicht im Besitz der Angehörigen befanden. Insgesamt sollen nach dem Selbstmord der Terroristen vier Sätze an Totenmasken genommen worden sein: drei von dem obduzierenden Gerichtsmediziner
Hans Joachim Mallach, einer von Halbritter.

Kunsthändler Albrecht will sich nicht beirren lassen. Er schließt nicht aus, die Masken einem Museum im Ausland anzubieten. "Die Geschichte des Terrors ist eine internationale Geschichte", sagt er. Martina Rathke, dpa