Open Art 2009 - Galerienrundgang München

Schluss mit Stammtisch-Muff

Mit „Open Art“ starteten die Münchner Galerien am Wochenende in die Herbstsaison. Wieder einmal verfehlte die Galerieninitiative trotz Lippenbekenntnissen den seit Jahren überfälligen Relaunch. Wenn es trotzdem fantastische Ausstellungen zu sehen gibt, so liegt das eher an den Abtrünnigen.

"Nicht bei jedem Galeriekunden, der jetzt mit einer Limousine vorfährt, kann man davon ausgehen, dass er auch entsprechend liquide ist." Mit notorisch launiger, aber kaum kunstaffiner Rede eröffnete Oberbürgermeister Christian Ude die Münchner "Open Art". Der neu geworbene Sponsor BMW sollte der nicht gerade blendenden Münchner Galerienwelt zum Saisonstart einen Hauch von Glamour spenden. Für die eher spärlich gesichteten VIP-Gäste alias Sammler besorgte die Galerieninitiative neben dem Shuttle-Service auch ein Dinner im Café der Hypokunsthalle. So sehr diese Köder zu begrüßen sind, von wirklichem Reformwillen ist bei den Initiatoren des Galerienwochenendes nichts zu spüren.

Der Katalog in Rostrot mit seinem windigen Boutiquenschriftzug wirkt wie ein Relikt aus den späten Siebzigern. Den Vorstand der Initiative scheint eine Art Altersstarrsinn zu plagen. Nachdem man innovationshungrige Mitglieder endgültig vergrault hat, wird der Stammtischhumor auf Plakaten und Postkarten mit Werbesprüchen der Sorte "Unikat sucht Original" oder "Kunst oder Kunst ned?" hemmungslos ausgelebt . Da spricht selbst der an sich sehr bodenständige Lokalkulturteil der Süddeutschen Zeitung von einem "bierdimpfeligen" Auftritt.

Illustre Künstlernamen nur im "Radar"

Galeristin Tanja Pol, die vor Monaten demonstrativ aus dem Verband ausgetreten ist, sagt: "Ich fühle meine Interessen durch die Initiative einfach nicht vertreten." Bereits vor der Open Art hat sie den britischen Künstler Paul Morrison in die Stadt geholt. In Morrisons fett schwarz konturierte Fabellandschaften und -porträts kreuzt sich mittelalterliche Bildeinprägsamkeit mit heutigem Comic. Durchaus illustre Künstlernamen wie Morrison findet man einzig auf einem alternativen Faltblatt namens "Radar". Längst hat sich dieser mit dem Berliner "Index" vergleichbare Leitfaden durchgesetzt, der die eigentlichen Münchner Schauplätze der zeitgenössischen Kunst nach Qualitätskriterien listet. Anhand von "Radar" sind dann auch schnell die spannenden Ausstellungen der diesjährigen Open Art gesichtet: Motoko Dobashis psychedelische Wandmalereien bei Dina4 Projekte, Thomas Steffls störrische Nudistencamp-Installation bei Michael Zink, ein in Tuschemalerei fabrizierter Animationsfilm des Chinesen Qiu Anxiong bei Barbara Gross.

Münchens Paradegalerist Rüdiger Schöttle hat in seinem Galeriehaus eine Doppelschau eingerichtet: Während im Obergeschoss Thomas Ruff mit eleganten Manipulationen von etwa NASA-Fotomaterial durchs All schlingert, lagert im Erdgeschoss der Berliner Maler Thomas Helbig Duftmarken der Moderne zauberisch auf neuen Bildern ab. "Hat wer ein Mittel?" – mit doppelbödigen Sprüchen aus der Subkultur prägt der Österreicher Stefan Sandner handschriftlich seinen Malereidiskurs (Andreas Grimm). Von den bekannten Malergrößen Peter Zimmermann (Galerie Six Friedrich Lisa Ungar), Günter Fruhtrunk (Walter Storms) und David Reed (Häusler Contemporary) wurde Museumsreifes zusammengetragen.

Schöne Choreografie des Unbewussten

Mehr und mehr mausert sich München durch professionell betriebene Off Spaces. Markus Draper, der Ende September auch auf der Berliner Galerien-Schau "def" vertreten sein wird, taucht den abgedunkelten Raum der Sun Gallery in eine zwielichtige Filmset-Atmosphäre und lässt dazu auf sieben Monitoren künstliche Sonnen als pseudofuturistische Modelle rotieren.

Der mit Abstand schönste Gruppenauftritt ist Steinle Contemporary gelungen: Vier Münchner Akademiekünstlerinnen erdichten mit Video, Skulptur, Collagen und verspannten Fäden eine Choreografie des "Unbewussten". Das Who's-Who der Los-Angeles-Szene ist in großformatigen Papierarbeiten bei Sabine Knust zu bestaunen. Mit Vorsicht zu genießen ist hingegen die von einem Privatsammler getragene Ausstellung zu Epigonen der zeitgenössischen indischen Kunst in der Galerie Neumeister. Hieraus erklärt sich mit Verlaub kein Hype.

Der provinzielle Dorn im Auge bleibt

Summa summarum könnte sich also diese Open Art durchaus sehen lassen. Der provinzielle Dorn im Auge bleibt. In keiner anderen Stadt wird die Galerienszene durch „Händler“ repräsentiert, deren hervorstechendstes Merkmal darin besteht, dass sie jenseits der Stadtgrenzen quasi nicht vorhanden sind. Galeristin Dina Renninger, ehemals im Vorstand gegen Barrieren gelaufen, begründet ihren Ausstieg: "München konkurriert mit anderen deutschen Großstädten um die Aufmerksamkeit eines internationalen (Sammler-)Publikums. Dafür ist eine attraktive Außendarstellung der Kunstszene eine wichtige Voraussetzung."

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