Kunstmessen Stockholm - Schweden

Ikea-Feeling und Weinskandal

Draußen meterhoch der Schnee, drinnen halbfertige White Cubes und Polizei, die Vernissagewein beschlagnahmte – es ist Kunstmessenzeit in Stockholm.
Ikea-Feeling und Weinskandal:Drei Messen mit Kunst aus Nordeuropa

Torbjörn Berg und Alvaro Campo: "Remote Controlled Artist"

Einen besseren Start zu den Kunstmessetagen in Stockholm hätte es kaum geben können: Der erste Stand auf der Messe Market ist der der Galerie Bo Bjerggaard. Zwischen Gemälden Per Kirkebys, Fotos von Erik Steffensen und Eve Sussmann steht der Chef persönlich. Seine Galerie gehört nicht nur zu denen, die die anerkanntesten Namen in Nordeuropa präsentieren, sondern Bo Bjerggaard dürfte auch Nordeuropas freundlichster und bestgelaunter Galerist sein.

Auf der Kunstmesse in Stockholm steht er wie gewohnt lächelnd zwischen den Werken und schwärmt, dass er schon fünf Arbeiten von Steffensen verkauft habe – dabei hat die VIP-Eröffnung gerade erst vor einer Stunde begonnen. Auf der Kunstmesse Liste in Basel standen vor ein paar Jahren einmal im Rahmen einer Performance etliche Frauen am Eingang in einer Reihe, um die Besucher einzeln per Handschlag und mit einem Lächeln zu begrüßen. In Stockholm stand dafür also Bo Bjerggaard.

Was die anderen Aussteller in Stockholm zeigten, ist als durchmischt zu bezeichnen, aber das ist ja nicht unbedingt das Schlechteste. Dem Trend zur Zweit- und Drittmesse hat sich auch die schwedische Hauptstadt nicht entzogen. In diesem Winter wurden mit Art Market, Supermarket und Art Anglais gleich drei Messen abgehalten. Die größten Namen wurde bei Market – abgehalten wie gewohnt in den ehrwürdigen Räumen der Kunstakademie – gezeigt. Es gab bei Andersson Sandström (Umeå, Schweden) Louise Bourgeois, bei Christina Wilson (Kopenhagen) ein Brustporträt mit zugehöriger Geschichte von Sophie Calle, außerdem Martin Parr und Carsten Höller bei Gun Gallery (Stockholm), Olafur Eliasson bei i8 (Reykjavik) und eben Kirkeby und Sussman bei Bo Bjerggaard.

Überblick über den nordeuropäischen Markt

Doch für all die großen internationalen Namen muss man nicht nach Stockholm fahren. Für Leute, die außerhalb Nordeuropas wohnen, ist Market vor allem interessant, weil sie hier einen Überblick über den nordeuropäischen Markt bekommen. Und das betrifft nicht nur Galerien und Künstlerszene – dank Nebenmesse Supermarket waren auch die von Künstlern selbst betriebenen Ausstellungsräume gut vertreten.

Bei Market fiel die Dänin Gudrun Hasle (Beaver Projects, Kopenhagen) auf. In zeichnerisch aussehenden Stickarbeiten bildet sie Tracy Emins berühmtes Bett nach – in recht eigenwilliger Schreibweise. So steht über dem Bett der Spruch "Hvot bed shut I borov to crae ind" (korrekt: "What bed should I borrow to cry in"). Christian Larsen (Stockholm) zeigte Fotografien des Schweden Joakim Eneroth, dessen Landschafts- und Stadtszenerien mit ihrem ungewöhnlichen Unschärfebereich vielleicht etwas zu sehr an die Arbeiten des Finnen Miklos Gaál erinnerten. Origineller waren da schon seine Fotos der Serie "Swedish Red", die fensterlose Holzhäuser in eben jener typisch schwedischen Farbe zeigten.

Tanz in Unterhosen

Market hat doch ein Problem – die Räumlichkeiten sind klein und etliche Galeristen nicht in der Lage, unter diesen Bedingungen ansprechend zu hängen. Nicht selten sahen die Messestände aus wie die Posterabteilung bei IKEA, nur dass statt Grünpflanzen um die Ecke Skulpturen standen. Wie erfrischend erschien da Galerie Riis (Oslo), die die gesamte Rückwand mit einem einzigen Bild des Dänen Troels Wörsel behängt hatte.

Wesentlich ungeordneter ging es auf der als Alternativmesse gestarteten Supermarket zu. Rund 60 "artist run spaces", längst nicht nur aus Nordeuropa, waren präsent. Aus Deutschland gab es gleich fünf Teilnehmer, darunter artillerie (Berlin), FIT Freie Internationale Tankstelle (Berlin) und V8 Plattform (Karlsruhe).

Leider waren die meisten Künstler von ihren Ideen wohl so überzeugt, dass sie sich gar nicht erst die Mühe machten, die Arbeiten zugänglich zu präsentieren. Ein Erfolg war die Messe wohl am Ende immerhin insofern, als die über 60 Aussteller genug Gelegenheit hatten, sich untereinander auszutauschen. Dennoch fielen auch bei Supermarket Künstler auf, so Tatu Hiltunen, der in Unterhosen tanzte – gezeigt wurde das als Stopp-motion-Video bei Hippolyte (Helsinki).

Die dritte Messe, die Art Anglais, machte vor allem mit einer Geschichte vom Eröffnungsabend von sich Hören: Die Polizei sei bei der Messe gewesen, hieß es, und habe etwas beschlagnahmt. Doch war es nicht etwa provokative Kunst, die von den Ordnungshütern mitgenommen wurde, sondern der Vernissagewein (den Organisatoren nämlich fehlte die notwendige Schankerlaubnis).

Im kommenden Februar wird wieder Messezeit in Stockholm sein. Spätestens dann sollte der von Karl Haendel gemalte und auf Market präsentierte Spruch "A year from now what will I wish I had done today?" in den Sinn kommen.

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