Frühjahrsauktionen - New York

Der globale Hunger

Große Ikonen der Kunst wurden bei den Frühjahrsauktionen von Sotheby's und Christie's verkauft. Den absoluten Rekordpreis von 106,5 Millionen Dollar erzielte Picassos Werk "Nackte, grüne Blätter und Büste".
Der globale Hunger:Frühjahrsauktionen bei Sotheby's und Christie's

Versteigerung von einem Selbstporträt von Andy Warhol bei Sotheby's

An einem einzigen Tag im Jahre 1932 hat Picasso das Bild seiner Liebhaberin Marie-Thérèse Walter gemalt. Acht endlos erscheinende Minuten brauchte Christie’s Chefauktionator Christopher Burge, bis er das Werk "Nackte, Grüne Blätter und Büste" für den absoluten Rekord von 106,5 Millionen Dollar versteigert hatte.

Damit ist es die teuerste Arbeit der Welt, die jemals bei einer Auktion unter den Hammer kam. Sicher, die Welt steckt in einer Rezession. Aber wirklich verwundert hatte das Ergebnis niemanden. Kurz vor der Versteigerung war durchgesickert, dass der Schätzpreis auf 70 bis 90 Millionen Dollar angesetzt war.

Die Versteigerung schlug dennoch Wellen. "New-York-Times"-Kritikerin Roberta Smith ließ sich darüber aus, wie unbefriedigend es sei, dass ein derartiges Meisterwerk zu einem derartigen Preis bei einem anonymen Superreichen landet. Handelt es sich um einen russischen Tycoon, der vermeiden will, Wladimir Putins Aufmerksamkeit zu erregen? Ist es ein leidenschaftlicher Picasso-Sammler, der jeden Preis gezahlt hätte, oder wohl doch eher jemand mit dickem Schweizer Bankkonto? ,fragte sich Smith, während andere bedauerten, dass der Picasso hiermit für die Öffentlichkeit verschwinden wird. Insgesamt brachte die Abend-Versteigerung von "Impressionisten und Moderner Kunst" bei Christie’s 335 Millionen Dollar ein. 30 der 56 Lose lagen über einer Million. Das Geld sitzt also wieder locker. "Es gibt viele reiche Leute in dieser Welt, die der Meinung sind, dass der Kunstmarkt guten Schutz vor Inflation bietet", meinte Marc Porter von Christie’s.

Wie der Picasso stammten 27 der Lose aus der Sammlung der 2009 verstorbenen Amerikanerin Sidney Brody, die ironischerweise selbst niemals bei einer Auktion Kunst eingekauft hatte. Insgesamt wurden mit dem Verkauf ihrer Sammlung 224 Millionen Dollar erzielt, die zum Teil an eine ihrer Stiftungen fließen sollen. Mit "La Treille" von Georges Braque wurde mit 10,6 Millionen Dollar ein Weltrekord für den Künstler gesetzt. Eine Bronzefigur von Alberto Giacometti ("Grand Tete Mince") verkaufte sich für 53 Millionen Dollar – also für ungefähr die Hälfte des Rekordpreises, der gerade erst im Februar bei den Auktionen in London bei Sotheby’s für Giacomettis "L’homme qui marche I" gezahlt worden war. Zwei weitere Giacometti-Bronzen landeten auf der Top-Ten-Verkaufsliste des Abends, die sich der Meister mit vier Picassos teilte. Der griechische Financier Dimitri Mavrommatis gönnte sich der Finanzkrise seines Landes zum Trotz Picassos "Femme au chat assise dans un fauteuil" für 18 Millionen Dollar.

Stattliches Ergebnis für Jasper Johns "Flag"

Mit einem Gesamtergebnis von 195 Millionen Dollar bei den Impressionisten und moderner Kunst konnte die Konkurrenz Sotheby’s nicht mit Christie’s mithalten. Einer der Hoffnungsträger des Abend, ebenfalls ein Picasso ("Femme au Grand Chapeau, Buste" von 1995), wurde für vergleichbar bescheidene 8,2 Millionen Dollar verkauft. Das Bild stammte aus dem Besitz des Kennedy-Clans und hing früher im Hause von Kennedys Schwester Patricia. Modiglianis Porträt seiner Muse "Jeanne Hebuterne au collier" erzielte 13 Millionen Dollar. Das Toplos, Henri Matisse' "Bouquet de fleurs pour le Quatroze Juillet" von 1919, ging für 28 Millionen Dollar an einen Telefonbieter. Interessant war, dass bei dieser wie bei einigen anderen Werken eine dritte Partei für einen Garantiepreis einstand – womit das Risiko für den Verkäufer und natürlich für das Auktionshaus entfiel.

Auch bei den Auktionen für zeitgenössische Kunst eine Woche später hatte Christie’s mit der Sammlung des 2008 verstorbenen Erfolgsautors Michael Crichton wieder das große Los gezogen. Der Verkauf brachte 93 Millionen Dollar ein, die zu dem Gesamtergebnis von 231 Millionen Dollar beitrugen. Die Werbetrommel war vorab fleißig gerührt worden. Sogar das Modemagazin "W" widmete dem Verkauf eine sechsseitige Fotostory. So ging Jasper Johns "Flag" (1960/66), die bei dem Autoren über dem Kamin gehangen hatte, für einen Rekord von 28 Millionen Dollar an den New Yorker Kunsthändler Michael Altman. Ein stattliches Ergebnis. Allerdings hatte Hedgefondsmanager Steve Cohen kürzlich 110 Millionen Dollar für eine größere "Flag"-Version bezahlt, die aus der Sammlung des legendären Kunsthändlers Leo Castelli stammte. Larry Gagosian, der die Verwaltung des Nachlasses von Robert Rauschenberg gewonnen und damit der Pace Gallery abgenommen hat, ergatterte Rauschenbergs "Trapeze" für 6,3 Millionen Dollar. Andy Warhols "Silver Liz" ging für 18 Millionen Dollar weg. Warhol-Sammler Alberto Mugrabi ließ sich Warhols "Self-Portrait" (von 1964) 5,6 Millionen Dollar kosten.

Maurizio Cattelan lieferte die Überraschung des Abends

Es war ein Warhol mit leuchtend lilafarbenem Selbstporträt mit Perücke auf schwarzem Grund (von 1986) in einer Größe von 2,7 mal 2,7 Meter, der dem Sotheby’s Team einen ebenfalls erfolgreichen Abend beschwerte. Das Bild ging für 32,6 Millionen Dollar an einen anonymen Bieter und wurde von Modedesigner Tom Ford verkauft, der in Finanzschwierigkeiten stecken soll und Chefauktionator Tobias Meyer gleich nach der Auktion anrief, um sich persönlich zu bedanken. "Ein sehr intelligenter Kauf", kommentierte Meyer und sagte voraus, dass die Arbeit so bedeutend für ihre Zeit wie Monets Wasserlilien werden wird. Es gibt insgesamt nur fünf Porträts aus der Serie in dieser Größe. Drei gehören Museen, eins dem Sammler Peter Brant.

Ein rotes Farbspiel von Marc Rothko verkaufte sich für 31 Millionen Dollar – und das, obwohl die Klage einer Sammlerin aus Dallas, der das Werk ursprünglich gehört hatte, gerade erst bekannt geworden war. Die Überraschung des Abends lieferte Maurizio Cattelan. Ein Selbstporträt, das den durch das Bodenloch eines Museums blickenden Künstler zeigt, erzielte einen Rekord von 7,9 Millionen Dollar. Grundsätzlich waren Skulpturen gefragt. Juan Muñoz "Conversation Piece II" von 2001 erzielte 4,9 Millionen Dollar, eine Arbeit von Ellsworth Kelly von 1996 brachte vier Millionen. Insgesamt wurden 50 der 53 Lose verkauft und 189 Millionen Dollar eingefahren. Es war der beste Verkauf seit Frühling 2008, als die Rezession kurzfristig die Geschäfte lahmlegte. "Die globale Community sucht nach Trophäen", meinte Tobias Meyer. "Es gibt einen globalen Hunger nach großartigen Ikonen."