Art Adviser - Art Basel

In geheimer Mission

Wenn nächste Woche die Kunstmesse Art Basel eröffnet, kommt aus den USA wieder eine ganz besondere Gattung von Kunstagenten eingeflogen: die Art Adviser, die 
im Dienst ihrer Kunden den Markt auskundschaften und Kunst einkaufen. Die prominentesten von ihnen stammen aus New York, der Metropole des Handels.
In geheimer Mission:Art Adviser in Basel

Spezialist für junge Positionen: Kunstberater Raphaël Castoriano in der New Yorker Galerie Lehmann Mauphin mit Arbeiten von Nari Ward

Kim Heirston wird wieder in High Heels und den neuesten Designer-Outfits die Kojen abschreiten und die Botschaft verkörpern, dass ein Richard Prince an der Wand zum glamourösen Lifestyle dazugehört. Andere ziehen es vor, unauffällig zu agieren. Philippe Ségalot, der bei Christie’s die Abteilung für zeitgenössische Kunst leitete, bevor er sich selbständig machte, hat in der Vergangenheit, so das hartnäckige Gerücht, einen 
professionellen Visagisten für seine Basel-
Operation beschäftigt. Der verwandelte den Kunstberater mit der unverkennbaren Haartolle in einen Unbekannten. Unbemerkt soll sich Ségalot vor allen anderen in die Messe hineinschlichen haben, um die besten Arbeiten für seine Kunden – wie den französischen Milliardär François Pinault – zu reservieren. Sammler mit Geld, die bedient werden wollen, gibt es viele. Begehrenswerte Arbeiten wenige. Vor kurzem gelang es Ségalot und seinen Partnern, der Konkurrenz den auf 400 Millionen Dollar geschätzten wichtigen Teil der Sammlung der gestorbenen Galeristin Ileana Sonnabend wegzuschnappen.

"Wie meine Kunden bin auch ich ein Selfmademan."

"Ich bin froh, dass diese verrückten Boomzeiten vorbei sind, als Kunstberater und all diese neuen Sammler mit ihren Baseballkappen die Messen stürmten, um sich gegenseitig die besten Werke abzujagen", meint Thea Westreich. Im Büro ihrer Firma in SoHo hängen Arbeiten von jungen Künstlern wie Josephine Pryde und Uwe Henneken. Westreich gehört mit 28 Jahren Berufserfahrung zu den Beratern der alten Schule. Zu ihren ältesten Kunden zählt das kalifornische Sammlerpaar Norman und Norah Stone, für die Westreich bei einer Auktion bei Christie’s auch mal eigenmächtig über das von den Stones gesetzte Limit von einer Million Dollar hinausschoss und stur weiterbot – um für sie eine Ar
beit von Alberto Giacometti für 1,3 Millionen Dollar zu ersteigern. In Basel wird die Beraterin mit drei Mitarbeiterinnen ausschwärmen. Der Markt für Takashi Murakami ist ihrer Meinung nach überbewertet, bei Jeff Koons würden die falschen Arbeiten hoch gehandelt, und in erster Linie geht es ihr bei ihrem Service darum, den Kun
den Kunst zu vermitteln, die nicht an Relevanz verlieren wird – und dabei natürlich im Wert steigt. Fünf Sammler begleiten Westreich diesmal nach Basel. "Wir machen unsere Hausaufgaben und wissen in vielen Fällen im Voraus, was die Händler mitbringen oder im Hinterzimmer haben", erzählt die 67-Jährige. Wie in den vergangenen 20 Jahren wird sie mit ihrem Mann im exklusivsten Hotel von Basel, dem Les Trois Rois, wohnen.

Der unter Kunsthändlern angesehene, ehemalige Kurator Allan Schwartzman wird sich mit seinen Sammlern dem Trubel entziehen und in Zürich absteigen, um für Tagestrips mit der Bahn nach Basel zu fahren. Raphaël Castoriano, der sich seine Nische als Entdecker junger Kunst kreierte, wird den Basel-Besuch mit seinen aus allen Teilen der Welt stammenden Sammlern wieder in eine muntere Gruppenreise verwandeln. Sandy Heller, der aggressivere Beratertyp für die kunstbegeisterten Hedgefondsmanager, geht allein auf die Jagd. Ganz pragmatisch hat er sich für das Hotel Ramada Plaza in Basel entschieden. "Wie meine Kunden bin auch ich ein Selfmademan. Als junger Mann habe ich Lastwagen entladen", sagt Heller. Später studierte er Kunstgeschichte und lernte das Restauratorenhandwerk in Florenz, um dann doch die Textilfabrik des Vaters zu übernehmen. "Wenn ich arbeite, brauche ich keinen großartigen Luxus."

Die Telefone klingeln wieder fleißig

Heller steckt hinter dem Deal mit David Geffen, bei dem Willem de Koonings "Woman III" für etwa 137,5 Millionen Dollar 
an Hedgefonds-Milliardär Steven A. Cohen gegangen sein soll. Und er schaffte es, für seinen prominenten Kunden eines von Jasper Johns’ berühmten Flaggen-Bildern von Leo Castellis Sohn zu ergattern. "Wir versuchen nicht, einen Künstler zu kaufen, sondern wollen seine besten Arbeiten", sagt Heller, dessen Büro mit dem unscheinbaren "H" auf dem Türschild sich um die Ecke vom Whitney Museum und Larry Gagosians Kunstboutique auf der Upper East Side befindet.

Eines von Damien Hirsts sogenannten Tablettenbildern dominiert Hellers Empfangsraum. Eine der ersten Arbeiten aus seiner Privatsammlung, ein Bild von Andreas Gursky für 17 000 Dollar, zahlte der New Yorker über Jahre ab. Das war Mitte der Neunziger. Inzwischen hat der Art Adviser die Rezession überlebt und ist erleichtert, dass die Telefone wieder fleißig klingeln. Wie die meisten seiner Kunden stammt auch Heller nicht aus einer privilegierten Sammlerfamilie. Ausgelacht haben ihn heutige Kollegen und ihm vorausgesagt, dass er niemals bis zum inneren Zirkel des Kunsthandels vordringen würde, so Heller. Doch dann kamen die jungen Banker, gierig wie er, mit all ihrem Geld. Seine Kunden hät
ten nicht viel Zeit zu verlieren. Galeristen, die Deals kompliziert machen, mag Heller nicht. Bis auf Marian Goodman, die anlässlich der Messe in Basel wieder zum Spargelessen einladen wird, schätzt Heller nicht viele Kunsthändler. "Es ist ein harter Job, bei dem sie den ganzen Tag lügen müssen, um zu überleben", urteilt Heller. "Die Unehrlichkeit in der Kunstwelt verblüfft mich heute noch."

Eine eigenwillige Mischung

Der Beruf des Kunstberaters ist eine eigenwillige Mischung aus Kurator, Marktanalyst, Inneneinrichter, Berater, Tour Guide und Vertrauensperson. Vor allem öffnen Art Adviser Türen, indem sie Kontakte zu den Galeristen herstellen. Die Etablierten unter ihnen verfügen über den Einfluss, den Namen ihrer Kunden auf der Warteliste für neue Arbeiten nach oben katapultieren zu lassen. Bei vielen Kunstberatern handelt es sich um ehemalige Galeristen. Ihr zweites Kapital ist das Insiderwissen, das man für das geheime Netzwerk des Sekundärmarkts benötigt. Wer verfügt über eine Arbeit, die er diskret verkaufen will? Wessen Sammlung wird zerschlagen, weil er sich scheiden lässt?

"Es geht eben nicht nur darum, auf die Dinnerparty eines Künstlers eingeladen zu werden und mit Handy durch die Galerien zu rennen", meint Abigail Asher. Die Britin hat sich seit 1990 mit ihrer Partnerin Barbara Guggenheim, die an der Westküste arbeitet und vor vielen Jahren von Sylvester Stallone wegen angeblich falscher Beratung auf Schadensersatz in Millionenhöhe verklagt wurde, auf Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts spezialisiert. "Wir suchen ständig nach Arbeiten, analysieren den Markt, prüfen den Zustand von Werken." In Boomjahren seien die Preise zu hoch gewesen, so dass sie oftmals von Käufen abraten musste. 2009 gab es kaum gutes Material. Langsam öffnen sich die Kanäle wieder. Basel kann spannend werden. "Die Leute sind hungrig und wollen kaufen."

"Für mich ist Sammeln wie ein Selbstporträt"

Um Interessenkonflikte zu vermeiden, lassen sich Berater wie Asher und Westreich direkt von ihren Kunden bezahlen. Manche ihrer Kollegen kassieren bei den Galeris
ten für jeden individuellen Verkauf – der Standardsatz liegt bei zehn Prozent. Wobei es durchaus vorkommen kann, dass die Berater bis zu 20 Prozent fordern. Es gibt vielleicht zehn, zwölf gute Berater auf dem Markt, schätzt der deutsche, seit Jahren in New York lebende Galerist Friedrich Petzel. "Die übrigen machen sich gern nach drei Jahren selbst überflüssig, nachdem sie den Sammler eingeführt haben. Die Topleute allerdings helfen, Linie in eine Sammlung zu bringen und sie individuell zuzuschneiden."

In dem Moment, in dem man ausgewählte Kunden präsentiert, öffnen sich die Türen bei den Galeristen, sagt Raphaël Castoriano. Im Hinterzimmer von Gagosian oder auch in Chelseas etablierten Galerien wie Lehmann Maupin oder Elizabeth Dee ließen sich hervorragend frische Arbeiten entdecken. Der 45-Jährige gehört zu einer neuen Gattung Berater, die für ihre Kunden als Scouts unterwegs sind. "Für mich ist Sammeln wie ein Selbstporträt", meint sein Kollege Allan Schwartzman. Mit seinen acht Langzeitkunden tastet er sich zu dessen Vorlieben vor, um Sammlungen zu entwickeln, die Persönlichkeit besitzen "und nicht nur aus Trophäen bestehen". Im Fall des brasilianischen Kunstmäzens Bernardo Paz kann es bedeuten, dass Chris Burdens Metallstangen von einem Kran aus in Paz’ Kulturgarten auf die Erde fallen. Bei überdrehten Preisen, die kaum Sinn haben, sei es wichtig mit jemandem zu arbeiten, der die vielen Mikromärkte und ihre Mechanismen kennt, glaubt Schwartzman. "Viele Sammler wurden in der Vergangenheit schlecht beraten. Die Galeristen erzählen mir immer, dass es nur einen kleinen Prozentsatz an Kollegen gibt, die wissen, was sie tun."

Ein amerikanisches Phänomen

Zu den absoluten Pionieren des Geschäfts gehört der inzwischen zum Museumsdirektor aufgestiegene Jeffrey Deitch. Bereits Ende der siebziger Jahre hatte er bei der Citibank eine Abteilung für Kunstinvestitionen eröffnet, um sich 1988 mit seiner Beratungsfirma selbständig zu machen und beim Aufbau von großen Sammlungen wie der des griechisch-zypriotischen Industriellen Dakis Joannou zu helfen. "Der Job des Kunstberaters ist ein Fluch, den ich der Kunstwelt hinterlasse", scherzte Deitch kürzlich bei einer Podiumsdiskussion. Bislang gilt der Beruf noch als amerikanisches Phänomen.

Gerade die Deutschen legen gesteigerten Wert darauf, ihre Sammlung in Eigenregie wachsen zu lassen. "Wenn sie mit einem Berater arbeiten, läuft es äußerst diskret ab. Ebenso privat bleibt man dann auch mit seiner Sammlung", erzählt die in New York ansässige Tanja Weingärtner, die mehrere Deutsche zu ihrem Kundenstamm zählt.
"Die Europäer haben einfach eine andere Mentalität", meint Thea Westreich. "In New York lässt man sich das Apartment vom Dekorateur einrichten, das Leben von einem Assistenten organisieren und sich jeden Morgen vom Friseur die Haare föhnen." Natürlich holt man sich da Hilfe bei der millionenschweren Kunstsammlung. In Basel würde so mancher auf die als vulgär geltenden Amerikaner herabblicken, glaubt ihr Kollege Heller. Bei aller Liebe zur Kunst, in einem sind sich die Berater einig: Ein Bild sieht noch besser aus, wenn einem jemand dafür den doppelten oder vielfachen Preis der Investition bietet.

"Art Basel"

Termin: 16. bis 20. Juni, Basel
http://www.artbasel.com/

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