Auktionen: Zeitgenössische Kunst - New York

Das 16-Minuten-Gefecht um Warhol

Christie's hatte einen der erfolgreichsten Abende jemals, beim Konkurrenten Sotheby's hat man dagegen mit zu hohen Taxierungen den Bogen überspannt und bleibt hinter den Erwartungen zurück.
Bieterschlacht:Bericht von den Auktionen im Mai

Der Verkauf der 16 Jackies bei Sotheby's in New York

Die vergangene Woche und die Versteigerungen von Impressionisten und klassischer Moderne gehörten Picasso. Bei den Auktionen von zeitgenössischer Kunst drehte es sich in erster Linie um Andy Warhol. Schließlich sind die Sammler auf der Suche nach Trophäen oder ”Wall Power“, wie es die New York Times nannte.

14 Warhols mit einem oberen Schätzwert von 148,7 Millionen Dollar waren bei den abendlichen Auktionen von Sotheby's, Christie's und Phillips de Pury im Angebot. Darunter das Porträt der vor kurzer Zeit verstorbenen Elizabeth Taylor, das der Sammler und Hedgefondsmanager Steven Cohen anscheinend gar nicht schnell genug auf den Markt bringen konnte, um die hübsche Summe von 26,9 Millionen Dollar zu kassieren.

Los ging der viertägige Marathon mit einer Sonderversteigerung, die Sotheby’s abhielt, um den persönlichen Nachlass des 2006 verstorbenen New Yorker Kunsthändlers Allan Stone zu verkaufen. Stone arbeitete mit den großen Künstlern seiner Zeit wie Willem de Kooning, Wayne Thiebaud und Franz Kline. 54,8 Millionen Dollar brachte der Abend, bei dem unter anderem 17 Werke des in Kalifornien lebenden Thiebaud im Angebot waren. Sie erzielten insgesamt 27,5 Millionen Dollar, angeführt von der Kuchenparade ”Pies“ von 1968 mit einem Preis von vier Millionen Dollar. ”Es war eine großartige Nacht für den Künstler“, verkündete Alex Rotter von Sotheby’s. Das Toplos des Abends war John Chamberlains ”Nutcracker” (1958), ein Haufen Autoschrott-Teile, der für 4,8 Millionen Dollar an die Gagosian Gallery ging und dem Künstler, der gerade zu Larry Gagosian gewechselt ist und in einer der New Yorker Galerien seines neuen Händlers eine Ausstellung hat, einen Auktionsrekord bescherte – der so genannte Gagosian-Effekt, der Preise für Künstler nach oben schnellen lässt, sobald sie zu dem Mega-Dealer wechseln, funktioniert also wieder einmal bestens. Mehrere Werke von Willem de Kooning waren im Angebot, darunter ”Event in a Barn“ von 1947, das für 4,5 Millionen Dollar unter den Hammer kam.

Am nächsten Abend sorgten die hochgesteckten Erwartungen der Verkäufer und die daher hoch angesetzten Schätzpreise dafür, dass es trotz finanzkräftiger Sammler im Publikum wie Eli Broad, Modedesigner Valentino und dem früheren Hollywood-Agenten Michael Ovitz bei Sotheby’s enttäuschend verhalten weiterging. Mit einem Ergebnis von 128,1 Millionen Dollar lag das Haus weit unter der hochgesteckten oberen Verkaufslatte von 171 Millionen Dollar. Der kleine Konkurrent Phillips de Pury brachte es bei seiner Abend-Versteigerung immerhin auf 98,8 Millionen Dollar. Arbeiten von Ed Ruscha und Ellsworth Kelly blieben bei Sotheby’s unverkauft. Jeff Koons ”Pink Panther“ aus der "Banality"-Serie des Künstlers, das von Benedikt Taschen verkauft wurde, ging an einen einzigen Telefonbieter für 16,8 Millionen Dollar. Alle anderen Interessenten hatten sich anscheinend von der Taxe von 20 bis 30 Millionen Dollar abschrecken lassen. Immerhin landete die Arbeit nach der Ballonblume ”Balloon Flower – Magenta", die 2008 für 26 Millionen Dollar versteigert wurde, und einem von Koons hängenden Herzen auf Platz drei der teuersten Arbeiten des Künstlers.

Kunstberater Philippe Ségalot schnappte sich ”Untitled (Aparición)", ein Stapel Papier mit dem Bild eines bewölkten Himmels von Felix Gonzalez-Torres, für 1,6 Millionen Dollar. Das Toplos stammte von Sammler Peter Brant, Warhols "Sixteen Jackies“ von 1964, für das ein anonymer Bieter für 20,2 Millionen den Zuschlag erhielt. Von den sieben Warhols im Angebot verkauften sich sechs für insgesamt 31 Millionen Dollar. Darunter das abstrakte Farbspiel ”Shadow (Red)“ von 1978 für 4,8 Millionen Dollar. Die deutsche Künstlerin Rosemarie Trockel erzielte mit einem ihrer maschinengestrickten Bilder, ”Made in Western Germany“ von 1987, mit 962.500 Dollar den Höchstpreis für eine Arbeit aus Wolle. Ein weiterer Deutscher, Andreas Gursky, gehörte mit zwei Millionen Dollar für “Rhein I“ zu den guten Nachrichten des Abends.

Bei der Konkurrenz Christie’s fühlte es sich einen Abend später mit einem Gesamtergebnis von 301,6 Millionen Dollar so an, als ob man auf einem anderen Planten gelandet wäre. Das Auktionshaus schaffte es tatsächlich, an alte Erfolge anzuknüpfen und kam dem Höchstergebnis von Mai 2008 mit 331 Millionen Dollar erstaunlich nahe. ”Die Taxen waren attraktiv“, meinte Amy Cappellazzo von Christie’s. Zum Erfolg trugen vor allem Warhols Arbeiten mit 90 Millionen Dollar bei. Ein anonymer Telefonbieter und Philippe Ségalot kämpften 16 lange Minuten um ein vierteiliges, frühes Selbstporträt von Warhol mit Bildern aus einem Passbild-Automaten (von 1963/64) und boten über lange Strecken in kleinen Schritten von 100 000 Dollar, sodass nicht nur das Publikum, sondern auch Auktionator Christopher Burge kurzfristig die Geduld verlor. Der Telefonbieter bekam schließlich für 38,4 Millionen Dollar den Zuschlag. Warhol-Sammler Jose Mugrabi ersteigerte für 27,5 Millionen Dollar das zweite Andy-Porträt des Abends, das den Meister mit seiner zerrupften Perücke zeigt. Sieben Rekorde wurden verbucht. Zu den Höhepunkten zählten Anselm Kiefers “To the Unknown Painter“ aus den achtziger Jahren für 3,4 Millionen Dollar und Urs Fischers gigantische gelbe Teddybär-Lampen-Skulptur, die einen Rekord von 6,8 Millionen Dollar brachte. Und ein wieder entdeckter Mark Rothko von 1961 für 33,6 Millionen Dollar, der den Auktionssaal zu erleuchten schien.

Cindy Sherman, der nächstes Jahr eine Retrospektive im Museum of Modern Art gewidmet wird, schaffte mit einer Arbeit aus ihrer Centerfold-Serie von 1981 (”Untitled #83”), einen neuen Rekord von 3,8 Millionen Dollar – und überholte Andreas Gursky mit dem teuersten Foto, das je versteigert wurde. Die schönste Auktionsgeschichte verbirgt sich hinter einer Zeichnung von Roy Lichtenstein (”Drawing for Kiss“), die eine Sozialarbeiterin Mitte der sechziger Jahre für zehn Dollar bei einer Lotterie-Aktion im Chelsea Hotel gewonnen hatte. Die inzwischen in Rente gegangene Dame ist um 1,8 Millionen Dollar reicher geworden.