Galerie Beyeler - Rückblick

Abschied im Abendglanz

Die Galerie Beyeler versteigert ihre Bestände bei Christie’s in London. Ein Zeitalter neigt sich zum Ende. Ein Rückblick auf über 60 Jahre internationalen Kunsthandel.

Wenn dieser Tage die Galerie Beyeler ihre Tore schließt und das schlichte Schild an dem alten Haus in der Bäumleingasse 9 abmontiert wird, geht ein zentrales Kapitel in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zu Ende.

Über 300 Ausstellungen wurden hier gezeigt, die meisten der wichtigsten Künstler der Moderne waren hier mit kapitalen Arbeiten zu sehen. 16 000 Werke wurden hier verkauft. Eine Auswahl von Highlights war 2007 in der Fondation Beyeler als "imaginäre Sammlung" zu sehen, in dem Museum, das sich dem Erfolg der Galerie und dem Wagemut ihres Besitzers Ernst Beyeler verdankte.

Angefangen hatte alles sehr bescheiden. Ernst Beyeler wollte nach einer kaufmännischen Ausbildung 1939 eigentlich für eine Tätigkeit nach Afrika gehen. Als der Kriegsbeginn das verhinderte, hörte der Sohn eines Bahnbeamten Vorlesungen an der Universität Basel über Nationalökonomie und Kunst und arbeitete im Buch- und Gafikantiquariat des deutschen Emigranten Oskar Schloss. Als dieser 1945 kurz vor Kriegsende verstarb, lieh Beyeler sich von Kollegen seines Ruderclubs Geld, übernahm das "Chateau d’Art" und bemerkte schnell, dass er sich in Büchern verlor. Er stieß sie ab, verkleidete die Regale mit Tüchern und zeigte Kunst. Am Anfang Druckgrafik, 1947 waren es Papierarbeiten von Toulouse-Lautrec und Corot, dann 80 Aquatinten Goyas. Erste Kataloge entstanden. 1951 benannten der Händler und seine frisch angetraute Frau Hildy die Firma in Galerie Beyeler um. Der Verkauf von Henri Matisses Gemälde "Le Berge" ans Kunstmuseum Basel war die erste große Transaktion. 1953 vereinte die Ausstellung "Tableux Français" Spitzenwerke von Picasso, Gauguin und Matisse.

Dann ging es schnell bergauf. Die Freundschaft mit Picasso ist legendär. Der Jahrhundertkünstler kannte die sorgfältigen Kataloge, mit denen der junge Basler Kunsthändler seine Ausstellungen begleitete. Die Begeisterung des Jüngeren und die Neugier des älteren Künstlers bauten Brücken. Und der Galerist konnte in einem Raum mit 800 Gemälden frei auswählen. Von 45 Werken, die er aussuchte, durfte er 26 erwerben. Picasso wurde zum wichtigsten Künstler für Beyeler. Von ihm aus hat er die Kunst der Moderne begriffen. Picasso ist das Gravitationszentrum der Sammlung der Fondation Beyeler in Riehen, mit deren Museum der Galerist und seine Frau ihr Lebenswerk krönten.
Beyelers internationalen Ruf haben die beiden Deals mit dem Pittsburgher Stahlmagnaten G. David Thompson in den sechziger Jahren gefestigt. Er widerstand den Lockungen, hundert Werke Paul Klees zu erhalten, wenn er Kandinskys legendäre "Improvisation 10" als Gegenleistung gebe. Beyeler behielt den Kandinsky, er ist heute ein zentrales Werk der Sammlung in der Fondation. Thompson verkaufte ihm die Klees trotzdem, über achtzig davon vermittelte Beyeler an die neu gegründete Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Später konnte er noch über siebzig Werke Alberto Giacomettis erwerben.

Was ist das Geheimnis dieses Erfolgs? Ernst Beyeler profitierte von der Randlage Basels. Viele Werke, die er kaufte, blieben am Lager, die Schuldenberge wuchsen, wohlhabende Bürger halfen bei den Banken. Als die Preise für Kunst in den achtziger Jahren explodierten, hat Beyeler "zu saftigen Preisen verkaufen können". Hinzu kamen persönliche Eigenschaften. Sein unfehlbares Auge wurde allseits gerühmt.

Ernst Beyeler selbst hat zu seinem Erfolg gern eine Anekdote über seinen Lehrmeister erzählt: "Oskar Schloss hat mir eine sehr einfache Lehre erteilt, die ich fortan immer angewandt habe. Er hatte einen Hund, einen sehr trägen Bernhardiner, vor allem wenn es darum ging, Nahrung zu sich zu nehmen. Er wäre lieber verhungert, anstatt aufzustehen und zu seinem Napf zu gehen. Schloss nahm eine Katze, die sich auf das Futter stürzte, und das feuerte den alten Hund an aufzuspringen, um ebenfalls zu fressen." Das setzte der Händler so um, dass er für jedes Angebot einen Mitbieter finden wollte. "Denn", so Beyeler, "gab es einen wirklichen zweiten Interessenten, dann spürten es die Käufer instinktiv und zögerten nicht, das Werk zu kaufen. Für jedes Angebot habe ich mich also bemüht, eine Katze zu finden."

Unprätentiös, sachlich, freundlich ging es in der Galerie auch zu, als längst alle wussten, dass auf den schlichten Stühlen vor dem alten Schreibtisch die großen Sammler und Museumsdirektoren Platz nahmen und dass in den verwinkelten Räumen einer der bedeutendsten Händler des Jahrhunderts wirkte. An Farah Diba hat er ebenso verkauft wie an Rockefeller und Agnelli. Als das Pop-Zeitalter Kunst für ein Massenpublikum hervorbrachte, initiierte er 1971 zusammen mit Trudl Bruckner und August Balz Hilt die Art Basel. Was sich gleichwohl nicht verkaufen ließ, legte er zur Seite. Immer mehr Werke kamen zusammen, 1982 gründeten Ernst und Hildy Beyeler dafür eine Stiftung, 1997 konnte die fulminante Sammlung in das eigene Museum, die Fondation Beyeler, einziehen, die seither zu den Pilgerorten der Kunst gehört. Dieser großen Geschichte soll mit der anstehenden Auktion "ein würdiger Abschluss" bereitet werden, wie Claudia Neugebauer, langjährige Mitarbeiterin der Galerie Beyeler, sagt: "Das alles wegzugeben, ist eine harte Nuss, die wir knacken müssen, es ist vieles darunter, das ans Herz geht, aber es ist wichtig."

Die Auflösung der Galerie hat Ernst Beyeler testamentarisch verfügt. Als Alleinerbe ist die Stiftung Ernst und Hildy Beyeler eingesetzt, der auch der Erlös der Auktion zu Gute kommt. Er soll helfen, Lücken in den Budgets der immer teurer werdenden Ausstellungen zu stopfen. Den relativ frühen Zeitpunkt anderthalb Jahre nach dem Tod des Händlers und Museumsgründers am 25. Februar 2010 muss man wohl so verstehen, dass die Zeit voranschreitet und das kulturelle Gedächtnis kürzer wird. Jetzt sind Ernst Beyeler und sein Wirken noch einem größeren Kreis bekannt. Werke, die durch seine Hände gingen und von ihm zum Verkauf für die Galerie ausgewählt wurden, zehren vom Nimbus des "absoluten Auges" und dürfen mit entsprechenden Preisen rechnen. Die Stiftung konnte aus dem Nachlass der Galerie noch einzelne Werke für das Museum auswählen. Der Rest kommt in den Handel.

Die Hauptauktion in London in diesem Sommer zeigt, dass sich darunter noch wahre Meisterwerke befinden. In Christie’s Evening Sale vom 21. Juni kommt ein "Seerosen"-Bild von Claude Monet zum Aufruf, das um die 19 Millionen Pfund bringen soll. Für eine "Buste de Francoise" Picassos vom 17. Juni 1946 werden sieben bis zehn Millionen Pfund erwartet. Paul Gauguins "Le Vallon, Tahiti" ist auf 5,5 bis 8,5 Millionen Pfund taxiert. So geht das weiter mit Renoir, Fernand Léger, Henri Matisse, Paul Klee, Alberto Giacometti, Robert Rauschenberg und vielen weiteren Künstlern, die den Höhenkamm der Kunst des 20. Jahrhunderts abgesteckt haben. Mindestens 40 Werke seien "outstanding", lässt sich ein nicht genannt sein wollender Kenner vernehmen. Am nächsten Tag werden über 30 Keramiken Picassos sowie viele Papierarbeiten aufgerufen. Für das riesige Lager an Grafik wird im Herbst ein eigener Auktionstermin angesetzt.

Auktion von Christie's

21. und 22. Juni 2011 in London, King Street
http://www.christies.com/

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