Auktionen: Zeitgenössische Kunst - London

Die Käufer sind zurück

Das Angebot von exzellenten Werken sorgt für neue Auktionsrekorde. Sotheby`s setzte noch nie so viel Geld für zeitgenössische Kunst in London um wie bei der Versteigerung der Sammlung Dürckheim

Graf Christian Dürckheim-Ketelhodt kann äußerst zufrieden sein. Die 34 Werke aus der Sammlung des deutschen Unternehmers, die auf der Abendauktion bei Sotheby’s unter den Hammer kamen, erzielten für ihn 60,4 Millionen Pfund, inklusive Käuferprämie, fast eine Verdopplung des unteren Schätzpreises.

Nur eines der Werke aus seiner Sammlung deutscher Kunst blieb unverkauft, und für fünf Künstler wurden Rekorde erzielt: für “Spekulatius” (1965) von Georg Baselitz wurden von der New Yorker Galerie Aquavella 3,2 Millionen Pfund bezahlt, außerdem klingelte bei Arbeiten von Blinky Palermo, Markus Lüpertz und Eugen Schönebeck die Kasse. Der Rekord für ein Werk von Sigmar Polke fiel gleich dreimal am Abend, bis sein gewaltiges Rasterbild “Dschungel” (1967) schließlich für 5,75 Millionen Pfund den Besitzer wechselte.

Das Auktionshaus brach ausnahmsweise einmal mit einer lieben Tradition und entließ einen der Käufer aus der Anonymität: Der Mönchengladbacher Unternehmer und Sammler Jürgen Hall, so gab Cheyenne Westphal von Sotheby’s bekannt, ersteigerte Gerhard Richters “Schwestern” (1967) für 2,5 Millionen Pfund und schenkte seine Beute gleich dem Kunstmuseum Bonn.

Das Toplos bei Sotheby’s war jedoch “Crouching Nude” (1961) von Francis Bacon, das auf 7 bis 9 Millionen Pfund geschätzt war, und für 7,4 Millionen Pfund zugeschlagen wurde. Auch andere Künstler hielten, was sie versprachen, wie Jean-Michel Basquiat, Andreas Gursky und natürlich Andy Warhol. Lediglich sein Porträt der Punksängerin Debbie Harry erreichte mit 3,2 Millionen Pfund nicht ganz den unteren Schätzwert. Insgesamt nahm das Haus 108,8 Millionen Pfund ein, soviel war auf einer Londoner Auktion noch nie für zeitgenössische Kunst ausgegeben worden. Es kam allerdings mit insgesamt 88 Losen auf eine stattliche Zahl von Werken unter den Hammer.

Gerhard Richter war einer der am häufigsten aufgerufenen Künstler der diesjährigen Juniauktionen für zeitgenössische Kunst: elf Lose bei Sotheby’s aus der Sammlung Dürckheim und vier am Vorabend bei Christie’s. Alle verkauften sich zu guten Preisen. Wie auch Christie’s Toplos, “Study for a Portrait” (1953) von Francis Bacon. Der auf etwas vage “um 11 Millionen Pfund” geschätzte Vorläufer von Bacons Papst-Serie, vom Schweizer Sammler Donald M. Hess eingeliefert, wurde für etwas über 16 Millionen Pfund am Telefon der Christie’s-Mitarbeiterin Sandra Nedvetskaia zugeschlagen, die sich um russische Kunden kümmert.

Christie’s hatte für die 65 Lose zwischen 55 und 76 Millionen Pfund erwartet und nahm knapp 79 Millionen Pfund ein, das allerdings inklusive der Käuferprämie. Kein schlechtes Ergebnis. Nur einmal zuvor, im Juni 2008, hatte das Haus für zeitgenössische Kunst mehr eingenommen. Eine Mao-Darstellung von Andy Warhol, die für 6,2 Millionen Pfund an einen Telefonbieter ging, erzielte einen ebenso guten Preis wie ein Porträt von Lucian Freud, das seine Partnerin Suzy Boyt zeigt und für 4,2 Millionen Pfund zugeschlagen wurde.

Derselbe Telefonbieter hatte vorher 900 000 Pfund für eine Zeichnung von Freud bezahlt, mehr als doppelt soviel wie der Schätzpreis. Das Blatt war eines von sieben Losen aus der Sammlung von Kay Saatchi, der früheren Frau des englischen Supersammlers Charles Saatchi. Die einen Meter hohe hyperrealistische Plastik “Big Baby” (1996) von Ron Mueck erzielte 825 000 Pfund, einer der fünf Rekorde des Abends. Ein weiterer waren die 6,2 Millionen Pfund, die ein Telefonbieter für “Red Boat (Imaginary Boys)” (2004) zahlte, eine karibische Landschaft von Peter Doig.

Der kleinste unter den drei Großen, Phillips de Pury, hatte am Montag Abend den Reigen begonnen und den Markt erfolgreich getestet. 27 der 31 Lose fanden einen Käufer, die nur 40 Minuten dauernde Auktion brachte 11,2 Millionen Pfund, das ist mehr als dreimal soviel wie im vergangenen Juni, und das Toplos, ein Selbstporträt der früh verstorbenen Jean-Michel Basquiat, wurde für 1,8 Millionen Pfund einem Telefonbieter zugeschlagen. Als das Bild 2003 zum letzten Mal unter den Hammer kam, erzielte es beim selben Haus in New York ‘nur’ 647 000 Dollar, keine schlechte Wertsteigerung.

Zwei Umstände waren sicher wichtig für das gute Ergebnis bei Phillips de Pury: Viele der teuren Lose hatten Garantien von Drittparteien, so auch der Basquiat, und Auktionator Simon de Pury entschloss sich, dieses Mal in den eleganten Ballsaal des Nobelhotels Claridges im Stadtteil Mayfair umzuziehen. Dort steigen die ganz reichen Sammler ab, die angeblich die kurze Taxifahrt ins riesige, etwas kalte Hauptquartier des Hauses beim Bahnhof Victoria scheuen. Bei Claridges brauchten sie nur ein paar Treppen zu steigen, waren’s zufrieden und gaben Geld für Kunst aus.

Was sich schon beim Impressionismus und der Klassischen Moderne in der vergangenen Woche angedeutet hatte, wiederholte sich bei der zeitgenössischen Kunst: Ddie Käufer, die bereit sind, viel Geld vor allem für frische, gute Ware auszugeben, sind zurückgekehrt, Rezession hin oder her.

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