Artissima - Turin

Back to the Future

Die Turiner Kunstmesse artissima positioniert sich als Forum zur Wiederentdeckung vergessener Künstler. Harte Konkurrenz macht der ehemalige Messegründer mit einer Parallelveranstaltung in Gefängnisräumen
Zurück in die Zukunft:Forum zur Wiederentdeckung vergessener Künstler

Blick ins Messegeländer der artissima auf "The green corridor"

"In schlechten Zeiten muss man vor allem in die Kultur investieren", sagt der neue linksdemokratische Bürgermeister Piero Fassino in Turin, und so ging auch dieses Jahr wieder pünktlich zur artissima die von Künstlern entworfene Weihnachtsbeleuchtung an, was die Stadt 100 000 Euro kostet. Auch die artissima erwirtschaftet keine Gewinne. Die Einnahmen durch die Standmiete decken nur die Hälfte der Ausgaben, der Rest wird von Sponsoren getragen. Die Messe fand im "Oval" statt, einem 2006 für die Winterolympiade errichteten Glasbau und wurde zum zweiten Mal von dem Kunstkritiker Francesco Manacorda (37) geleitet.

161 Galerien nahmen teil, 58 davon aus Italien. Die Fraktion aus Deutschland war mit allein acht Galerien aus Berlin die stärkste. Neben der "Main Section" konsolidierter Galerien und den "New Entries" gab es auch wieder die im vergangenen Jahr eingeführte Abteilung "Back to the Future", in der Künstler vorgestellt werden, die zu Unrecht in den vergangenen Jahrzehnten vernachlässigt wurden. Unter den 20 Einzelausstellungen war die Auswahl von Werken des Berliner Lichtkünstlers Jakob Mattner (65) in der Galerie 401contemporary (Berlin) ein absoluter Höhepunkt. Mattner zeigt einen kleines Haus aus Glas mit Ruß geschwärzt, poetische Lichtdrucke und Objekte zur Meditation über das tote Licht der Sterne. "Wir haben gut abgeschlossen", sagt Ralf Hänsel von 401contemporary. "Unsere Verkaufserwartungen mit Mattner sind erfüllt. Die artissima ist für uns eine wichtige Messe, 'Back to the Future' bietet eine sehr gute Möglichkeit, die älteren Künstler der Galerie neu aufzustellen."

Großes Interesse gab es auch für den amerikanischen Konzeptkünstler William Anastasi (78) (Anita Beckers, Frankfurt). "Wir sind in Verhandlungen mit großsen internationalen Sammlungen", hieß es hier. Die Galerie Delloro (Rom/Berlin) versuchte den neapolitanischen Künstler Giuseppe Desiato aus der Vergessenheit zu holen. Der 76jährige, der heute erblindet in Neapel lebt, hat in den 1960er Jahren durch seine ironisch-pietätlose Performances, für die er sich Leute von der Straße holte, eine lange Reihe von Künstlern beeinflusst.

Martano (Turin) hatte Arbeiten der ziemlich vergessenen Ketty La Rocca mitgebracht und verkaufte drei Zeichnungen aus dem Jahr 1972 und eine beschriftete Schädelradiografie der Künstlerin für 40 000 Euro. Eine gläserne Hommage an Josef Albers von José Davila "Homage to the square”, 2011, ging bei Figge von Rosen, Köln, die zum ersten Mal an der artissima teilnahmen, sofort ab.

Lisson, die gerade ihre erste und einzige Dependance in Mailand eröffnet hat, verkaufte sofort für 170 000 Euro die Bronze "Red Square" des Düsseldorfer Akademiedirektors Tony Cragg. Auf die Frage, warum die Wahl für eine Niederlassung auf Mailand fiel, sagte der Leiter der Galerie, Nicholas Logsdail: "Viele meiner Sammler leben in Norditalien und haben auch ein Haus in London. So war die Entscheidung ganz einfach." Die vor vier Jahren in Mailand gegründete Galerie Cardi Black Box und ihre drei Besitzer Barbara Berlusconi, Martina Mondadori und Nicola Cardi, angetreten, um junge Talente zu fördern, gingen mit dem Florentiner Künstler Flavio Favelli (44) auf Nummer sicher.
Tucci Russo, der früh die Arte povera unterstützte, bot "Quattro per uno" von Giulio Paolini für 120 000 Euro an und sagte: "Für uns ist der Verkauf kein Problem." Das galt auch für Lia Rumma, die Marmorfragmente von Vanessa Beecroft für 120 000 Euro anbot.

Zufriedene Gesichter gab es auch in der Koje der Prometeogallery (Mailand, Lucca). Hier fanden die 38 erfundenen Titelbilder der italienischen "Flash Art" von Giuseppe Stampone für 60 000 Euro schnell einen Liebhaber. Auch der Videofilm des spanischen Künstlerkollektivs Democracia "Ser y durar" (Sein und dauern), der zur Zeit auch in der Ausstellung "Declining Democracy" in der Strozzina in Florenz zu sehen ist, ging für 18 000 Euro in die Sammlung des Städtischen Museums in Turin. Die Turiner Sparkasse hat ihr Budget für Ankäufe nicht verringert und kaufte 23 Werke im Wert von 600 000 Euro für das Städtische Museum und für Rivoli.

Die 40 000 Objekte umfassende Sammlung des Städtischen Museums wurde um "Loaded Bay" von Liam Gillick (Esther Schipper, Berlin) bereichert, und für dasselbe Museum wurde für 45 000 Euro die große, braune Tafel "Landscape Tanzanie" von Pascale Marthine Tayou erworben (Galleria Continua San Gimignano).
Unter den "New Entries", Galerien, die seit weniger als fünf Jahren bestehen,waren diesmal nur zwei aus Italien. Beide kamen aus Sizilien und sind ein Zeichen für die lebendige Kunstszene, die sich auf der Insel entwickelt. Die Galerie Laveronica aus dem sizilianischen Modica erhielt den Premio Carbone für den besten Messestand unter den "New Entries". Der mit 10 000 Euro dotierte Illy-Preis für junge Talente ging an die Französin Dina Danish für ihren Videofilm "Halim: The Dark Whistling Nightingale", den sie 2011 während ihrer Künstlerresidenz in Turin konzipierte.

Im Zentrum der angenehm luftigen Messehalle hatten Messeleiter Manacorda und die Turiner Künstlerin Lara Favaretto ein imaginäres Museum aufgebaut, zu dem auch ein Labor zur Herstellung von Tinte und eine Konditorei gehörten, in der Werke berühmter Künstler aus Schokolade und Zucker nachgeschaffen wurden. Wer sich auf der Messe noch nicht an der Kunst sattgesehen hatte, konnte sie sich hier einverleiben. Das Rahmenprogramm, durch Sponsoren finanziert, war in diesem Jahr besonders aufwendig und kaum zu schaffen.

Zum ersten Mal erweiterte sich der Aktionsradius der Messe bis ins Stadtzentrum, wo man bis tief in die Nacht den "Artissima Lido" abwandern konnte, eine lange Reihe von Ausstellungen und Konzerten junger Künstler in unkonventionellen Räumen wie Kellern und Textilläden. Damit eifert "artissima" einem Kunstereignis nach, das seit sieben Jahren im Stadtviertel San Salvario während der Messe stattfindet, der "Paratissima". In Hunderten von Räumen in Schulen, Geschäften und Bars gab es auch hier wieder Kunst, Theater und Musik. Daneben blieben noch die renommierten Turiner Galerien wie Franco Noero und Alberto Peola am Samstag für die "Nacht der zeitegnössischen Kunst" geöffnet. Im Palazzo Bertalazone konnte man das italienische Design von 1948 bis heute abwandern und in der Stiftung Sandretto waren unter dem Ausstellungstitel "Un’espressione geografica" die Reiseeindrücke von internationalen Künstlern zu sehen, die Kurator Francesco Bonami quer durch Italien geschickt hat. In der Fondazione Merz nahm Simon Starling mit seiner Arbeit Bezug auf Mario Merz und in den prunkvollen Sälen von Rivoli wurde die "Arte Povera International” gefeiert.

Sechs Kilometer von der Messe artissima entfernt hatte sich in diesem Jahr die Satellitenmesse "The Others" in den drei Stockwerken des ehemaligen Gefängnisses "Le Nuove" aufgetan. Hier konnten sich Galerien, die nach 2009 gegründet wurden und keine hohen Standmieten zahlen wollen, in den Gefängniszellen präsentieren. Eine Art "Unfair" mit dem Charme des Provisoriums. Gesponsert wurde die Messe zum größten Teil von der italienischen Rolling Stone, deren Direktor "weniger Starsystem und mehr wirkliche Welt" will.

Die Idee für "The Others" stammt von Roberto Casiraghi, dem Gründer der artissima, der sich mit den Turiner Politikern zerstritt, in Rom die Messe "On the Road" erfand und jetzt nach Turin zurückgekehrt ist. Der trendige Event wurde von der artissima-Direktion als Konkurrenz empfunden und mit Schweigen übergangen. Doch hatte "Die Anderen" immerhin 16 000 Besucher in drei Nächten. Drei Preise wurden vergeben. Einer ging an Marco Bernardi (Ex elettrofonica, Rom), der eine italienförmige Matratze auf den Boden legte, über der die Vögel zwitscherten.

Für artissima blieb die Besucherzahl konstant bei 45 000. "Aber es war nicht gerade eine prickelnde Messe", sagte Leiter Manacorda. Die zeitgleich im Guggenheim Museum stattfindende Ausstellungseröffnung von Maurizio Cattelan hätte viele ausländische Besucher ferngehalten. Auch die Turiner Sammlerin Patrizia Sandretto schaffte es nach ihrer Rückkehr aus New York erst in letzter Minute ins Oval. Die meisten Galeristen aber waren zufrieden: "Wir kommen ja wegen der italienischen Sammler", sagte Javier Peres (Berlin). Von dieser langen Reihe treuer Sammler aus dem eigenen Land lebt die Turiner Kunstmesse eben auch 2011.