Werner Spies - Interview

Zweifel auf den ersten Blick

Im Interview mit dem "Stern" hält Kunsthistoriker Werner Spies weitere Max-Ernst-Fälschungen für möglich. Die Beltracchi-Bande hatte ihm noch mehr unsignierte Werke vorgelegt

Neue Details über die Geschäfte des Kunstfälschers Wolfgang Beltracchi werfen Fragen über die Rolle des Kunstexperten und Kritikers Werner Spies auf. Das Magazin "Stern" veröffentlicht in seiner Ausgabe vom Donnerstag ein Interview mit Spies, indem dieser zugibt, schon 2007 auf Fälschungen von Beltracchi aufmerksam geworden zu sein. Spies sagte dem "Stern": "Ich habe mir die Arbeiten nicht gründlich angesehen, aber nach dem ersten Blick hatte ich schon Zweifel an der Authentizität einiger Arbeiten." Ein Handlanger der Beltracchi-Bande, Otto Schulte-Kellinghaus, hatte Spies 2007 eine Mappe mit angeblich von Max Ernst stammenden Papierarbeiten vorgelegt. Spies hatte diese als fragwürdig eingeordnet.

Pikant ist die Aussage von Spies, weil er die Episode den Ermittlungsbehörden verschwieg. Ihnen und der Öffentlichkeit war bisher nur bekannt, dass Spies sieben Gemälde, die von Beltracchi stammen, für echt erklärt hatte. Da aber sowohl Zeichnungen als auch Gemälde aus der selben Quelle stammten, hätten Spies schon 2007 Zweifel an der Echtheit der zuvor begutachteten Bilder kommen können. Er hätte die Gemälde genauer untersuchen und Alarm über den Fälschungsverdacht schlagen können. Das Auftauchen von sieben bis dahin unbekannten Werken von Max Ernst war eine Sensation. Zweifel an der Quelle hätte Spies nachgehen müssen. Er unterließ dies aber. Bei seinen Gutachten über die Gemälde verließ sich Spies auf stilistische Kriterien, er regte keine Materialuntersuchungen an.

Werner Spies hatte bei den Gutachten über die Bildern eine ganze Reihe von überlappenden Interessen. Für die bislang bekannten Fälschungen hatte Spies Expertisen ausgestellt. In der Branche gilt dies als stichfester Beweis für die Echtheit von Max-Ernst-Bildern. Damit ausgestattet verkauften die Betrüger die Werke für mindestens 4,5 Millionen Euro. Für seine Expertisen habe er Provisionen von den Fälschern bekommen, räumte Spies ein. Es gebe aber keine schriftlichen Vereinbarungen dazu: „Sie haben mir das einfach gezahlt.“ Daneben erhielt Spies auch Verkaufsprovision von einem Galeristen, außerdem präsentierte er die Bilder in Ausstellungen, die er kuratierte. So hingen auch 2008 noch mutmaßliche Beltracchi-Fälschungen im Moderna Museet in Stockholm.

Im "Stern" spricht Werner Spies erstmals darüber, wie er mit der Bande in Kontakt kam und erzählt von seiner tiefen Verzweiflung seit Bekanntwerden des Skandals. "Dieser Ansehensverlust! Da kam mir schon der Gedanke, mich von dieser Welt zu verabschieden", sagte der 74-Jährige in Paris.

Abgeschlossen hat Werner Spies mit dem Fall Beltracchi noch nicht. Er glaube noch immer an die Echtheit der Bilder, versicherte er dem "Stern". "Einen Beweis der Unechtheit habe ich bis heute nicht", sagte Spies, der für seine Verdienste um die Kunst das Bundesverdienstkreuz und einen Orden der französischen Ehrenlegion erhielt.

Beltracchi hatte als Drahtzieher einer dreiköpfigen Bande jahrelang Fälschungen von Avantgarde-Künstlern wie Ernst, Max Pechstein und Heinrich Campendonk in den internationalen Kunstmarkt geschleust und dafür Millionen kassiert. Im Oktober 2011 war er in Köln zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden. Mehr als 50 Fälschungen Beltracchis sind bisher bekannt. Die Ermittler gehen aber von mindestens 100 gefälschten Bildern aus seiner Hand aus.

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