Lucian Freud - Auktion

30 Millionen Euro für "Big Sue

Ihren Humor hat sich Sue Tilley in all den Jahren hinterm Schalter eines Londoner Arbeitsamtes bewahrt. "Der Mann hat doch viel für sein Geld bekommen", sagt sie auf die Frage, warum der Maler Lucian Freud ausgerechnet sie – eine korpulente, übergewichtige Frau von rund 125 Kilogramm – als Aktmodell auswählte. "Das ist doch eine ganze Menge Fleisch."

Das flotte Mundwerk von "Big Sue", wie sich die 51-jährige gern nennen lässt, kommt gut an. Seit sie am Samstag als voluminöse Nackte in Freuds nun weltrekordverdächtigem Gemälde "Benefits Supervisor Sleeping" sogar das Titelblatt der "Financial Times" zierte, kann sich Tilley vor Angeboten für Talkshows und Fotosessions kaum retten.

Es sei ihr gegönnt. Wenn sie nun die Chance bekommt, ein wenig vom Ruhm des großen deutschstämmigen Malers zu profitieren, hat sie das durchaus verdient. Ganze 20 Pfund am Tag hat "Big Sue" in den 1990er Jahren bekommen, als sie dem für seine langsame und präzise Malweise bekannten Meister Mitte in den 1990er Jahren endlos erscheinenden Stunden auf einem Sofa liegend als Modell diente.

Das waren umgerechnet rund 50 D-Mark (25 Euro). Für den lebensgroßen Akt, den das Auktionshaus Christie's seit dem Wochenende in London ausstellt, rechnen Experten nun bei einer Versteigerung am 13. Mai in New York mit bis zu 30 Millionen Euro – weit mehr, als je bei einer Auktion für einen lebenden Künstler erzielt wurde. Wer wird da noch über die schlappen 91 000 Euro reden, die Christie's kürzlich für eine Aktfotografie erzielte – selbst wenn es die vergleichsweise federgewichtige Carla Bruni zeigte?

Das Geld sei ihr in all den Wochen auf Freuds Sofa gar nicht wichtig gewesen, sagte "Big Sue" jetzt dem BBC-Programm "Today". "Es war diese wunderbare Erfahrung. Einfach fantastisch. Mit einem so großen Künstler zu arbeiten, mit ihm zu plaudern und zu sehen, wie er arbeitet." Am meisten habe sie es genossen, wenn Freud sie zum Lunch in Londons "River Café" eingeladen habe.

Die Realität oft bis an die Grenze zur Groteske

In Fachkreisen war Tilley, die für mehrere Gemälde des heute 85-jährigen Enkelsohns des Psychoanalytikers Sigmund Freud Modell saß, zwar durchaus bekannt. Doch erst das enorme Medieninteresse für das rekordverdächtige Aktbild, das nach langen Jahren im Besitz eines privaten Sammlers nun erstmals wieder öffentlich zu sehen ist, hat sie quasi über Nacht zur Prominenten gemacht.

Früher, erzählte "Big Sue", konnte sie sich schon mal in eine Freud-Ausstellung gehen und sich unerkannt die Kommentare der Besucher zu Bildern anhören, an deren Entstehung sie beteiligt war. "Einmal hörte ich, wie sogenannte Kunstkritiker eines der Bilder als Beweis dafür deuteten, dass Lucian Frauen hassen würde", erzählte
sie. "Ich musste über diesen Unsinn laut lachen und gab mich zu erkennen. Die Leute schauten mich an und sagten: 'Aber im wirklichen Leben sehen Sie doch ganz nett aus.'"

Die Beobachtung ist freilich nicht falsch. Freuds "Realismus" – das sind Menschenbilder ohne Gnade, ohne den leisesten Versuch einer Beschönigung. Ganz im Gegenteil. Erbarmungslos hat der Maler die Realität oft bis an die Grenze zur Groteske erhöht. Schlaffe Haut, Falten, blaue Adern, Fett, Zellulite, Schuppen oder trübe Augen – Freud, der "Maler des Fleisches", schont den Betrachter nicht. "Malerei", sagte er einmal, "soll erstaunen, verstören, verführen und überzeugen".

Letzteres ist ihm nicht immer gelungen. Das Model Kate Moss, das Freud 2002 nackt als knochige Schwangere malte, fand zwar den Künstler "cool", aber nicht so sehr sein Aktgemälde von ihr. Und am britischen Königshof sind Fragen danach, wie sich die Queen auf einem Porträt von Freud gefällt, das Besucher wegen der ausgeprägt männlichen Züge der Königin verstört, gar nicht beliebt.

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