Don Thompson - Interview

Es gibt willige Käufer und Verkäufer

Warum bezahlt jemand 12 Millionen Dollar für einen langsam verwesenden Hai, fragt Don Thompson. Der amerikanische Ökonomieprofessor untersucht in seinem neuen Buch "The $ 12 Million Stuffed Shark" (Aurum Press) die aberwitzigen Gesetze des Kunstmarks. art-Korrespondent Hans Pietsch sprach mit dem Autor.

Was bringt Sie als Wirtschaftswissenschaftler auf das Thema Kunstmarkt?

Auf keinen Fall Kunstkennerschaft. Mein Ausgangspunkt war, den wirtschaftlichen Aspekt eines Marktes zu verstehen, der nicht von Angebot und Nachfrage, nicht von Kostenfaktoren oder Seltenheitswert bestimmt wird. Wie operieren Kunsthändler, wie setzen sie Preise fest? Warum erzielen Auktionshäuser die Preise, die sie in den letzten Jahren erzielt haben? Die meisten Kunstjournalisten haben eine von der Kunst herrührende Ausbildung genossen und bringen so eine andere Sichtweise mit.

Was ist Ihnen aufgefallen?

Zum Beispiel, dass ein eingelegter Hai für 12 Millionen Dollar verkauft wird, ohne dass er Seltenheitswert hat. Der Schöpfer dieses Werks, Damien Hirst, kann weitere Exemplare schaffen, was er auch getan hat. Und die Skulptur wurde ohnehin von Assistenten hergestellt.

Sie sagen, dass der Kunstmarkt unter den bedeutendenWirtschaftszweigen der am wenigsten offene und regulierte ist.

Die internationale Rüstungsindustrie ist ebenfalls undurchsichtig und wohl auch unreguliert, zumindest für die Öffentlichkeit. Doch die wichtigen Käufer sind hier Regierungen, und von denen kann man annehmen, dass sie Bescheid wissen.

Wie würden Sie den Markt öffnen und regulieren?

Ich bin nicht sicher, ob ich das möchte. Schließlich gibt es willige Käufer und Verkäufer. Einige Leute wollen bei Auktionen die geheim gehaltenen Mindestpreise regulieren, andere sind für ein Verbot von Preisgarantien, wieder andere propagieren, dass Galerien ihre Preise offenlegen. Für all diese Vorschläge gibt es schlüssige Argumente, doch ich weiß nicht, was sie erzielen würden. Mehr Wissen, mehr Informationen für die Öffentlichkeit? Es gibt Kunstberater, die da helfen können, wie bei Immobilien und Geldanlagen.

"Ein Warhol, ein Hirst, ein Picasso – das sind Marken"

Können Sie erläutern, was Sie unter einer Marke im Kunstmarkt verstehen?

Wenn ich Sie fragte: Welche drei Auktionshäuser, Galerien und wichtige Museen fallen Ihnen ein? Das sind die Institutionen, die den Status einer Marke erreicht haben. Wie sie dazu kamen, ist eine andere Geschichte.

Sie sprechen von "Trophäenkunst", die von Milliardären wie Steve Cohen, dem Besitzer von Hirsts Hai, gekauft wird. Was unterscheidet ihn von früheren sammelnden Monarchen?

Trophäenkunst heißt: Du besitzt eine teure Wohnung in London, ein Schloss in Südfrankreich und eine Jacht. Es gibt nichts mehr, was Du für eine Million Pfund kaufen kannst, das deinen Reichtum – und künstlerischen Geschmack – besser verkörpert als ein wiedererkennbares Kunstwerk. Eine Marke also – ein Warhol, ein Hirst, ein Picasso. Könige und Adlige fungierten als Mäzene und sammelten Kunst, weil das von ihnen erwartet wurde und um ihre künstlerische Sensibilität unter Beweis zu stellen, aber sicher nicht, um auszuposaunen, dass sie reich sind. Niemand bezweifelte das.

Sie richten aber nicht über die Kunst selbst oder doch?

Natürlich nicht. Mein Buch handelt von dem wirtschaftlichen Aspekt des Kunstmarktes. Als ich mit meinen Recherchen begann, dachte ich, dass ich die zeitgenössische Kunst besser verstehen würde. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch. Ich habe vor allem gelernt, dass der Schöpfer von Konzeptkunst als der Künstler gelten kann. Wir akzeptieren, dass Sir Norman Foster ein genialer Architekt ist, obwohl er nicht die Pläne zeichnet, die Statik berechnet oder das Gebäude baut. Bei Damien Hirst fällt es uns schwer, ihn als den Schöpfer des Hais zu akzeptieren. Doch Hirst ist wirklich ein kreatives Genie und auf jeden Fall ein Marketing-Genie.

Was wollten Sie mit Ihrem Buch erreichen?

Einige Besprechungen meinten, es sei ein Exposé der Kunstszene. Das war nicht mein Ziel. Es gibt nichts in meinem Buch, das einem Galeristen, Auktionator, Agenten und Kunstjournalisten unbekannt wäre. Ich habe versucht, alles zusammenzubringen und in einen wirtschaftlichen Kontext zu stellen.