art-Kolumne von Leo Fischer

Der Kunsthasser #1

Er ist kein Freund der Kunst – für art muss er trotzdem ins Museum. Diesmal quält sich Autor und Satiriker Leo Fischer mit einer Retrospektive des Performancekünstlers Ulay in der Frankfurter Kunsthalle Schirn. Protokoll einer Tortur.
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Ulay? Wer war das gleich noch mal? So fragen sich dieser Tage viele Frankfurter. Ach, Moment, der ist doch schuld, dass die Marina Abramović so lange so traurig war, wird sich dann mancher erinnern. Ulay ist doof! Geh nach Hause, Ulay! Wir halten zu Marina. Damit könnte man es eigentlich bewenden lassen.

Doch leider hat sich die Frankfurter Kunsthalle Schirn entschlossen, für den umstrittenen Herzensbrecher Frank Uwe Laysiepen, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, die allererste Gesamtschau auszurichten, unter dem Titel "Life-Sized". Ein Schritt nicht ohne Risiko, auch für das Ansehen des Künstlers. Denn zum ersten Mal kann man sehen, was Ulay außerhalb seines Beziehungslebens noch so alles falsch gemacht hat. Zwar versucht die Schirn, durch bis zur Schmerzgrenze gedimmtes Licht in den Ausstellungsräumen die ärgsten Schnitzer zu vertuschen. Doch die Beweislast ist einfach erdrückend.

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Erdrückende Beweislast: "Renais sense Aphorism", 1972-75, Collage aus Originalpolaroids

Die Ausstellung beginnt mit großen Fotos von Vasen und Wassergläsern, die sehr schön glänzen und in dieser Pracht und Detailverliebtheit sonst nur die Kataloge großer Möbelhäuser zieren. Dann folgen ein paar großformatige Belichtungsfehler, die laut Begleittext Experimente mit dem Medium Polaroid darstellen. Dahinter stehen große Wände voll mit kleinen Polaroids, dann noch ein paar Filme mit Marina (yeah, Marina!), dann wieder Wasserglasfotos.

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Er ist kein Freund der Kunst – für art muss er trotzdem ins Museum. Die Kunst-Kolumne von Autor und Satiriker Leo Fischer

Verzweifelt versucht der Dokumentationstext, aus Ulays Leben Sinn zu schlagen: "Mit einigen befreundeten Künstlerinnen und Künstlern zog er sich 1992 in ein Gebäude zurück, um darin in Zelten zu leben, zu diskutieren, alternative Lebensformen zu entwickeln, Bier zu trinken und mit Bierflaschen die Umrisse der europäischen Länder aufzustellen." Es hätte natürlich auch gereicht zu schreiben: "Anfang der Neunziger war Ulay sehr oft betrunken", aber das hat man sich in der Schirn dann doch nicht getraut. Ansonsten bietet der Katalog bewährte Proseminarsprosa: Sehgewohnheiten sind zum Brechen da, Identitäten zum Hinterfragen, Diskurse zum Mitaufnehmen. Nachdem meine Sehgewohnheiten in den letzten Jahren mindestens zehntausend Mal gebrochen wurden, sieht die Welt leider immer noch sehr trist aus, aber schön, dass es dennoch jemand versucht.

»Gerade für Museumswärter muss eine handfeste Suizidgefahr vermutet werden«

Ein bisschen ärgern muss man sich dann auch noch, beispielsweise über ein ganz junges Kunstwerk, ein mit weißer Farbe bestrichener Spiegel, aus dem Ulay dann Beckett-Zitate kratzt. Beckett? What the fuck? In den gottverdammten Zehnerjahren? Ja ist denn für den Herrn seit den Siebzigern jegliche Zeit stehengeblieben?

Überhaupt steht die Ausstellung unter dem geheimen Motto: "Opa hat sich mal auf dem Dachboden umgesehen". Mit Polaroid und Analogfotografie werden ausnehmend gestrige Medienprobleme behandelt, gerade noch Grammophon und Faxgerät werden uns erspart. Ähnliches kann man leider nicht von den OP-Fotos sagen, die Ulays Selbstverstümmelung dokumentieren, auch hier ist man stark an den masochistischen Stolz frisch operierter Senioren erinnert.

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"Dann noch ein paar Filme mit Marina (yeah, Marina!)"

Die Ausstellung endet an einer großen Medienstation; hier stauen sich auch die Besucher: Man ist froh, endlich einen Sitzplatz ergattert zu haben. Vier der sechs Kopfhörer sind defekt, so dass man Ulays raunender Poesie nicht lauschen kann. Grimmig blickt die Dame mit dem funktionierenden Headset zu Neuankömmlingen auf: Sie wird hier noch stur die Stunden abhocken, dass das mal klar ist.

Ähnliche Stauungen an einem anderen Kunstwerk, einem Urlaubsvideo aus Moskau, das mit einem russischen Volkslied untermalt ist. Das Pad, das den Film wiedergibt, liegt am Boden hinter einer Stellwand. Ist es irgendwo heruntergefallen? War es den Ausstellern peinlich? Das sehr traurige Lied wiederholt sich alle drei Minuten, gerade für die Museumswärter muss eine handfeste Suizidgefahr vermutet werden, da auch all die anderen Werke so viel Vergeblichkeit, Traurigkeit ausströmen. Was hätte dieser Mann aus seinem Leben machen können, wenn er sich nicht ausgerechnet der Kunst verschrieben hätte! Mit dem befreienden, ja erlöstem Gefühl, bei aller Widernis des Lebens wenigstens nicht Ulay zu sein, tritt man aus dem Museum. Geschafft!

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