Hans-Ulrich Obrist

Interview

Als Rosemarie Trockel Houellebecqs Hund traf
Romantische Utopie in der Wüste? Filmposter von Houellebecqs Regiedebüt "Die Möglichkeit einer Insel"

ALS ROSEMARIE TROCKEL HOUELLEBECQS HUND TRAF

Am 10. September kommt "Die Möglichkeit einer Insel", das Regiedebüt des Skandalautors Michel Houellebecq, in die französischen Kinos. Der Architekt Rem Kohlhaas baute für den Film die Stadt der Zukunft und die Künstlerin Rosemarie Trockel gestaltete Houellebecqs geliebten Hund Clément. Der Strippenzieher hinter dieser ungewöhnlichen Kooperation ist mal wieder: der Kurator Hans-Ulrich Obrist. art traf Obrist in London und sprach mit ihm über die Begegnung mit Houellebecq, seine Liebe zur Literatur – und die Unsterblichkeit.
// ALAIN BIEBER, LONDON

Herr Obrist, würden Sie sich gerne klonen lassen?

Hans-Ulrich Obrist: Der Kurator ist ein Katalysator, der auch verschwinden müssen kann. Es ist auch wichtig, dass man an bestimmten Orten nicht ist. So wie man sich überlegt, welche Ausstellungen man kuratiert und welche Bücher man schreibt, ist es ebenso wichtig, sich genau zu überlegen was man nicht tut.

Es hat sich für meine Recherchen als nicht produktiv erwiesen, an allen Orten gleichzeitig sein zu wollen. Ich bin lieber öfters am gleichen Ort – und befasse mich dort intensiv mit einem Thema. Im Moment reise ich zum Beispiel jeden Monat nach Indien für unser große Indien-Austellung in der Serpentine Gallery.

Beim Klonen geht es auch um den großen Menschheitstraum: die Unsterblichkeit. Architekten werden durch ihre Bauten unsterblich, Künstler durch ihre Arbeiten – wie sieht es mit Kuratoren aus? Streben Kuratoren auch nach Unsterblichkeit?

Wie Wallace Stevens sagte "Life begins with proposition on life". Ich glaube, dass menschliche Aktivität immer endlich ist. Mir geht es um Archive und darum, wie man Zeitkapseln baut. Außerdem ist es eher so, dass man als Kurator die Erinnerung an andere wach hält, an bestimmte künstlerische Positionen. Meine Arbeit ist ein Protest gegen das Vergessen. Und natürlich geht es auch immer darum, eine junge Generation sichtbar zu machen.

Gibt es trotzdem eine Ausstellung, ein Buch oder ein konkretes Projekt, mit der Sie der Nachwelt gerne in Erinnerung bleiben möchten?

Der Begriff des Kuratierens ist ja noch ein relativ neuer Begriff. In den sechziger Jahren gab es den erweiterten Kunstbegriff. Ich sah dann in den neunziger Jahren die Notwendigkeit zu einem "erweiterten Kuratorenbegriff". Ich dachte, es könnte interessant sein, nicht nur Kunst zu kuratieren, sondern die Kunst mit verschiedenen Disziplinen wie Literatur, Architektur oder Wissenschaft zu verbinden. So wie Alexander Dorner sagt: "Um die Kräfte, die in der Kunst wirken, zu verstehen, muss man auch die anderen Disziplinen verstehen." Was eine Ausstellung dann wirklich bewirkt, kann kein Masterplan vorhersehen.

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