Susan D. Goodman

Interview

"Wäre ich heute 20 Jahre alt, dann würde ich nach Berlin ziehen"
Martin Basher, "The Situation Has Limitless Prospect", 2007: Der neuseeländische Künstler Basher ist der erste Stipendiat, der in Berlin vier Monate lang leben und arbeiten wird (Courtesy Starkwhite, New Zealand)
"WÄRE ICH HEUTE 20 JAHRE ALT, DANN WÜRDE ICH NACH BERLIN ZIEHEN"
Die New Yorker Kunstsammlerin und Mäzenatin Susan D. Goodman ermöglicht mit einem neuen Berlin-Stipendium internationalen jungen Künstlern einen viermonatigen Aufenthalt in der deutschen Hauptstadt – und will nicht einmal eine Arbeit als Dankeschön. Ein Gespräch über die Berliner Szene, Kunstförderung und ihre Sammlerkarriere.
// GUNNAR LUETZOW, BERLIN

Frau Goodman, warum wählen sie Berlin als Schwerpunkt ihres Engagements – ist New York nicht mehr die Welthauptstadt der Kunst?

Susan D. Goodman: Ich bin 2002 erstmals nach Berlin gekommen. Mich haben die hiesige Energie und das Wachstum beeindruckt, der Geist dieses Ortes. Dann begann ich, drei-, vier-, fünfmal nach Berlin zu kommen und die Stadt ist immer überraschend, wachsend, neu. Die Kunstszene ist so lebendig.

Und da der Kern meiner Sammlungstätigkeit die Unterstützung junger Künstler ist, erschien mir Berlin als der natürlichste und aufregendste Ort, um dies umzusetzen. "Junge Künstler" waren für mich zu Beginn meiner Sammlerkarriere Künstler Anfang 20, und da ich erst seit fünf Jahren sammle, sind sie nun "alt" – 28, 30 Jahre. Doch neuerdings hat der Begriff "jung" eine neue Bedeutung bekommen – im Sinne von jung in der Beziehung zu ihrer Kunst und nicht in Bezug auf das Alter. Wie auch immer, in Bezug auf das Stipendium bedeutet es, dass die Künstler jüngst ihren Abschluss Master of Fine Arts gemacht haben.

Was die Entscheidung für Berlin betrifft, so ist es nicht so, dass mir in New York etwas fehlt. Ich habe die ersten zehn Jahre meines Berufslebens in der Modeindustrie verbracht, wo meine Aufgabe darin bestand, Trends zu identifizieren. Ich war viel in Florenz und Mailand, aber auch in Tokio – das war in den frühen Achtzigern. Und genau daran erinnert mich die Stimmung in Berlin. Eine kreative Explosion, die auf der Weltbühne stattfindet. Damals stritt man sich um Armani oder Soprani – während ich Yamamoto und Miyake entdeckt hatte. Damals hieß es: "Wer sind die? Armani, Soprani!" Drei, vier Jahre später war das keine Frage mehr. Und so ist Berlin für mich eine Stadt in einer Renaissance – wie New York in den Achtzigern. Und hätte ich ein paralleles Leben, würde es sicher in Berlin stattfinden.

Warum haben Sie sich entschlossen, ein Stipendium zu ermöglichen, anstatt einfach nur Kunst zu kaufen?

Das ist eine lange Geschichte. Meine Sammlerkarriere begann im Jahr 2002, als Jay Chiat, ein langjähriger Freund und Mentor, starb – der Gründer der Werbeagentur, die Nike, Reebok und Apple berühmt gemacht hat. Er war in den Achtzigern und Neunzigern ein großer Sammler. Bei seiner Beerdigung wurde eine wunderbare Rede gehalten: Wer sein Andenken ehren wolle, hieß es darin, könne spontan seinem Portier 100 Dollar schenken oder der Putzfrau einen zusätzlichen Wochenlohn zahlen. Oder einen jungen Künstler unterstützen. Über die Frage, was es heißt, einen jungen Künstler zu unterstützen, habe ich dann monatelang nachgedacht. Es kann ja alles bedeuten. So entschloss ich mich anfangs, Werke junger Künstler zu kaufen und selbstverständlich auch in Ausstellungen zu geben, überallhin. Dann begann ich jedes Jahr eine Party zur Armory Show zu geben, um den Künstlern und Händlern wie Christian Ehrentraut zu danken – Sammler kannte ich bis dahin ja noch keine.

Doch vier Jahre später beschloss ich, noch mal darüber nachzudenken, was es jetzt bedeuten könnte. Vielleicht könnte es auch bedeuten, etwas zu tun, was nur ihnen und nicht mir dient. Einen Künstler durch einen Ankauf zu unterstützen bedeutet ja auch, dass man im Gegenzug eine Arbeit bekommt. Ich könnte natürlich der Columbia University 5000 Dollar geben und ein Stipendium ausschreiben lassen – aber vielleicht gibt es interessantere Möglichkeiten. Mein eigenes Leben wurde bereichert durch die Möglichkeit, als junge Geschäftsfrau nach Japan zu reisen und dort neue Erfahrungen zu sammeln. Wäre ich heutzutage 20, ich würde nach Berlin gehen. Das ist eine lebensverändernde Erfahrung – mit offenem Ende. Deswegen sind an das Stipendium auch keine Bedingungen oder Erwartungen geknüpft. Und obwohl das sicher nett wäre, müssen die Künstler mir keine Arbeit überlassen. Sie müssen nicht mal arbeiten. Wenn ein Künstler vier Monate lang jeden Tag ins Museum gehen will, ist das auch toll. Mir geht es nur darum, die Möglichkeiten zu eröffnen.

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