"Sammlung Jägers" - Köln

Angeklagt, Irrtümer erregt zu haben

Unter regem öffentlichen Interesse hat am Landgericht Köln der Kunstfälscher-Prozess um die fingierten Sammlungen Jägers und Knops begonnen. Die vier Angeklagten, die dem Klischeebild des Bildungsbürgers beinahe perfekt entsprechen, schwiegen am ersten Verhandlungstag zu den Vorwürfen. Doch schon die Anklageschrift offenbart etliche pikante Details des Schwindels.
Verfahren eröffnet:Kunstfälscherprozeß in Köln

Großer Medienandrang im Gerichtssaal beim Prozessbeginn

Es verspricht der spektakulärste Kunstfälscherprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte zu werden: In Köln sind vier Personen angeklagt, bis zu 47 gefälschte Gemälde in den internationalen Kunstmarkt eingeschleust zu haben. Dazu hatten sie zwei Kunstsammlungen erfunden und Experten, Galerien und Auktionshäuser mit der Produktion bis dato verschollen geglaubter Werke hinters Licht geführt.

Den Angeklagten wird gewerbsmäßig begangener, bandenmäßiger schwerer Betrug und Urkundenfälschung in zunächst 14 Fällen zur Last gelegt. Ihnen drohen Strafen zwischen einem Jahr und zehn Jahren Gefängnis, den entstandenen Schaden bezifferte die Staatsanwaltschaft auf rund 15,8 Millionen Euro. Gegen drei weitere Personen wird in einem gesonderten Verfahren noch ermittelt.

Am ersten Verhandlungstag konzentrierte sich das öffentliche Interesse auf die weitgehend unbekannten Angeklagten. Während sich die 54-jährige Jeanette S. auf freien Fuß befindet (sie soll erst 2003 in die Machenschaften eingeweiht worden sein), wurden die drei Hauptbeklagten fernsehgerecht von Justizvollzugsbeamten in den Gerichtssaal geführt. Wie ihre Schwester entspricht Helene Beltracchi (52) dem Bild der gediegenen Bildungsbürgerin beinahe perfekt, der eigentliche Fälscher Wolfgang Beltracchi (60) sowie der offenbar als "Außendienstler" der Bande tätige Otto Schulte-Kellinghaus (67) stören diesen Eindruck zumindest nicht. Zur Sache wollte sich keiner der Beklagten äußern. Lediglich Schulte-Kellinghaus ließ durch seinen Anwalt mitteilen, er habe im Gegensatz zu den übrigen Beklagten keinen luxuriösen Lebensstil gepflegt.

Auch ohne die Mitwirkung der Angeklagten wurden etliche pikante Details des Falls bekannt. So verfügten laut Staatsanwaltschaft weder das Ehepaar Beltracchi noch Schulte-Kellinghaus bei Beginn des Schwindels über legale Einkommen und waren bei ihren Geschäften peinlich darauf bedacht, sämtliche Geldflüsse über ausländische Konten abzuwickeln. Jeanette S. soll dem Auktionshaus Lempertz deswegen sogar mit dem Ende der Geschäftsbeziehungen gedroht haben; prompt wies Lempertz den strittigen Betrag über ein belgisches Firmenkonto an.

Erstes Licht fiel auf die Arbeitsteilung innerhalb der Bande. Während Wolfgang Beltracchi die Fälschungen anfertigte, stellte Otto Schulte-Kellinghaus Kontakte zu namhaften Kunstexperten her. In einem Fall soll er – möglicherweise zu Testzwecken – selbst ein chemisches Gutachten zu einem Werk der Sammlung Jägers in Auftrag gegeben haben. Als die Prüfer Hinweise auf eine Fälschung entdeckten, ließ er das Ergebnis in der Schublade verschwinden und brachte das Werk in bewährter Weise unter Zuhilfenahme reiner Stilkritiken in den Handel ein. Noch ungeklärt blieb dagegen die Entstehungsgeschichte mehrerer angeblich aus den 1930er Jahre stammender Fotografien, auf denen die Großmutter der beiden Schwestern vor kaum getrockneten Gemälden der Sammlung Jägers posiert.

In einer schönen juristischen Formulierung warf die vortragende Staatsanwältin Kathrin Franz den Angeklagten vor, sie hätten absichtlich Irrtümer erregt. Im Laufe des auf 40 Tage angesetzten Prozesses wird auch verhandelt werden, wie leicht sich verschiedene Akteure des Kunstmarkts zu solchen Irrtümern verleiten ließen. Insbesondere Henrik Hanstein, Leiter des in mindestens fünf Fällen betroffenen Kölner Auktionshaus Lempertz, sowie der renommierte Kunsthistoriker Werner Spies stehen in der Kritik. Spies hatte mehrere Fälschungen aufgewertet, indem er schriftlich versicherte, sie in das von ihm erstellte Max Ernst-Werkverzeichnis aufnehmen zu wollen, und kassierte bei der späteren Vermittlung derselben Arbeiten hohe Provisionen. Gegen Burkhard Leismann, Direktor des Kunstmuseums Ahlen, wird bereits wegen einer möglichen Komplizenschaft mit dem Ehepaar Beltracchi ermittelt.

Mittlerweile ist außerhalb des Gerichtssaals die Diskussion um mögliche Konsequenzen für den Kunstmarkt entbrannt. So sollen chemische Prüfverfahren für "zweifelhafte" Einlieferungen obligatorisch und Provisionen wie im Fall Spies geächtet werden. Ob sich beides durchsetzen lässt, erscheint angesichts der langen Reihe ähnlich gearteter Kunstfälscherprozesse zweifelhaft. Offenbar gehört die Fälschung zum Kunsthandel wie das Spekulieren auf steigende Preise. In dieser Sichtweise fällt den Fälschern eine nicht zu unterschätzende Rolle zu, indem sie von Zeit zu Zeit die Anfälligkeit des elitären Kunstmarkts vorführen und gleichzeitig die allgemeine Wertigkeit der Ware Kunst bestätigen; Denn wer würde schon etwas Wertloses fälschen wollen?

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