Sammlung Jägers - Köln

Es hat mir mächtig Spass gemacht.

Am dritten Verhandlungstag hat der Prozess um die fingierte Sammlung Jägers die erwartete Wendung genommen. Das Gericht schlug den Angeklagten einen "Handel" mit Haftstrafen zwischen sechs Jahren und zwei Jahren auf Bewährung vor. Als erster legte daraufhin Wolfgang Beltracchi ein umfassendes Geständnis ab. Stimmen seine Angaben, zählt er zu den geschicktesten Fälschern der Moderne. An Henrik Hanstein, dem Inhaber des geschädigten Auktionshaus Lempertz, ließ er kaum ein gutes Haar.
Ungebremster Redefluss:Der Hauptangeklagte im Fälschungsprozeß gesteht

Wolfgang Beltracchi am ersten Prozesstag, als er noch nicht gestanden hatte

Im Kunsthandel gehören "Deals" zum Alltag, vor Gericht sind sie noch relativ neu und werden "Vorschlag zur Verfahrenserledigung" genannt. Einen solchen unterbreitete der Vorsitzende Richter des Kölner Landgerichts am dritten Verhandlungstag des Kunstfälscher-Prozesses.

Danach hätte Wolfgang Beltracchi bis zu sechs Jahren Haft zu erwarten, seine Ehefrau Helene bis zu vier Jahren, Otto Schulte-Kellinghaus bis zu fünf Jahren und Jeanette S. bis zu zwei Jahre auf Bewährung. Voraussetzung seien allerdings umfassende Geständnisse der Angeklagten; außerdem müssten die Beltracchis 9546 000 Schweizer Franken von ihrem Privatkonto an die Staatsanwaltschaft überweisen. Verläuft alles zur Zufriedenheit des Gerichts, könnte der Prozess schon bald zu Ende sein. Henrik Hanstein oder dem Kunsthistoriker Werner Spies blieben peinliche Auftritte im Zeugenstand erspart.

Wolfgang Beltracchi legte sein ausführliches Geständnis in gefasstem Tonfall ab. Er habe schon früh sein Talent dafür entdeckt, sich fremde Malstile anzueignen, und als 14-Jähriger innerhalb weniger Stunden seinen ersten Picasso kopiert – es blieb zugleich sein letzter, so Beltracchi, Werner Spies könne in dieser Hinsicht also beruhigt sei. Nach diesem "Erweckungserlebnis" schlug er parallele Karrieren ein und malte neben eigenen Werken regelmäßig als solche ausgewiesene Kopien gängiger Kunstware. Einem Max-Pechstein-Duplikat wollte er später als "echt" in einem Museum wiederbegegnet sein.

Als Ausgangsmaterial der seit den neunziger Jahren entstandenen Fälschungen dienten Beltracchi Gemälde unbekannter Maler, die er auf Antikmärkten billig erstand. Auf diese Weise legte er einen Fundus an und suchte sich jeweils Vorlagen heraus, die hinsichtlich Entstehungszeit und Maßen zu den Fälschungen passten. Anschließend beseitigte er die vorhandenden Farben, mischte neue nach altem Rezept und trug diese freihändig auf die Leinwand auf. Presseberichte, nach denen er sich mit Rastern und Projektoren beholfen habe, gingen ihm sichtlich gegen die Fälscherehre. Seine Umsicht reichte so weit, dass er gekaufte Farben chemisch auf verräterische Pigmentanteile untersuchen ließ. Leider hätten sich die Analysemethoden mittlerweile deutlich verbessert: "Die Wissenschaft hat mich überholt."

Beltracchi verschwieg einige handwerkliche Details, um keine Gebrauchsanweisung zu liefern. Dafür stellte er anhand des eigenen Tuns vier Kriterien für den erfolgreichen Kunstfälscher auf. Dieser brauche naturwissenschaftlichen Sachverstand, kunsthistorisches Wissen (im Idealfall weiß er mehr als die Koryphäen), intime Kenntnisse des Kunsthandels und stilistisches Talent. Über letzteres verfügt Beltracchi ohne Zweifel. Seine Fälschungen sind oft schwungvoller und lebendiger als die Originale, weshalb er sich nach eigener Aussage zügeln musste, nicht zu gut zu malen. Irgendwann ging die Identifikation mit Campendonk und Co. so weit, dass er glaubte, die Lücken in ihren Werkverzeichnissen nachschöpfend zu schließen. "Ich malte Gemälde, die im Werk eines Künstlers eigentlich nicht hätten fehlen dürfen."

Die Idee der falschen Provenienz nahm Beltracchi ebenfalls auf sich und entlastete damit seine Ehefrau. Er allein habe das Unternehmen gesteuert und Otto Schulte-Kellinghaus als Außendienstmitabeiter auf Provisionsbasis verpflichtet. Allerdings gab es häufig Streit um die Abrechnung, und so spannte Beltracchi seine Ehefrau und später auch seine Schwägerin ein, um Provisionen einzusparen. In einem Fall beschuldigte er Schulte-Kellinghaus zudem, ihn um 500 000 Euro betrogen zu haben. Während diese Aussage Schulte-Kellinghaus‘ Selbstdarstellung als arme Kirchenmaus eklatant entgegenläuft, zog Beltracchi für Jeanette S. die "Du kommst aus dem Gefängnis frei"-Karte. Diese habe zwar gewusst, dass die Sammlung Jägers eine Lüge sei, aber nicht geahnt, dass die von ihr beim Auktionshaus Lempertz eingelieferten Gemälde gefälscht seien.

Als zentrale Motive für die Fälschungen gab Beltracchi seine Liebe zu den Künstlern und seine Abneigung gegen den Kunstmarkt an. "Ich stand am Anfang einer durch Gier und Unredlichkeit geprägten Handelskette", sagte er und sah seine Einschätzung von Henrik Hanstein verkörpert. Der habe den Preis für eine Einlieferung durch den Hinweis auf einen angeblich sehr sparsamen Interessenten gedrückt, das fragliche Bild dann aber selbst angekauft, liegen gelassen und später mit enormem Aufschlag weiter veräußert. Schon deswegen habe ihm der ganze Betrug damals mächtig Spaß gemacht. Werner Spies, dem Beltracchi nie begegnet sein will, kam deutlich besser davon. Bei ihm, so der Eindruck, würde er sich gerne entschuldigen.

Am Ende der glaubwürdigen und in mehr als einer Hinsicht erschöpfenden Aussage konnte sich der Richter eine Frage nicht verkneifen. Ob der 1912 geborene Werner Jägers nicht etwas zu jung gewesen sei, um Ende der zwanziger Jahre schon moderne Kunst zu sammeln? "Das ist mir irgendwann auch aufgefallen", antwortete Wolfgang Beltracchi. Sonst aber wohl niemandem.