Berliner Stadtschloss - Stiftung

Der Geist der Schlüterschen Fassaden

Am Freitag, 28. November, wird der Siegerentwurf für das neue Berliner Stadtschloss präsentiert – und dann wird der Streit wohl erst richtig losgehen. Heute wurde zunächst bekannt, dass das Stadtschloss und das dazu gehörende Humboldt-Forum unter dem Dach einer eigenständigen Stiftung aufgebaut und später auch betrieben werden.
Schloss, Stiftung, Streit:gemeinsame Stiftung für Schloss und Humboldt-Forum

"Vielleicht gelingt es einem der Teilnehmer, den Geist der Schlüterschen Fassaden durch eine freiere Interpretation machtvoller zu beschwören, als wenn sie nur reproduziert würden", sagte der italienische Architekt und Jury-Vorsitzende Vittorio Lampugnani skeptisch.

Das Berliner Stadtschloss und das dazu gehörende Humboldt-Forum sollen unter dem Dach einer eigenständigen Stiftung aufgebaut und später auch betrieben werden. Der Haushaltsausschuss des Bundestages bewilligte auf Antrag von Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) 1,5 Millionen Euro für die Errichtung der "Stiftung Berliner Schloss / Humboldt Forum", wie die stellvertretende haushaltspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Petra Merkel, am Freitag mitteilte.

Steffen Kampeter von der Unions-Fraktion im Bundestag betonte dazu, Tiefensee sei nun allerdings in der Pflicht, ein Konzept für die Stiftung vorzulegen. Im Humboldt-Forum wollen die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Humboldt-Universität und die Berliner Landesbibliothek ein Ausstellungs- und Veranstaltungszentrum zu den Weltkulturen betreiben. Offen ist allerdings, wer für dessen inhaltliche Gestaltung die Gesamtverantwortung tragen soll. Im Gespräch ist unter anderem eine Art Generalintendant, der die Inhalte koordinieren könnte. Nach Angaben des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbetrieb, Hermann Parzinger, wollen alle Beteiligten ab Sommer 2009 ein Konzept präsentieren.

Nach zehnjähriger Debatte entschied sich der Bundestag für die historischen Barockfassaden

Original oder Mogelpackung, Weltstätte oder Provinzbau: Noch ist nicht bekannt, wer das Berliner Stadtschloss wieder errichten soll – der Kulturkampf um den symbolträchtigsten Baugrund in Deutschland schwelt bereits. Am kommenden Freitag (28. November) wird eine Jury aus Fachleuten und Kulturpolitikern über den Entwurf entscheiden. Dann wird der Streit wohl erst richtig losgehen. Die Erwartungen an die künftige Gestalt des zentralen Ortes der deutschen Hauptstadt sind enorm. An dieser Stelle ist Geschichte mit Händen zu greifen. Von hier aus herrschten die Preußen-Könige und der Sozialist Karl Liebknecht rief 1918 vom Balkon die Räterepublik aus. Auf dem Schlossplatz demonstrierten in der Weimarer Zeit die Arbeiter, später marschierten die Nazis auf. Zu DDR-Zeiten wurde der Marx-Engels-Platz Bühne für große Propagandaaufzüge.

Nach dem Mauerfall hatte sich über den Platz mit dem DDR-Palast der Republik der Grauschleier gelegt. Erst als klar wurde, dass "Erichs Lampenladen" wegen Asbestverseuchung abgerissen werden musste, wurde der Weg für eine Neugestaltung des Schlossplatzes frei. Nach zehnjähriger Debatte entschied der Bundestag mit klarer Mehrheit, das Hohenzollern-Schloss in seiner Originalgröße mit den historischen Barockfassaden an drei Seiten wieder aufbauen zu lassen. Lediglich die Ostseite soll frei gestaltet werden.

Von 2010 bis 2013 soll der Schlossbau des Baumeisters Andreas Schlüter (1662-1714) nun wieder entstehen – möglichst mit Kuppelbau und prächtigem Innenhof. Das Parlament hat für eine Nutzfläche von 40 000 Quadratmetern 552 Millionen Euro Baukosten veranschlagt. Kritiker sehen in den Parlamentsvorgaben, die bei der Außengestaltung kaum Spielraum für Neues zulassen, einen Rückfall in nostalgischen Puppenstuben-Biedermeier. "Postkarten-Stadtschloss" nannte Stararchitekt Daniel Libeskind das Projekt und forderte einen radikalen Neuanfang. Der Stadtplaner Adrian von Buttlar (TU Berlin) spricht von "reiner Kulissenarchitektur". Dagegen steht eine bunte Allianz aus Befürwortern des historisierenden Bauens – von Bundespräsident Horst Köhler bis Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Eine Schlüsselfigur ist der Hamburger Unternehmer Wilhelm von Boddien. Mit seinem Schloss-Förderverein will er 80 Millionen Euro Spenden für den Fassadenbau beisteuern. Gemeinsam ist allen das Misstrauen gegenüber zeitgenössischer Architektur.

"Den Geist der Schlüterschen Fassaden durch eine freiere Interpretation"

Die Schloss-Freunde wollen nicht das Risiko eingehen, dass in der Herzkammer der Republik ein Kasten etwa aus Sichtbeton und Glas entsteht. Am anderen Ende des Boulevards Unter den Linden soll Preußens Glanz seinen Platz haben, nicht unwägbare Moderne. Eine Leerstelle gegenüber dem Berliner Dom wünscht sich allerdings auch niemand.
Bei der Parlamentsentscheidung 2002 spielte die künftige Nutzung des Gebäudes eine eher zweitrangige Rolle. Bewegung ins Spiel kam mit dem Vorschlag des damaligen Präsidenten der Preußenstiftung, Klaus-Dieter Lehmann. In den Schlossbau soll mit dem Humboldt-Forum eine Schaustelle außereuropäischer Kulturen und Wissenschaft einziehen. Außen Preußens Gloria, innen der Blick über den Tellerrand – eine anscheinend perfekte Symbiose in unmittelbarer Nachbarschaft zur Museumsinsel.

Allerdings stellt das Vorhaben die Architekten vor schwere Aufgaben. Vom Hohenzollern-Schloss gibt es nur noch verstreute Einzelreste. Die SED hatte 1950 die im Krieg schwer beschädigte Schlossruine mit Dynamit ganz sprengen lassen. Der Original-Wiederaufbau gleicht einem archäologischen Puzzlespiel. Außerdem lässt sich eine Fassade nach historischen Maßen nur schwer mit den Raumbedürfnissen eines modernen Museumsbaus verbinden. Für die Endrunde im Architektur-Wettbewerb haben sich 30 Büros qualifiziert – und schon gibt es Zweifel in der Jury, ob den
Bewerbern der Spagat zwischen barocker Hülle und Hightech-Nutzung gelingen wird. Auch der Jury-Vorsitzende Vittorio Lampugnani äußerte Skepsis. "Vielleicht gelingt es einem der Teilnehmer, den Geist der Schlüterschen Fassaden durch eine freiere Interpretation machtvoller zu beschwören, als wenn sie nur reproduziert würden", sagte der italienische Architekt im "Spiegel"-Interview.

Von wegen Freiheit. Die CDU-Fraktion im Bundestag reagierte prompt und stellte klar, dass sich die Jury auf die eindeutigen Vorgaben des Bundes verpflichtet habe. Wer sich nicht daran halten wolle, könne ja seinen Platz räumen. Auch Bauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sprach ein Machtwort. "Diesen Beschluss setzen wir um", sagte der SPD-
Politiker als Bauherr. Als Bauträger soll eine Stiftung die Fäden bis zur Vollendung in der Hand halten. Ihr zuarbeiten will auch der private Förderverein um Wilhelm von Boddien. Die Schloss-Anhänger haben die Fassadenpläne erstellt und wollen die Steinmetzarbeiten mitfinanzieren. Ob das gelingt, ist fraglich. Bisher hat der Verein 19 Millionen Euro
gesammelt. Wenn der Bau erst begonnen hat, hofft Boddien nach dem Vorbild der Dresdner Frauenkirche auf sprudelnde Spenden. Bis dahin wird wohl der Bund das Geld vorstrecken müssen.

Esteban Engel, dpa

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