Thomas Campbell - Metropolitan Museum of Art

Auf leisen Sohlen

Überraschung in New York: Der gebürtige Brite Thomas Campbell wird neuer Direktor des Metropolitan Museum. Der Tapisserie-Experte gilt als unbeschriebenes Blatt. Wer ist der Neue?
Auf leisen Sohlen:Thomas Campbell wird neuer Direktor des MET

Philippe de Montebello (l.) und sein Nachfolger Thomas Campbell (r.)

Die Nachricht überraschte New Yorks Kulturgemeinde derart, dass ein Journalist auf der eilig einberufenen Pressekonferenz im Metropolitan Museum of Art anerkennend anmerkte: "Das CIA kann von diesem Museum lernen." Bis zum letzten Moment war die Meldung über den neuen Direktor Thomas Campbell nirgendwo durchgesickert. Sogar Kuratoren aus dem eigenen Hause und Mitglieder des Museumsvorstands sollen erst mit der offiziellen Verkündigung von der Personal-Entscheidung erfahren haben. Bereits im Januar übernimmt der 46-jährige Brite als neunter Direktor in der 138-jährigen Geschichte des Museums die Leitung des Hauses.

Acht Monate suchte das Metropolitan nach einem Nachfolger für Philippe de Montebello, der im Alter von 72 Jahren nach 31 Jahren Amtszeit seinen Ruhestand verkündet hatte. In letzter Runde schlug Campbell zwei interne Kandidaten und den Deutschen Max Hollein, Leiter des Städel-Museums und der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt aus dem Rennen. Hollein waren als Experte für zeitgenössische Kunst große Chancen ausgerechnet worden. Doch das Metropolitan blieb seiner Politik treu und wählte einen Nachfolger aus den eigenen Reihen. Eine Überraschung auf mehreren Ebenen.

Wer ist der Neue?

Außerhalb des Metropolitan gilt Campbell als unbeschriebenes Blatt. Er bringt keine administrativen Erfahrungen als Direktor eines Museums mit. Er hat keine große Abteilung unter sich. Und sein Fachgebiet Tapisserien mutet obendrein ein wenig exotisch an. Obwohl die von ihm organisierte Ausstellung "Tapestry in the Renaissance: Art and Magnificence" 2002 im Metropolitan mit mehr als 200 000 Besuchern als Überraschungshit galt. Campbell wurde in Cambridge geboren. Er studierte Anglistik und Literatur in Oxford sowie am Courtauld Institute of Art in London und nahm am Fine-Arts-Programm bei Christie's teil. 1995 fing Campbell im Metropolitan als assistierender Kurator an, 2003 wurde er Kurator für europäische Bildhauerei und dekorative Kunst.

Eine symbolträchtige Entscheidung

Interessant ist, dass sich die beiden Konkurrenten aus dem eigenen Hause höher als Campbell auf der Karriereleiter befanden. Der charmante Brite überholte seinen Vorgesetzten, den 57-jährigen Ian Wardropper. Kurator Gary Tinterow, der so wichtige Abteilungen wie das 19. Jahrhundert und die moderne und zeitgenössischer Kunst leitet, soll sich selbst geschadet haben, als er versuchte, einflussreiche Vorstandsmitglieder auf seine Seite zu ziehen, um den Job zu bekommen. Philippe de Montebello zeigte sich auf der Pressekonferenz sichtlich zufrieden mit seiner Nachfolge. "Dies ist eine symbolträchtige Entscheidung", erklärte er gegenüber art. In Zeiten, in denen andere Häuser auf marketingerprobte Manager als Führungskräfte setzen, bleibt die Institution ihrem traditionellen Kurs treu und entschied sich für einen respektierten Kunstgelehrten, der einen sanften Innovationskurs einschlagen soll und intern als sehr beliebt gilt. Auch New Yorks Kulturpresse war begeistert. Es sei erfrischend, über einen Direktor zu sprechen, weil er Kunst studiert und beleuchtet hat. Und nicht weil er Millionen von Dollars sammeln kann oder vorhat, von einem gefragten Architekten ein neues Gebäude errichten zu lassen, so Michael Kimmelman von der "New York Times". Auf die Frage nach dem deutschen Mitstreiter Max Hollein verriet Campbell nur, dass er ihn gern persönlich kennen lernen würde. Ob er sich selbst auf der eher konservativen Seite sieht oder als modern beschreiben würde? "Ich vereine hoffentlich beide Welten."

"Es geht nicht um mein Ego"

Auszüge aus der Konferenz, bei der sich der neue Direktor der Presse vorstellte:

Herr Campbell, werden Sie mehr auf zeitgenössische Kunst setzen und die Sammlung ausbauen?

Thomas Campbell: Das Zeitgenössische war immer und wird weiterhin Teil der Mission sein. Das Museum bietet die Gelegenheit zeitgenössische Arbeiten im Kontext von Kunst aus der Vergangenheit zu sehen. Wir befinden uns in einer Zeit des Umschwungs. Gary Tinterow initiierte bereits ein Ausstellungsprogramm, das sich der zeitgenössischen Kunst öffnet. Das ist sehr gesund. Ich werde daran weiter eng mit ihm zusammenarbeiten.

Trauen Sie sich zu, eine riesige Institution zu leiten, ohne Erfahrungen als Museumsdirektor mitzubringen?

Beim Metropolitan handelt sich um eine extrem gut geführte Institution mit 17 kuratorischen Abteilungen. Was das Museum nicht braucht, ist ein weiterer beflissener Manager. Es geht vielmehr um Visionen und um die Chemie zwischen Menschen. Geben Sie mir fünf Jahre, um meine Leistungen zu beurteilen.

Wie schafft es ein Experte für Tapisserien einen solchen Karriereschritt hinzulegen?

Tapisserien waren ein Schlüsselelement der Propaganda im Mittelalter, in der Renaissance oder zur Zeit des Barock. Für die Herrscher waren sie ein Weg, um Ideen zu projizieren. Eines der ewigen Themen, auf die Herrscher immer wieder zurückkommen, lautet, dass gute Führung von guter Beratung abhängt. Sogar Heinrich VIII. präsentierte sich als jemand, der auf seine Berater hörte – bevor er sie köpfte. Das habe ich nicht vor: Aber ich will von Philippe de Montebello lernen, die reichen Ressourcen des Personals zu erkennen. Es geht nicht um mein Ego, sondern darum, dieses Haus erfolgreich zu führen.

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