Joseph Beuys - Schaffhausen

Kapital" droht Demontage

Joseph Beuys' große Installation in den Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen soll abgebaut werden
"Kapital" droht Demontage:"Beuys"-Installation Schaffhausen soll abgebaut werden

Die Hallen für Neue Kunst im Schweizerischen Schaffhausen gelten weltweit als der Pilgerort für die Kunst der sechziger und siebziger Jahre. In der ehemaligen Kammgarnspinnerei hat Robert Ryman kürzlich gerade wieder eine Galerie seiner Gemälde installiert, die weiten Fabrikhallen bieten für das Werk von Bruce Nauman ebenso eine einzigartige Erfahrung wie für Carl Andre, Jannis Kounellis und Mario Merz oder Sol LeWitt.

Ihr Zentrum erhält diese Kunst-Kathedrale jedoch durch "Das Kapital" von Joseph Beuys. 1983 hat der Künstler die große Installation selbst mit Hilfe seines Assistenten Heiner Bastian und des Künstlers und Leiters der "Hallen" Urs Raussmüller installiert. Um die gewünschte Höhe zu gewinnen, wurde ein Teil der Decke ausgeschnitten. Die Atmosphäre des Ortes und die Nachbarschaft der anderen Künstler hat der Mythomane der deutschen Nachkriegskunst sorgfältig ins Kalkül einbezogen, als er mit Raussmüller die Einrichtung des vielteiligen Werkes überlegte. Als der bereits schwer kranke Beuys zwei Jahre später starb, galt "Das Kapital" in Schaffhausen als sein künstlerisches Vermächtnis; mittlerweile ist es neben Darmstadt auch die einzige Einrichtung, die von Beuys selbst noch existiert. Just diese Ikone der neueren Kunstgeschichte ist nun in Gefahr.

Das Kantonsgericht Schaffhausen hat nach sechs Jahren Prozessdauer drei Klägern Recht gegeben, die zu je einem Drittel Eigentumsrecht am "Kapital" beanspruchen und auf Herausgabe des Werks geklagt hatten. Hans B. Wyss, Robert Strebel und Michael Liebelt haben in den siebziger und achtziger Jahren Urs Raussmüller beauftragt, für sie Kunst zu kaufen. Die Sammlung Crex, als welche die Bestände bald Aufsehen erregten, erlebte ein wechselhaftes Schicksal, einen Gutteil der Bestände hat Raussmüller aufgekauft und in die Raussmüller Collection eingebracht, die zu Teilen in den Hallen für Neue Kunst zu sehen ist. Umstritten blieb das "Kapital". Für Raussmüller ist es aufgrund der Installation durch Beuys an die spezifische räumliche Situation in Schaffhausen gebunden und bezieht daraus einen substanziellen Teil seines Werkcharakters. Überdies gibt es im Unterschied zu anderen Werken aus der Zeit der Crex-Collection keine Kaufbelege. Raussmüller hebt hervor, dass er das Werk von Beuys zu treuen Händen erhalten habe mit der Bitte, es in seiner installierten Form in den Hallen für neue Kunst zu bewahren.

"Einen Picasso kann man abhängen"

Konträr ist die Sicht der Kläger und des Richters. Sie leiten aus Indizien wie Versicherungsscheinen einen Besitzanspruch ab und verweisen darauf, dass Beuys das Kapital 1980 für seinen Auftritt bei der Biennale in Venedig entworfen und danach auch in variierter Fassung in Zürich gezeigt hat. Die Installation in den Hallen für neue Kunst gilt dem Gericht lediglich als eine mögliche Präsentation. Dass diese sich wesentlich von der Einrichtung bei der Biennale unterscheidet – so liegen etwa die beschriebenen Schiefertafeln nicht aufeinander am Boden, sondern sind an der Wand befestigt und zu lesen –, kümmert das Gericht nicht. Dass es damit weder einem zeitgemäßen Werkbegriff noch der historischen Dimension der Installation gerecht wird, auch nicht.

Der Richterspruch behandelt die wesentlich prozessual und kontextuell geprägte Kunst von Beuys so, als handele es sich um ein Bild von Picasso. "Einen Picasso kann man abhängen, in den Keller stellen oder an einem anderen Ort präsentieren, das Werk bleibt immer dasselbe, bei der Installation von Beuys ist das anders", sagt Axel Plambeck, der die Stiftung für neue Kunst präsentiert, gegen die die Klage gerichtet ist. Er weist auch darauf hin, dass die Anklage sich an die falsche Adresse wendet: Die Stiftung ist lediglich Betreiberin der Hallen, ihr gehören weder diese noch die Werke.

Über die Motive der Kläger kann man nur mutmaßen. Vielleicht sind sie mit der Bespielung der Hallen durch Urs Raussmüller nicht einverstanden. Hans B. Wyss war immerhin einmal ihr Stiftungspräsident. Vielleicht gibt es auch pekuniäre Interessen. Die Installation wird derzeit auf 4,5 Millionen Franken geschätzt – wenn sie aus den Hallen herausgelöst werden kann. Vielleicht sind die ehemaligen Freunde aber auch einfach zerstritten. Wie dem auch sei, die Auseinandersetzung geht in die nächste Runde. Der Anwalt der Stiftung für neue Kunst hat angekündigt, Revision einzulegen und nötigenfalls bis vors Bundesgericht zu gehen. Solange wird das Schaffhauser Urteil nicht rechtskräftig. Hans B. Wyss will erst nach einem letzten Gerichtsentscheid Stellung zur Situation nehmen.

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