Diana Thater - New York

Postapokalypse in Chelsea

Diana Thater zeigt ihre Video-Arbeit über Tschernobyl, "eine von Menschenhand gemachte Katastrophe", in von Hurrikan Sandy überfluteten Galerieräumen. Im Interview mit art-Korrespondentin Claudia Bodin spricht sie über ihre Erfahrungen in Katastrophengebieten.
Nach dem Sturm:David Zwirner eröffnet die nächste Ausstellung

Diana Thater: "Chernobyl", 2010 Installation of 6 projectors, 6 mediaplayers, and Lee filters

Kunst im Wert von 40 Millionen Dollar soll in New Yorks Galerienviertel Chelsea während Hurrikan Sandy zu Schaden gekommen sein. Und dass sei noch gering geschätzt, wie manche befürchten. Während der Kunstversicherer AXA die Schadenszahlen öffentlich machte und die ersten Galerien wieder eröffneten, hatte David Zwirner auf der 19th Street in stürmischen Zeiten bereits mit einer Video-Installation von Diana Thater ein Zeichen gesetzt. Eigentlich war die Ausstellung mit der in LA lebenden Künstlerin erst für Januar 2013 geplant. Doch dann bekam Thater einen Anruf von ihrem Galeristen, setzte sich in das nächste Flugszeug und baute ihre Video-Installation "Chernobyl" von 2011, die sich in der Sammlung des Stedelijk Museums befindet, in einem der stark durch die Flut zu Schaden gekommenen Galerieräume auf – gleich neben den Klapptischen, an denen die Zwirner-Crew provisorisch arbeitet.

Diana Thater verwandelte den Ausstellungsraum in eine Bühne, auf der die Besucher sich inmitten ihrer geisterhaften Tschernobyl-Projektionen befinden, die als Komposition parallel auf mehreren Wänden laufen. Die amerikanische Künstlerin erforscht in ihren Arbeiten die Beziehungen zwischen Mensch und Natur. Ihre Themen sind die Manipulation und die Zerstörung der Natur und die Schönheit, die sie in der unberührten Pflanzen- und Tierwelt findet. "Natürlich kann man eine nukleare Katastrophe nicht mit einem Hurrikan vergleichen", meint Thater, die nächstes Jahr auf der Armory-Messe den Stand von Zwirner mit zwei Videowänden übernimmt. "Aber es gibt keinen Zweifel, dass beide Katastrophen von Menschenhand gemacht sind."

Wie kamen Sie auf die Idee, 26 Jahre nach Tschernobyl eine Arbeit über die größte Katastrophe in der Geschichte der Kernenergie zu machen?

Ich hatte einen wissenschaftlichen Artikel über die Tiere gelesen, die versuchen, in dieser postnuklearen Landschaft zu überleben. Es handelt sich um den verstrahltesten Ort auf der Welt. Menschen können dort nicht leben. Wir sehen Schwäne, die in den frühren Kühlbecken schwimmen, Adler oder Kormorane, die sich in den zerstörten Bauzügen eingenistet haben. Und die wilden Pferde, die berühmtesten Bewohner von Tschernobyl.

Sie wurden in das Gebiet gebracht?

Es handelt sich um eine vom Aussterben bedrohte Tierart. Der Förster des Gebietes hat diese riesige Sperrzone zur Verfügung. Neben den Wildpferden versucht er, Grizzlybären aus den USA nach Tschernobyl zu bringen.

Aber das Land ist doch völlig verseucht?

Die Tiere gedeihen nicht, aber die Stärksten von ihnen überleben und mit ihnen überleben die Arten. In einem Teil der Video-Installation sieht man den Birken-Wald, den die Leute den Roten Wald nannten, weil bei der Reaktor-Katastrophe alle Bäume auf einer Seite verbrannten und rot waren. Den Wald kann man nur mit kompletter Schutzausrüstung betreten.

Hatten Sie keine Angst, in dem verstrahlten Gebiet zu arbeiten?

Ich bin niemand, der den Nervenkitzel sucht. Auch wenn ich in der Vergangenheit in Bäumen in Afrika Gorillas gefilmt habe oder mich in die Nähe von Tigern begab, um sie zu filmen. In Tschernobyl hielt ich mich nur sechs Tage lang auf, während andere Menschen dort permanent arbeiten. Anschließend habe ich eine Behandlung mit Seegras-Kompressen gegen die Strahlung gemacht.

Für Ihre Installation empfanden den Grundriss des Kinovorführraums in der Geisterstadt von Pripyat nach, die 1970 nahe dem Kernkraftwerk gegründet und nach dem Reaktorunglück geräumt wurde. Ihre Aufnahmen projizierten Sie an die Wände des Kinoraums, so dass man das Gefühl hat, sich in der Installation oder auf einer post-apokalyptischen Bühne zu befinden.

In den Häusern in Pripyat sieht man gemachte Betten und Kinderspielzeug. Die Tapeten blättern von den Wänden, ein Kalender von 1986 hing in einer Wohnung an der Wand. Im früheren Krankenhaus fanden wir Berge von Kinderschuhen oder Kleidung. Es sind verstörende Bilder. Sie erzählen die Geschichte über das Versagen eines politischen Systems, der Wissenschaft und der Menschheit, die unsere Zivilisation zerstören wird. Die Arbeiter in Tschernobyl sind damit beschäftigt, die Überreste des Reaktors weiter mit Beton zu übergießen. Es würde zu viel Geld kosten, das Gebiet zu säubern. Die wilden Pferde und die Tiere werden von der Regierung als Beweis angeführt, dass das Gebiet wieder sicher ist. Was natürlich nicht stimmt. Man will dort eine Art Katastrophen-Tourismus starten.

Wie war Ihre Reaktion, als Sie wenige Tage nach dem Hurrikan einen Anruf von Ihrem Galeristen bekamen?

Es war natürlich keine Frage, dass ich sofort nach New York kommen würde. Die Leute sind dermaßen zynisch, wenn sie über den Kunstmarkt sprechen oder über erfolgreiche Galeristen, denen es angeblich immer nur um das Geldverdienen geht. David Zwirner wollte Kunst in seine Galerie bringen. Damit die Leute nicht nur zerstörte Räume und Müllcontainer sehen. Sicher kann man Tschernobyl nicht mit einem Hurrikan vergleichen. Aber die Menschen müssen sich eingestehen, dass es Katastrophen sind, die sie selbst verursacht haben. Es geht um die globale Erderwärmung, um Klimaveränderung. In 70 Jahren soll Lower Manhattan unter Wasser stehen. Die Voraussagen für Los Angeles sind, dass die komplette Küste unter Wasser sein wird und dass es massive Erdbeben geben wird. Mit Fukushima haben wir gerade den "perfekten Sturm" erlebt.