Nicolaus Schafhausen - Deutscher Pavillon

Deutsche Themen aus nichtdeutscher Sicht

Schon jetzt ist seine Entscheidung umstritten: Nicolaus Schafhausen, zum zweiten Mal Kurator des deutschen Pavillons auf der Kunstbiennale von Venedig, hat sich für den britischen Künstler Liam Gillick entschieden. "Wird jetzt im britischen Pavillon Carsten Höller gezeigt?", fragte der Kunstkritiker Thomas Wulffen polemisch – und der kultur- und medienpolitische Sprecher der CDU, Wolfgang Börnsen, hält die Entscheidung schlichtweg für "falsch", weil die Länderpavillons "Schaufenster des künstlerischen Schaffens ihrer jeweiligen Heimatländer" seien. Einige Kritiker werfen Schafhausen "Kunstklüngel" vor, weil er bereits seit Jahren mit Gillick zusammenarbeitet und wieder andere halten Gillicks Arbeiten für zu sperrig. Viele offene Fragen – und Zeit für ein großes art-Interview.

Herr Schafhausen, gibt es zu wenig gute deutsche Künstler – oder warum haben Sie sich für einen Briten entschieden?

Nicolaus Schafhausen: Es gibt sehr viele gute deutsche Künstler; eine Entscheidung für Liam Gillick möge man bitte nicht als Absage an die Qualität zeitgenössischer Kunst aus Deutschland missverstehen. Ich finde es allerdings an der Zeit, auch einmal das Nachdenken über deutsche Themen aus nichtdeutscher Sicht zuzulassen. Liam Gillicks Kunst versteht sich als offene Struktur, die auf verschiedenen Ebenen gesellschaftliche, politische, ökonomische oder auch institutionelle Veränderungen diskutiert. Damit steht er zwar nicht alleine da, gehört aber ohne Zweifel zu den herausragenden Künstlern. Und überhaupt sind diese Fragen gerade für ein Megaevent wie die Venedig-Biennale wichtige Fragen.

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Möchten Sie mit dieser Ernennung das Konzept der Länderpavillons aufbrechen?

Das Konzept der Länderpavillons scheint in Zeiten des globalisierten Kunstbetriebs sicherlich ein wenig veraltet, gleichwohl liegt jedoch gerade der Reiz der Venedig-Biennale daran, sich mit diesem Konzept produktiv auseinanderzusetzen. Die Nominierung von Liam Gillick ist eine Form dieser Auseinandersetzung – auf inhaltlicher Ebene wird es durchaus um deutsche Gegenwart gehen, allerdings diesmal nicht von einem deutschen Künstler formuliert. Generell habe ich den Eindruck, dass sich das Konzept der nationalen Repräsentation langsam modifiziert. Der Erfolg der Kunststadt Berlin hängt ja auch mit der großen Präsenz internationaler Künstlerinnen und Künstler, die dort leben und arbeiten, zusammen.

Glauben Sie, dass Gillick als Brite einen anderen Zugang zu dem umstrittenen "Nazi-Tempel" hat?

Gillick wird den deutschen Pavillon kaum als neutralen Ort wahrnehmen, dafür hat sich die Geschichte dieser Architektur viel zu sehr eingeschrieben. Auch sonst reflektiert seine Kunst stets auch den Ort, an der sie stattfindet. Eine im weitesten Sinne orts- und geschichtsspezifische Herangehensweise wird für ihn selbstverständlich sein – wie sie eigentlich für alle Künstlerinnen und Künstler, die dort ausgestellt haben, selbstverständlich war.

Sie arbeiten seit vielen Jahren mit Liam Gillick zusammen, seine größten Erfolge und Ausstellungen hat er Ihnen zu verdanken. Haben Sie keine Angst, dass man Ihnen "Kunstklüngel" vorwirft?

Mit Isa Genzken hatte ich auch schon öfter zusammengearbeitet. Der deutsche Pavillon ist nicht gerade einfach zu bespielen und die Venedig-Biennale insgesamt eine Herausforderung für jeden Künstler. Dass man jemanden wählt, dem man vertraut und dessen Arbeit man kennt, hat schon bei fast allen meinen Vorgängern eine wichtige Rolle gespielt. Da Gillick sich mit jeder Ausstellung ein Stück weiterentwickelt, war es mir wichtig, ihn an den verschiedenen Orten meiner Karriere – Künstlerhaus Stuttgart, Frankfurter Kunstverein, Witte de With und zahlreichen freien Projekten – zu präsentieren. Venedig mit seiner hohen Herausforderung an den Künstler, aber auch an die zahlreichen Besucher ist da nur konsequent.

Das Motto der Schau ist "Die Zukunft verhält sich immer anders" – können Sie uns schon verraten, was Gillick plant?

Nein, dafür ist es noch zu früh.

Auch der Pavillon von Isa Genzken war verrätselt und verkopft. Muten Sie den Besuchern mit diesen spröden und sperrigen Installationen nicht zu viel zu?

Wenn man nicht will, dass Venedig nur noch Event und Spektakel ist, muss man auf künstlerischer Ebene inhaltlich argumentieren und gegebenenfalls dem Publikum auch Dinge zumuten, die nicht vollkommen eingängig sind. Trotzdem wird man Gillick nicht gerecht, wenn man ihn auf sperrige Installationskunst reduziert. In der venezianischen Atmosphäre werden auch seine Werke ein neue Qualität entfalten, die über das rein Diskursive hinausgeht.

Würden Sie eigentlich gerne auch noch ein drittes Mal den deutschen Pavillon kuratieren – oder sollte das nächste Großprojekt schon die Documenta sein?

Kurator des deutschen Pavillons ist man immer für vier Jahre, insofern steht ein Engagement meinerseits über 2009 hinaus nicht zur Diskussion. Die Documenta gilt noch immer als "Königsdisziplin", allerdings sind in den vergangenen Jahren viele andere spannende Biennalen und Kunstprojekte hinzugekommen. Momentan bin ich mit dem Witte de With, mit meinen internationalen freien Projekten und meiner Tätigkeit für Venedig mehr als zufrieden. Außerdem vernetze ich sämtliche Aktivitäten.

Wie schaffen Sie das eigentlich alles zeitlich? Sie leiten das Witte de With in Rotterdam, sind noch immer bei der European Kunsthalle in Köln engagiert und bespielen jetzt den deutschen Pavillon in Venedig.

Gründungsdirektor der European Kunsthalle war ich von Juni 2005 bis Mai 2007 und habe dieses Amt dann vertragsgemäß an ein neues Projektteam übergeben. Das Witte de With wiederum verfügt über viele engagierte Mitarbeiter, und da ich sehr teamorientiert arbeite und den Erfolg einer Institution wie dem Witte de With auch darin sehe, Verantwortung für Ausstellungsprojekte an meine Kuratoren und wissenschaftlichen Mitarbeiter abzugeben, ist die temporäre Doppelbelastung kein wirkliches Problem. Auch wird der deutsche Pavillon technisch vom Witte de With realisiert. Nur mein übervoller Terminkalender, der mehr und mehr auch repräsentative Aufgaben berücksichtigen muss, bereitet mir manchmal schon Kopfzerbrechen.

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