Jennifer Dalton - Interview

Die Kunstwelt ist ein absurder Ort

Jennifer Dalton analysiert in ihren Installationen die Vorlieben von Sammlern oder wie es sich überleben lässt als Künstler, der nicht zur gut verdienenden Topriege gehört. Sie wertete ihr komplettes Hab und Gut wie zum großen Ausverkauf ihres Lebens aus und knüpfte sich die populäre Facebook-Page des New Yorker Kritikers Jerry Saltz vor, um die Themen seiner Beiträge und die Reaktionen seiner Fans auszuwerten. art-Korrespondentin Claudia Bodin sprach mit ihr über ihre Arbeit und das System der Kunstwelt.

Die 1967 geborene Brooklyner Künstlerin kehrt bei ihren Arbeiten immer wieder zum Thema Kunstmarkt zurück. Auf der diesjährigen Armory Show nahm sie sich das Phänomen Messe vor. Sie lud Gäste ein, ihre VIP-Karten im Tausch gegen eine schicke Shopping-Tüte abzugeben und stellte eine Pappfigur von sich selbst vor einem Party-Foto auf, damit auch ordinäre Gäste das Gefühl haben konnten, an der großen Party der Kunstwelt teilzuhaben.

Was ist passiert, dass sich die Kunstwelt in den vergangenen Jahren in eine gigantische globale Party verwandelt hat?

Ich wünschte, ich hätte die Antwort. Eine Theorie lautet, dass kommerzielle Händler und vielleicht auch die Museen das Gefühl hatten, mit den spannungsgeladenen Life Action Events der Auktionen konkurrieren zu müssen. Auf Messen und Biennalen wird versucht, die gleiche Art der Energie zu erzeugen. Offensichtlich machen heute viele Galerien einen großen Prozentsatz ihres jährlichen Einkommens auf Messen. Deshalb weiß ich nicht, wie wir uns von dieser Entwicklung wegbewegen werden.

Dies ist Ihr erster Auftritt auf der Armory. Wie empfinden Sie Mega-Messen wie diese?

Wie alle Künstler, die ich kenne, finde ich, dass eine Messe ein sehr schwieriger Ort ist, um sich Kunst anzusehen und einer Arbeit genügend Aufmerksamkeit schenken zu können. Auf Messen fühlt es sich so an, als ob die Künstler einen Toast aussprechen. Vielleicht betrügen wir uns selbst, indem wir daran glauben, dass unsere Arbeiten einen wahren Wert außerhalb des Finanzmarktes haben. Aber diese Illusion sorgt dafür, dass wir weiter arbeiten. Auch wenn sich niemand außer uns selbst für unsere Arbeit interessiert.

Wie überwinden Sie den Widerspruch, dass es sich in vielen Ihrer Arbeiten um das System der Kunstwelt dreht, dem Sie gleichzeitig angehören und von dem Sie profitieren?

Ich arbeite mit dem Widerspruch und versuche Situationen oder Zusammenhänge zu beleuchten, damit sie einen Sinn ergeben. Die Kunstwelt ist ein absurder Ort, der sich dazu anbietet, analysiert und aufgespießt zu werden. Denn was für die Kunst und andere Subkulturen gilt, lässt sich gewöhnlich auch auf den Mainstream übertragen.

Tobias Meyer von Sotheby's hat einmal gesagt, dass die teuerste Kunst auch die beste sei. Was halten Sie davon?

Ich denke nicht, dass er es wörtlich gemeint hat. Falls doch, liegt er offensichtlich falsch. Individuelle Künstler und Arbeiten kommen in Mode und verschwinden wieder von einem zum nächsten Jahrzehnt. Was sie nicht besser oder schlechter macht.

Künstler zu sein ist heute eine Karriere.

Ich habe den Zusammenbruch des Kunst- und des Immobilienmarktes in den späten achtziger Jahren erlebt. Anfang der neunziger, als ich beschloss, Künstlerin zu werden, war politische Kunst populär. Jeder, der erfolgreich und reich war, galt als verdächtig. Diese kulturelle Periode war prägend für mich. Was bedeutet, dass ich mir selbst suspekt bin, sobald ich in irgendeiner Weise Erfolg habe.

Die Leistung eines Künstlers wird gern mit seinem kommerziellen Erfolg gleichgestellt.

Das ist nicht nur in der Kunstwelt der Fall: In unser gesamten Kultur gelten Geld und Luxus-Konsum als zuverlässigste Meßlatte für Erfolg. Ich glaube, dass dies viel Unzufriedenheit bringt. Mal ganz davon abgesehen, dass wir die Erde zumüllen.

Manchmal hat es den Anschein, dass es in der Kunstwelt früher oder später wie in Hollywood laufen wird: ein hoch organisiertes System mit PR-Leuten, Marketing-Crews, Kunst-Stars.

Das ist für das eine Prozent der Fall. Auf den unteren Ebenen ist die Hierarchie unglaublich unorganisiert und unreguliert. Ich bin mir nicht sicher, ob es dort professioneller laufen sollte. Vielleicht könnten Künstler in einem kodifizierten System mehr Rechte durchsetzen. Vielleicht aber auch nicht. Wenn die Kunst wie Hollywood wäre, würden sich auch mehr Leute dafür interessieren. Was wir doch eigentlich alle wollen. Es ist schon komisch, dass Leute, die zeitgenössische Kunst schätzen, immer beklagen, dass sich ein Großteil unserer Kultur nicht darum schert. Aber in dem Moment, in dem Kunst populär wird, wie zum Beispiel bei der amerikanischen Fernsehshow "Work of Art" oder dem Turner Prize, empfinden wir das als noch weniger tolerabel.

Haben Sie das Gefühl, dass Künstlerinnen endlich mehr Aufmerksamkeit bekommen?

Überhaupt nicht. In den vergangenen 15 Jahren fand viel mehr ein Rückfall statt. Einige berühmte weibliche Namen an der Spitze gab es schon immer. Aber insgesamt sieht es mit Solo-Ausstellungen von Künstlerinnen in New Yorker Galerien kläglich aus. Ich habe mir die Zahlen vor ein paar Jahren angeschaut. Damals handelte es sich bei 20 Prozent um Ausstellungen von Künstlerinnen. Der Unterschied bei den Preisen, die bei den zeitgenössischen Auktionen für Künstler und Künstlerinnen gezahlt wird, ist irrsinnig. Wir haben noch einen langen Weg vor uns. Wie selten wird eine Frau ein Genie genannt? Unsere Kultur hat immer noch sehr geschlechtsspezifische Vorstellungen von Brillanz.

Jennifer Dalton

Gruppenausstellung "Data Deluge"

bis 27. Juli, Ballroom Marfa, Texas
http://www.jenniferdalton.com

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