Marina Abramovic - Im Kino

Eine Frau sitzt sich durch

Für ihr Projekt "The Artist Is Present" saß die Performancekünstlerin Marina Abramovic drei Monate nahezu regungslos im Atrium des New Yorker MoMA. Nun darf das Kinopublikum Platz nehmen und ihr noch einmal dabei zuschauen.
Ansteckende Intensität:der Dokumentarfilm über Marina Abramovic

Filmstill aus: "Marina Abramovic - The Artist is Present", USA, 2012, 105 Minuten, Regie: Matthew Akers

Der bewegendste Moment verliert an Zauber, wenn er größer gemacht wird, als er ist. Da sitzt Marina Abramovic also im März 2010, am Eröffnungsabend ihrer Großkampf-Performance "The Artist Is Present" im Atrium des Museum of Modern Art.

Sie trägt ein rotes, überlanges Kleid. Sie hält die Augen geschlossen, den Kopf leicht gesenkt. Die Kamera fängt ihr Innehalten ein, von links, von rechts, von oben, frontal.

Gleich wird sie aufblicken, in das Gesicht der nächsten Person, die sich von ihr betrachten lassen will – so wie Abramovic sich das für die gesamte Laufzeit ihrer dreimonatigen Retrospektive vorgenommen hat: sitzen, aufschauen, anschauen. Die Kamera zeigt die Künstlerin. Der Zuschauer weiß schon, wer jetzt kommt. Abramovic öffnet die Augen.

Es ist Ulay, ihr einstiger Performance-Partner, ihr Weggefährte von 1975 bis 1988, mit dem sie auch einige Werke, die im Rahmen dieser Ausstellung zu sehen sind, gemeinsam erdacht und aufgeführt hat. Abramovic und Ulay, das war auch eine gewaltige Liebe mit traurigem Ende. 90 Tage wanderten sie einst auf der Chinesischen Mauer aufeinander zu, 2000 Kilometer Fußmarsch, trafen sich in der Mitte – und trennten sich ("The Lovers – The Great Wall Walk", 1988).

Über 20 Jahre später steht beiden Künstlern das Wasser in den Augen, als sie einander über den Tisch hinweg die Hände reichen. Das Publikum im MoMA-Atrium ist anwesend und applaudiert gerührt. Ein tief bewegender Moment – den der Film so aufpumpt, dass er zu viel wird. Schnitte verschleppen die Echtzeit, Close-ups rücken noch ein bisschen näher ran, ein Piano lässt Töne tröpfeln, eine Geige klagt sachte. Performance trifft Inszenierung. Da sitzen Abramovic und Ulay, aber es wirkt, als würden Anjelica Huston und Jeremy Irons "Schlaflos in Seattle" probieren.

Ausschnitt aus "The Artist is Present":

Das ist aber gar nicht so schlimm. Denn Matthew Akers’ Dokumentarfilm, der den gleichen Titel wie die berühmte Ausstellung trägt, belässt so viele andere Momente klein und unmittelbar und echt: zum Beispiel das erste Treffen von Ulay und Marina Abramovic, einige Monate vor der MoMA-Begegnung. Ihre aufgekratzt mädchenhafte Nervosität, seine lässige Unbeholfenheit. Seine grünen Gartenschuhe auf dem blanken Parkett ihres New Yorker Lofts.

Oder: der Einblick in den dreitägigen Workshop, den Abramovic in ihrem Landhaus veranstaltet. 30 Tänzer und Schauspieler sollen vorbereitet werden auf die Belastungen, mit denen sie beim Nachstellen der Abramovic-Performances im MoMA konfrontiert würden. Abramovic verordnet Reduktion, sammelt fürsorglich und vorsorglich Handys ein, kocht den jungen Leuten Gemüsesuppe und versichert, wer hier lieber einen Badeanzug im Fluss tragen wolle – kein Problem.

So viel mütterliche Zuwendung muss bedeuten: Die Frau ist wohl doch nicht nur hart drauf. Das glaubt man gerne bei einer, die sonst beim Zusehen Schmerzen bereitet. Als sie sich mit einer Rasierklinge ein Pentagramm um den Bauchnabel ritzte ("Thomas Lips", 1975), als sie mehrere Stunden nackt auf einem hoch an einer Wand montierten Fahrradsattel hockte, Arme und Beine weit von sich gespreizt ("Luminosity", 1997). Schmerz aushalten, Schmerz überwinden, immer ein Thema bei ihr.

In der ersten Hälfte des Films lernt das Publikum Marina Abramovic besser kennen: Die 1946 in Belgrad geborene Künstlerin erzählt von ihren außergewöhnlich strengen Eltern, von ihrem Verständnis von Performance-Kunst. Es werden Stationen ihres Werdegangs gezeigt und ein Gespräch mit ihrem Galeristen Sean Kelly, der ziemlich brüsk ihre Idee ablehnt, einen bekannten Magier bei "The Artist Is Present" auftreten zu lassen. Man sieht sie krank, zwei Wochen vor Beginn der Ausstellung, in einem roten Pyjama, in roter Bettwäsche liegend, Mandarinen essend – weil sie glaubt, nur Rot könne ihr jetzt noch helfen. So mancher hätte einige der Szenen im Nachhinein rausschneiden lassen. Aber sich die Blöße zu geben, gehört ja gewissermaßen zu Abramovic’ Geschäft. Selbst Regisseur Matthew Akers gesteht, dass er ihre Offenheit nicht wirklich einschätzen konnte: "Marina hat ihre gesamte Laufbahn hindurch ständig die Grenzen zwischen Leben und Kunst verwischt. Wie sollte ich feststellen, ob sie für die Kamera etwas vorführte oder nicht?" Und auch Klaus Biesenbach, Kurator der MoMa-Ausstellung, sagt im Film: "She never not performs!"

Ausschnitt aus "The Artist is Present":

Etwa 50 Minuten des Filmes widmen sich dem Ablauf der Retrospektive. Der Kinobesucher blickt hierbei nicht annähernd in die 1500 Gesichter, die Marina Abramovic über die Wochen angesehen hat. Aber es sind doch viele. Einige lächeln, einige gucken skeptisch, manch einer versucht, eine eigene Performance beizusteuern und wird vom Sicherheitspersonal abgeführt. Viele weinen. Die Intensität der Momente ist ansteckend. Die Aneinanderreihung nicht so ermüdend, wie es für die Künstlerin gewesen sein muss. Es ist, ehrlich gesagt, recht unterhaltsam, Marina Abramovic beim Durchhalten zuzusehen. Dazu noch diese Hysterie: Es bilden sich Schlangen wie bei einer Autogrammstunde eines sehr angesagten Popstars. Das muss der Künstlerin gefallen, die sich wünscht, dass Performance-Kunst mehr Anerkennung bekommt. Irgendwann kampieren die Menschen früh morgens vor dem Museum, um rechtzeitig hineinzugelangen.Wer wird es nach ganz vorne schaffen? Was wird dort geschehen?

Und obwohl das Ende bekannt ist – keine schwerwiegende Eskalation, insgesamt 750 000 Besucher im Haus, die Künstlerin hat überlebt! – ist es spannend, die Show in der zeitlichen und räumlichen Distanz mitzumachen.

Denn das war die Ausstellung und das ist auch der Film: eine Show. Pathetisch, wenn der Schnitt noch einmal den Augenblick dehnt, nämlich, als ausgerechnet Kurator Biesenbach sich nicht nehmen lässt, das letzte Gegenüber von Abramovic zu geben. Zum Schluss trägt sie ein weißes Gewand, sie ist erlöst, erhebt sich. Das Museums-Publikum klatscht und johlt. Weiß sie, dass sie aussieht wie ein Engel? She never not performs. Und trotzdem kann man (noch einmal mehr) zum Fan werden.

"Marina Abramovic – The Artist Is Present"

Regie: Matthew Akers
105 Minuten, Verleih: NFP
Kinostart: 29.11.2012
http://marinafilm.com/