Carolyn Christov-Bakargiev - Documenta 13

Ich mache keine Selektion, sondern eine Elektion

Die Documenta 13 findet zwar erst 2012 in Kassel statt, doch schon jetzt haben für Carolyn Christov-Bakargiev die Vorbreitungen begonnen. Ein Interview mit der Documenta-Leiterin, die schon eifrig Deutsch lernt.
"Selektion statt Elektion":Interview mit Carolyn Christov-Bakargiev

Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev

Frau Christov-Bakargiev, Sie sind künstlerische Leiterin der Documenta in Kassel und Interims-Direktorin des Castello di Rivoli, daneben haben Sie Familie. Wie bekommt man das alles in den Griff?

Carolyn Christov-Bakargiev: Das geht sehr gut. Meine Arbeit macht mir einen Riesenspaß. Sie entspannt mich. Ich lerne übrigens auch fleißig Deutsch.

10638
Strecken Teaser

Sie pflegen intensive Freundschaften zu Künstlern. Macht Liebe blind?

Ich bin sehr gerne mit meinen Künstlern zusammen. Wir sitzen zusammen und sagen uns alles, so wie in diesem surrealistischen Filmklassiker von Luis Buñuel, wo die Gäste auf Kloschüsseln um den Tisch sitzen.

Haben Sie für die kommende Documenta schon ein Thema im Kopf?

Nein, nein. Ich habe eine Verfahrensweise im Kopf, eine Methodologie, kein Thema.

Sie haben einmal gesagt, die Arbeit des Kurators sei eigentlich schädlich für die Kunst...

Ich mag das Wort Kurator nicht besonders. Das hört sich an, als ob eine Krankheit geheilt werden müsste. Der Kurator spielt heute in der Welt der Kunst die Rolle eines Kontrolleurs. Er regelt den Verkehr und sorgt dafür, dass das System der Kunst wie eine gut geölte Maschine funktioniert.

Und Sie wollen da Sand ins Getriebe streuen?

Nein, ich gehe einfach nur dahin, wo mir etwas unverständlich ist. Nicht dahin, wo sich die Dinge wiederholen. Im Lauf der Zeit entwickelt sich dann etwas. Es bildet sich ein Organismus.

Und wie wählen Sie die Künstler aus?

Ich sortiere sie nicht aus, sondern wähle. Ich mache keine Selektion, sondern eine Elektion.

Nach welchen Kriterien?

Sie würden doch auch nie einen Philosophen um eine Erklärung bitten, warum er sich mit bestimmten Argumenten befasst oder warum er bestimmte Bücher liest. Es gibt ja so viele Bücher. Giorgio Agamben kann sich doch entscheiden, ob er das letzte Buch von Pierre Bourdieu lesen will, oder das von Julia Kristeva oder lieber das von Peter Sloterdijk. Solche Entscheidungen stehen auch im Zusammenhang mit dem, was man früher schon gelesen hat. Man müsste also ein Psychoanalytiker sein, um diese Mechanismen zu verstehen.

Was raten Sie einem jungen Künstler?

Er sollte versuchen, in der Werkstatt eines erfolgreichen Künstlers zu arbeiten. So wie das die Künstler in der Renaissance machten. Man lernt dabei Leute kennen und versteht langsam, wie das Netzwerk funktioniert. Und wenn ein Künstler wirklich gut ist, kommt er auch ans Licht. Das kann allerdings lange dauern. Auch William Kentridge hat lange gebraucht, bis er bekannt wurde. Es war ja nicht so, dass Marian Goodman bei ihm zu Hause geklingelt hätte. Sie hat ihn erst 1997 auf der Documenta entdeckt. Ich hatte ihn allerdings schon Jahre vorher schätzen gelernt.

Mehr zum Thema im Internet