René Block - Interview

Abseits des Hauptstroms

Réne Block, einst jüngster Galerist Deutschlands – er eröffnete 1964 als 22-Jähriger in Berlin seinen ersten Ausstellungsraum – begleitete die Fluxus-Bewegung, war danach Leiter der Kunsthalle Fridericianum in Kassel und kuratierte Biennalen von Sydney bis Istanbul. In seinem neuen Berliner Quartier vereint er nun die Klassiker der Avantgarde mit radikalen zeitgenössischen Positionen aus der Türkei.

Herr Block, Sie sind als Fluxus-Galerist und Pionier des Multiple bekannt geworden und zeigen nun mit Ihrer neuen Galerie Tanas zeitgenössische Kunst aus der Türkei. Wie kam es zu diesem Wechsel?

René Block: Für mich ist das keine rapide Veränderung, sondern Teil eines Prozesses, der inzwischen 45 Jahre andauert. Ein jedes Projekt entwickelt sich doch aus den Erfahrungen mit früheren, deshalb sehe ich da eine ganz logische Entwicklung. Die Galerie Block hat in ihrer Anfangsphase in den frühen sechziger Jahren ein zweispuriges Konzept verfolgt.

Das Ausstellungsprogramm gab in den ersten Jahren einer damals jungen deutschen Künstlergeneration Raum: Gerhard Richter, Konrad Lueg, Sigmar Polke, KP Brehmer, Wolf Vostell oder Joseph Beuys und seinen Schülern Blinky Palermo, Reiner Ruthenbeck und Imi Knoebel. Parallel wurden Konzerte, Aktionen, Performances und Happenings mit Künstlern der internationalen Fluxusbewegung veranstaltet. Neben Beuys und Vostell waren dies Nam June Paik, Stanley Brouwn, Allan Kaprow, John Cage, Robert Filliou oder die kürzlich gestorbenen Henning Christiansen und George Brecht. Beide Gleise bewegten sich in künstlerischem Neuland, waren im Hinblick auf den Kunstmarkt Nebengleise. Mich hat immer interessiert was abseits des "Hauptstroms" – um einen Beuys-Begriff zu benutzen – passierte.

Und wie führte dieses Interesse nun in die Türkei?

Dieses Interesse an künstlerisch Peripherem hat im Laufe der Jahre eine geografische Erweiterung erfahren. In den achtziger Jahren konzentrierte sich diese auf die Kunstszene Australiens und Neuseelands. Daraus entstanden Ausstellungen in Berlin, die große Grafikmappe "Aus Australien" und, als Höhepunkt vielleicht, 1990 die Ausrichtung der 8. Biennale von Sydney. Eine für Australien geplante Beuys-Ausstellung hatte mich 1978 zum ersten Mal dorthin geführt, und ein Beuys-Symposium führte mich 1991 zum ersten Mal nach Istanbul. Auf dieser Reise bin ich neben Hüseyin Alptekin auch Künstlerinnen wie Ayse Erkmen, Gülsün Karamustafa oder Füsun Onur begegnet. Deren Arbeit, die ja mehr oder weniger im Untergrund stattfand, hat mich tief berührt. In der faszinierenden Atmosphäre Istanbuls eine uns im Norden verborgene künstlerische Avantgarde zu entdecken, die von Künstlerinnen, dominiert war, war doch ebenso elektrisierend wie 40 Jahre zuvor die Entdeckung der Fluxusszene.

Und wann kam es zu Ihrer ersten Ausstellung über zeitgenössische türkische Kunst?

1991 arbeitete ich noch für das Berliner Künstlerprogramm des DAAD, und es gelang, Ayse Erkmen nach Berlin einzuladen. Eine Einladung, die sich auch für die deutsche Kunstszene als sehr bedeutsam erweisen sollte. Ich wechselte 1993 an das Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart und konnte im Rahmen dieser Tätigkeit die erste Ausstellung dieser Istanbuler Szene in Deutschland arrangieren. Deren drei Teile waren unter dem Titel "Iskele" in den drei Ifa-Galerien in Stuttgart, Bonn und Berlin zu sehen. Die Türken reagierten auf überraschende Weise, indem sie mir die Leitung der vierten Istanbul-Biennale 1995 übertrugen. Allerdings mit dem deutlich formulierten Auftrag, Istanbul auf der Weltkarte der internationalen Biennalen zu platzieren. Von Istanbul aus habe ich dann den Balkan erforscht. Die künstlerischen Ergebnisse und Entdeckungen sind in meine Ausstellungen für die Kunsthalle Fridericianum zwischen 1998 und 2006 eingeflossen. Den Künstlern, mit denen ich 1964 arbeiten durfte, fühle ich mich auch heute noch stark verbunden, ihre Werke sind Basis meiner Sammlung, aber sie brauchen mich nicht mehr. Die wenigen, die noch leben, sind etabliert, zählen zu den weltweit am meisten geschätzten. Aber die noch junge Szene Istanbul brauchte jemanden außerhalb. Diese Funktion hat mich gereizt und führte konsequent zur Gründung von Tanas in Berlin.

In der aktuellen Ausstellung mit Nasan Tur wird unter anderem die Konstruktion von Identitäten in der Diaspora verhandelt. Gibt es aus der türkischen Community in Berlin Reaktionen auf die Arbeit der Galerie Tanas?

Nach meiner Beobachtung wird die Existenz von Tanas in der türkischen Community in Berlin noch nicht wahrgenommen. Allerdings machen wir die Ausstellungen auch nicht gezielt für Türken in Berlin, sondern für ein internationales Publikum. Wir sind offen für alle und nehmen keinen Eintritt. Aber gerade die jetzt beginnende Ausstellung mit Arbeiten von Nasan Tur thematisiert durchaus, was Sie als Identität in der Diaspora bezeichnen. Seine Arbeit reflektiert unter anderem auch die Problematik, sich als junger türkischer Künstler in dieser Gesellschaft zurechtfinden zu müssen. Sich ständig mit vorherrschenden Klischees auseinandersetzen zu müssen. Nasan Tur beobachtet sehr genau und wirft mit seinen Kunstwerken Fragen auf – auch wenn er keine Antworten gibt.

Die Ausstellung trägt den Titel "Komunismus, Soziallismus, Kapietalismus"

Ja, aber diese Begriffe sind falsch geschrieben. Einerseits macht er politische Kunst, andererseits hält er ironischen Abstand zu diesen Schlagworten. Man registriert im Unterbewusstsein, dass etwas falsch ist mit diesen Begriffen. Wenn man den Grund bemerkt, lacht man. Das ist doch gut.

Was ist das Ziel Ihres nächsten Türkei-Besuchs?

Ganz konkret eine Ausstellung mit Cengiz Cekil, einem Künstler der älteren Generation, in der YKY Galerie. Diese ist Teil eines Zyklus von Ausstellungen, die ich unter dem Titel "Adventure Istiklal" kuratiere. Die Istiklal-Straße ist eine der Hauptgeschäftsstraßen Istanbuls und, an ihr liegt dieser nichtkommerzielle Ausstellungsort. Parallel zu den Ausstellungen erscheint eine Reihe von Monografien zur zeitgenössischen türkischen Kunst. Das Besondere dieser Serie besteht darin, dass ein jedes Buch in eine vom jeweiligen Künstler geschaffene Grafik eingeschlagen ist. Mein Wunsch ist, dass die zwölf Grafiken dieser Reihe Grundstock für möglichst viele neue Sammlungen werden.

"Nasan Tur: Komunismus, Soziallismus, Kapietalismus"

Termin: bis 14. Februar 2009, Tanas, Heidestraße 50, 10557 Berlin, Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 11-18 Uhr
http://www.tanasberlin.de/

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