Künstler gegen Wowereits "Leistungsschau" - Berlin

Vom Haben und Nichthaben

Berliner Künstler und Institutionsleiter protestieren gegen die von Klaus Wowereit initiierte "Leistungsschau" junger Berliner Kunstschaffender. Statt die prekäre Arbeitssituation der Kreativen zu verbessern, missbrauche sie Kunst als Stadtmarketing. Damit rückt Wowereits kulturpolitische Bilanz in den Fokus des heißer werdenden Wahlkampfs
Offener Brief:Berliner Künstler protestieren gegen Leistungsschau

Klaus Wowereit, hier vor einer Arbeit von Candice Breitz bei der Eröffnung der Temporären Kunsthalle Berlin 2008, erhält vermehrt Gegenwind aus der Kunstszene

Man hätte glauben können, Klaus Wowereit war sehr schlecht beraten, als er im vergangenen Spätherbst die Berliner Künstler vollmundig zu einer "Leistungsschau" aufrief. Zu merkwürdig klang das Wort, und zu durchsichtig war das Manöver des Regierenden, über den Umweg einer spektakulären Kunstausstellung im Brachland des Humboldthafens am Berliner Hauptbahnhof in der heißen Wahlkampfphase für sich und seine Kulturpolitik zu werben. Doch an mangelndem Rat lag es nicht, der Regierende Bürgermeister suchte mit voller Absicht Distanz zu den etablierten Sprachcodes und den Institutionen des Berliner Kunstbetriebs.

Nun kursiert seit Tagen im Internet ein offener Brief, in dem sich Berliner Kulturschaffende unter der Überschrift "Haben und Brauchen" ablehnend zu den Wowereitschen Leistungsschau-Plänen positionieren. Immerhin lässt sich die Berliner Politik den Spaß mindestens satte 1,6 Millionen Euro kosten, Anfang Juni soll die Schau in einer temporären Architektur vom Büro Raumlabor eröffnet werden. In dem Brief heißt es: "Es konnte bisher nicht überzeugend dargelegt werden, wie die 'Leistungsschau' das Konzept einer Kunsthalle erproben will, deren mittelfristige Finanzierbarkeit fragwürdig ist. Vielmehr ignoriert das Vorhaben die seit Jahren geführte Debatte über Sinn und Notwendigkeit einer ständigen Berliner Kunsthalle."

Zu den rund 230 Erstunterzeichnern des Papiers, das am morgigen Mittwoch in der kommenden Ausgabe des Stadtmagazins Zitty veröffentlicht wird und auch auf der Internet-Seite (www.bbk-berlin.de/) des Berufsverbandes Bildender Künstler Berlin e.V. (bbk) online gestellt ist, zählen unter anderen Gabriele Horn, die Direktorin der Kunstwerke (KW) an der Auguststraße, Leonie Baumann, die Geschäftsführerin der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst Berlin (NGBK), die Künstler Thomas Florschuetz, Else Gabriel, Björn Melhus und Folke Köbberling sowie Adrienne Goehler, die ehemalige Berliner Kultursenatorin.

Doch nicht nur das unglücklich lancierte Leistungsschau-Projekt ruft den Widerstand der Künstler gegen die geplante politische Vereinnahmung auf den Plan. Harsch ist auch die generelle Kritik an der kunstpolitischen Bilanz von Klaus Wowereit und seinem Kultur-Staatssekretär André Schmitz: "Die internationale Anziehungskraft der zeitgenössischen Kunst trägt maßgeblich zur Attraktivität Berlins bei. Doch vom damit verbundenen Profit und Imagegewinn für die Stadt fließt nichts zu den Akteuren zurück, im Gegenteil: Die realen Arbeits- und Lebensbedingungen Berliner KulturproduzentInnen verschlechtern sich zusehends durch steigende Mieten und den Verlust selbstorganisierter Freiräume. Die 'Leistungsschau' instrumentalisiert künstlerische Arbeit zu Zwecken des Stadtmarketings und der Ökonomisierung der Kultur."

Der offene Brief zeigt vor allem eines: Die Zeit ist vorbei, in der das Kunstwunder Berlin von allein zu gedeihen schien. Doch eine auf Nachhaltigkeit gerichtete Kulturpolitik hat es in dieser Stadt nie gegeben. Der Aufstand kommt zur rechten Zeit. Bald sind Wahlen in Berlin.

"Haben und Brauchen"

Die Petition findet sich auf den Seiten des Berufsverbandes Bildender Künstler
http://www.habenundbrauchen.kuenstler-petition.de/