Kunst vor den Wahlen - New York

Eine Nation von Egoisten

Ausstellungen im "New Museum" und mehreren New Yorker Galerien zeigen die Reaktionen von Künstlern auf den Präsidentschaftswahlkampf

Die Stimmung vor den Präsidentschaftswahlen ist – zumindest auf Seiten der Demokraten – ebenso deprimierend wie Jonathan Horowitz Arbeit "Your Land/My Land", die der New Yorker Künstler im New Museum und in sechs weiteren Museen in den USA mit Stationen wie Los Angeles, Houston und Savannah installiert hat.

Nichts ist von der euphorischen Aufbruchstimmung der Wahlen vor vier Jahren zu spüren. Obamas Präsidenten-Porträt scheint leidenschaftslos im New Museum über dem Boden der Tatsachen zu schweben. Sein Herausforderer Mitt Romney muss sich bis auf weiteres mit einem Platz auf dem Fußboden begnügen. Sein Porträt, das aus Romneys Zeit als Governor von Massachusetts stammt, lehnt gegen eine Wand.

Mit seiner Arbeit zeigt Jonathan Horowitz eine gespaltene Nation auf. Und eine Politik, bei der es schon lange nicht mehr um Inhalte und Lösungen, sondern um Ideologien geht. Der Eingangsbereich wird durch einen roten (die Farbe der Republikanischen Partei) und blauen Teppich (Demokraten) aufgeteilt. In der Mitte, wo beide Teppiche aufeinander treffen, hängen zwei Fernsehbildschirme Rücken and Rücken. Auf dem einen läuft der konservative Hetz-Sender Fox News, auf der anderen Seite der liberale Sender MSNBC. Während bei Fox Bilder von Vizepräsident Joe Biden gezeigt werden und die Moderatoren Bidens Grinsen während der vergangenen Fernsehdebatte als unpassend und herablassend kommentieren, spiegeln die Moderatoren von MSNBC eine andere Realität wieder. Sie zerlegen jeden einzelnen Abschnitt der TV-Debatte zwischen Biden und seinem Kontrahenten Paul Ryan, um sie auszuschlachten und zu analysieren. "America 2012" flimmert über den Bildschirm bei Fox, es ist viel von einem Land in der Krise die Rede. "Die Medien verhalten sich unverantwortlich", lautet einer der Kommentare auf dem rot-blauen Bildschirm, den ein Museumsbesucher eingetippt hat. "Oooooobama, wo bist Du?" fragt ein anderer.

Der tendenziell liberale Sender CNN beauftragte Künstler wie Liz Magic Laser oder Jennifer Dalton, sich anlässlich der Wahl mit dem Begriff Macht auseinanderzusetzen. "Wir sind eine Nation von egoistischen, zynischen Menschen. Und es gibt mehr als genügend Gründe, zynisch sein. Von der Wirtschaft, dem hässlichen politischen Rennen, den parteiischen Medien zu diesem dummen Krieg im Irak, zu dem nicht funktionsfähigen Gesundheitssystem, zu der Tatsache, dass wir den Planteten zerstören", so der Brooklyner Künstler Joe Hollier auf der Website von CNN. Hollier steuerte einen cleveren Kurzfilm über die "Ära des großen Zynismus" bei, in dem ein Fernseher mit den Worten "Ich glaube" über den Bildschirm tanzt und eine Person in einem Gefängnis, das sich Engstirnigkeit nennt, seine Freiheit und sein unfehlbares Wissen beteuert oder sich mit den Worten: "Hallo, ich bin das absolute Zentrum der Welt" vorstellt. Liz Magic Laser setzt sich in ihrem Beitrag mit den absurden Erhebungen und Umfragen zu den Wahlen auseinander. Jennifer Dalton rechnet vor, wer in ihrem Land die Macht hat: 88 Prozent der US-Governors sind Männer, ebenso wie 96,4 Prozent der Top-Manager laut Fortune Magazin.

Die New Yorker Künstler Nora Ligorano und Marshall Reese warteten nicht erst darauf, dass jemand eine Arbeit in Auftrag gibt. Mit finanzieller Unterstützung von Sammlern und einer Kampagne auf Kickstarter.com starteten sie ihr eigenes Projekt. Ligorano und Reese nahmen sich die amerikanische Mittelschicht, die als Folge der Finanzkrise zu verschwinden droht, als Symbol für den sozialen Frieden vor. Die beiden stellten das Wort "middle class" in Form von Eisblöcken in einem Park in Florida auf, als die Republikaner sich für ihre National Convention versammelten und wiederholten die Aktion in North Carolina bei der Versammlung der Demokraten. Die eisigen Buchstaben schmolzen vor sich hin, bis nur noch traurige Pfützen zu sehen waren.

Die Galerie von Paul Kasmin entschied sich kurz vor der Wahl für den 1996 gestorbenen amerikanischen Künstler William Copley, der in seinen Arbeiten mit dem Thema Patriotismus gespielt hat. Und die Pace Gallery eröffnet am 2. November mit der Installation "The Ozymandias Parade" von 1985 von Ed Kienholz and Nancy Reddin Kienholz, bei der es mit blinkenden Lichtern in den US-Farben um den Missbrauch von politischer Macht geht. Ob dem Präsidenten der Parade für die Ausstellung ein "Ja" oder "Nein" auf das Gesicht geschrieben wird, hängt davon ab, wie vorab per Email abgestimmt wird.

Im Aldrich Contemporary Art Museum in Connecticut stellte die aus New York stammende Künstlerin Nina Katchadourian Werbeschilder vergangener Wahlkampagnen auf. Die bunten Plakate, die in ihrer Dichte ebenso aufdringlich wie aggressiv wirken, stammen von Kandidaten, die in der Vergangenheit versuchten, der Präsidentschaftskandidat ihrer Partei zu werden – und scheiterten. Sollte Herausforderer Mitt Romney die Wahlen gewinnen, werden im New Museum die Plätze für die Porträts ausgetauscht. Obama landet auf dem Boden. Romney, der im Vorwege Budget-Kürzungen für die Kunst und kulturelle Institutionen angekündigt hat, wird von seinem erhobenen Platz auf die Besucher im Museum herabblicken.