Documenta 14 - Kassel/Athen

Die Documenta expandiert

Zum ersten mal findet die Documenta 2017 gleichberechtigt in zwei Städten statt: in Kassel und Athen. Der künstlerische Leiter Adam Szymczyk begründete am Montag seine Entscheidung, die Ausstellung zu erweitern. Sie könnte für Kontroversen sorgen
Bereit für Athen:Documenta 14 geht nach Athen

Das Team der Documenta 14: Pierre Bal-Blanc (vorn, jeweils von links), Adam Szymczyk, Quinn Latimer, Henriette Gallus. Zweite Reihe: Hila Peleg, Dieter Roelstraete, Monika Szewcyzk, Annette Kulenkampff: Dritte Reihe: Andrea Linnenkohl, Katerina Tselou, Marina Fokidis, Hendrik Folkerts, oben: Annie-Claire Geisinger, Katrin Sauerländer, Christoph Platz und Fivos Sakalis

Bei einem Symposion der Kunsthochschule Kassel wurden am Montag Abend erste Details zur nächsten Documenta bekannt gegeben. Und das in geradezu intimem Rahmen: lokale Presse war im Hörsaal zugegen, interessierte Bürger, Studierende der Hochschule. Offenbar hat Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der Documenta, sich für die Pressearbeit eine besonders raffinierte Strategie zurecht gelegt: Er unterrichtet die Öffentlichkeit über seine Pläne, spricht aber die Einladungen dafür nur flüsternd aus.

Noch fast drei Jahre sind es bis zum Start der Documenta 14. Frühere Leiter der Schau waren so lange vor dem Start noch äußerst schweigsam. Umso überraschender, wie konkret Szymczyk über das Konzept berichtete. Sein Vortrag begann mit einem Rückblick auf die Geschichte der Kasseler Großausstellung. Vier Jahrgänge hob er besonders hervor: Die Ausgaben von 1955, 1972, 1997 und 2002 hätten jeweils auf eine Welt im Umbruch reagiert – von Arnold Bodes Neubeginn im versehrten Nachkriegs-Kassel bis zu Okwui Enwezors großem Globalisierungsdiskurs am Anfang des neuen Jahrhunderts.

Szymczyk will die Documenta an diesen Ursprung zurück führen: Mit einer Kunstausstellung auf eine prekäre, ungesicherte, unübersichtliche Lage zu reagieren. Und damit auch die eigene Rolle zu verlieren und wieder neu zu finden. Deshalb wird die Documenta 2017 erstmals gleichberechtigt parallel in zwei Städten stattfinden: In Kassel und in der griechischen Hauptstadt Athen.

Ein Paukenschlag, ohne Zweifel. Man kann die Debatte, ob das publikumsfreundlich ist, und ob hier nicht mit deutschen Kulturmillionen das prekäre Griechenland subventioniert werde, schon von Ferne aufbranden hören. Szymczyk nutzte den Abend, um seine Entscheidung ausführlich zu begründen. Es gehe nicht darum, das arme Griechenland kulturell zu kolonisieren, sagte er. Er wollte die Documenta auch nicht auseinanderreißen, sondern so weit es geht ausdehnen. Auch wolle er diesmal nicht weiter in Kassels Geschichte forschen, um der Schau Relevanz zu geben, wie das viele Documenta-Leiter getan hatten, und er müsse dann auch nicht weitere überraschende Orte in der Stadt suchen. "Mich interessiert das reale, heutige Kassel, und das möchte ich gerne in Beziehung zu Athen setzen."

Damit berührt er künstlerisch einen Nerv, der seit der Finanzkrise politisch blank liegt. Seit Angela Merkel die Griechen de facto zum Sparkurs gezwungen hat, ist das Verhältnis zwischen den Machthabern in Athen und Berlin angespannt. Der harte deutsche Kurs hat die Lage des von Verschuldung, Inflation und Korruption gebeutelten Landes zunächst weiter verschärft, in beiden Bevölkerungen haben sich Vorurteile aufgebaut: "Pleite-Griechen" gegen "Nazi-Merkel". Adam Szymczyk klang fast wie ein Diplomat, als er die Mission seiner Ausstellung erklärte: andere, offenere, hoffnungsvollere Perspektiven zu eröffnen und die Kunstinstitutionen der Stadt zu stärken. Es werde viele Künstler geben, die in Kassel und Athen zugleich arbeiteten. Die Laufzeit der Schau werde an beiden Orten nicht ganz identisch sein, so dass länger Zeit bleibe, beide zu sehen: In Athen eröffnet die Ausstellung schon im April, Kassel folgt dann am 10. Juni. Für Leute die "nur" eine Stadt sehen könnten, sei die Nichtsichtbarkeit des anderen Teil aber ein wichtiger Teil der Erfahrung, sagt Szymczyk – hier klang er fast wie seine Vorgängerin Carolyn Christov-Bakargiev, die solche Verweigerungsgesten liebte.

Szymczyk stellte an diesem Abend auch sein 14-köpfiges Team vor. Die Statements seiner Co-Kuratoren und Mitarbeiter lassen schon einige inhaltliche Schwerpunkte erahnen. So wird es um den "Norden" und den "Süden" als kulturelle Chiffren gehen, wie Marina Fokidis erklärte, die in Athen das Kunstmagazin "South" herausgibt. Griechenland wird nicht nur als konkretes heutiges Land vorkommen, sondern auch als ideelles Reich des Geistes und Mutterland der Demokratie – schließlich gibt es seit Jahrhunderten einen regen kulturellen Austausch zwischen Griechenland und dem nördlichen Europa: Der belgische Kurator Deiter Roelstraete streifte schon mal wesentliche Bezugspunkte von den Gebrüdern Schlegel und Grimm bis zu Le Corbusiers Charta von Athen.

Neben Kassel weitere Standorte in die Documenta einzubeziehen, ist keine neue Idee. Schon Okwui Enwezor hatte im Vorfeld der Documenta 11 sogenannte Plattformen auf verschiedenen Erdteilen veranstaltet, und Carolyn Christov-Bakargiev verlegte einen kleinen Teil der Schau nach Kabul. Doch Szymczyks Konzept geht deutlich weiter: Kassel und Athen sollen gleichberechtigte Standorte sein, und das wird nicht nur logistisch anspruchsvoll werden, sondern auch für Verlustängste in Kassel sorgen.

Geschickt ist der Schritt allemal: Schon jetzt eröffnete diese Documenta ein eigenes Wirkungsfeld und erzählt eine eigene Geschichte – egal, wie gut oder schlecht die Ausstellung am Ende sein wird.

Documenta 14

Termin: 10. Juni bis 17. September 2017 in Kassel und Athen
http://www.documenta.de/

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