Alexander Ochs - China

Wir sind in China noch nicht reif genug

Alexander Ochs unterhält in Berlin und Peking eine Galerie, mit art spricht er über die Fehler deutscher Ausstellungsmacher in China, die regressive Politik und die Ansichten Ai Weiweis und fordert Antwort auf die Frage: Wo ist Ai Weiwei?
Der verfrühte Kotau:Interview mit Alexander Ochs

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Herr Ochs, war es ein Fehler, in Peking eine Ausstellung zur "Kunst der Aufklärung" zu machen?

Es gibt da nichts absolut Richtiges, wie es nichts absolut Falsches gibt. Die Frage ist: Wie macht man das, welche Bedingungen stellt man hier? Die Erfahrung in China ist: Wenn man den Kotau zu früh macht, geht es daneben, und hier wurde der Kotau zu früh gemacht. Es gibt in China eine Methodik, viele Dinge immer erst unmittelbar vor einem Ereignis zu entscheiden. Damit kommen viele aus dem Westen nicht zurecht. Das hat auch einen kulturellen Hintergrund: Wir haben ein perspektivisch-lineares Denken, die Chinesen verfügen eher über eine multiple Perspektive.

Auch das Zeitempfinden ist komplett anders als bei uns. Wenn ich nun aber hergehe und an einer bestimmten Stelle nachgebe – in diesem Fall viel zu früh – beeinflusse ich aber den gesamten Prozess. Man muss den Kotau möglicherweise überhaupt nicht machen, wenn man ihn nicht zu früh gemacht hat.

An welcher Stelle wurde nach Ihrer Meinung der Kotau gemacht?

Der Kotau bestand unter anderem darin, dass nicht ermöglicht wurde, ein freies Rahmenprogramm zu gestalten. Oder dass der Vorschlag, eine Ausstellung zu machen, mit der man die Kunst ins 21. Jahrhundert führt, nicht diskutiert wurde. Damit hätte man einen Diskussions- und Erklärungsdruck von dieser Ausstellung wegnehmen können. Wenn ich zeitgenössische chinesische Künstler ausstelle, ist auch das chinesische Publikum klug genug, die Fragen, die sich aus dieser Kunst ergeben, zu diskutieren. Wenn ich aber sage, es sei nicht möglich, Ai Weiwei auszustellen, weil ich möglicherweise eine Diskussion mit meinen chinesischen Partnern bekommen könnte – ist das der Präventiv-Kotau.

Aber wie soll es denn möglich sein, in einem totalitären Staat die Kontrolle der Schau und des Begleitprogramm zu umgehen?

Das kommt darauf an, wie man es macht. Wenn man auf die Ebene der beiden Staaten geht – in diesem Fall: Kulturministerium und Auswärtiges Amt –, dann laufen dort alle in einem sehr engen Korsett herum. Man hätte stattdessen ein Rahmenprogramm konzipieren können, um sich dann chinesische Partner zu suchen, mit denen man es hätte realisieren können. Aber genau dies ist nicht gemacht worden, weil man sich zu sehr an das Kulturministerium gebunden hat. Es gibt Freunde in China, die vergleichen das Kulturministerium mit dem Propagandaministerium. Und da hilft es auch nichts, wenn der Außenminister Guido Westerwelle sich hinstellt und sagt: Wenn Kunst instrumentalisiert wird, wird sie zur Propaganda. Nicht, wenn man das selbst vorher ermöglicht hat.

Also ist die Hoffnung, mit dem Thema Aufklärung Menschen in China zu erreichen, nur naiv?

Ai Weiwei sagt dazu: Wir sind in China noch nicht reif genug. Was die Leute auf den Bildern sehen, sind Menschen mit langen Nasen auf gut aussehenden Bildern. Ich kritisiere, dass es nicht genügend Didaktik, Zuführung, Pädagogik in der Ausstellung gibt. Die Chinesen haben sich darüber keinerlei Gedanken gemacht oder machen wollen. Der Katalog ist schlecht übersetzt und kostet über 100 Euro, zwischenzeitlich wird für die "Sonderausstellung" Eintritt genommen. Hier veröffentlicht sich das tatsächliche Interesse. Vielleicht 200 Leute am Tag. Stell dir vor, es ist Aufklärung und keiner geht hin.

Hätte man dann das Projekt nicht abbrechen müssen?

Nein, aber ein Kurator hätte auf die veränderte Situation reagieren müssen. Nun haben die Herren Schrenk und Eissenhauer das Projekt ja von ihren Vorgängern geerbt, aber Martin Roth als führender Initiator hätte doch die Möglichkeit gehabt, auch mit Künstlern und anderen, die schon länger in China arbeiten, zu reden. Das ist aber nicht passiert.

Haben sich in der chinesischen Künstlerszene Hoffnungen mit dieser Ausstellung verbunden?

Nein, überhaupt nicht. Die gehen da auch nicht hin. Übrigens eine Parallele zu den deutschen Künstlern: Ursprünglich waren ja Neo Rauch und Anselm Kiefer zur Eröffnung eingeladen, sie haben dann abgesagt. So machen es die chinesischen Künstler auch. Sie meiden mittlerweile auch die "Salons", die als freie Veranstaltungen an diversen Orten in Peking organisiert wurden. Sie stehen auch unter dem Druck vom Kulturministerium. Die Methoden in China sind subtil. Du bekommst einen Anruf, und dann gehst du da nicht hin. Trotzdem war es gut, den ersten Salon in meiner Galerie unter großer Beteiligung von Chinesen durchgesetzt zu haben.

Ist zur Zeit die Arbeit ihrer Galerie beeinträchtigt?

Wir haben in China nie ein Problem gehabt. Es gab nie irgendeine Form von Zensur. Es gab eher den Versuch uns zu kaufen, indem man mir angeboten hat, dass irgendwelche Leute, hinter denen die Partei steht, eine große Kunsthalle für mich bauen. Das haben wir immer abgelehnt. Ich habe auch zum Beispiel nie Ausstellungen angemeldet. Aber ich habe zum Beispiel 2004 den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder als Besucher in meiner Galerie gehabt. So eine offizielle Geste ist eine Möglichkeit, die Kunst zu schützen.

Gibt es noch andere?

Ja, man kann auch über die Ökonomie gehen. Deutsche Unternehmen verdienen ja Geld in China – ausgehend von den kulturellen Werten, die wir in der Moderne entwickelt haben. Gottlieb Daimler hätte sein Auto nicht bauen können in einer Situation, in der er komplett unfrei gewesen wäre. Da müssen wir den Chinesen doch erklären: Wie ist denn das System, das sozusagen hinter dem Auto steht, das sie kaufen? Wir können über das Auto auch etwas von unserem Wertesystem vermitteln. Es ist ein Widerspruch, wenn BMW als Hauptsponsor der Ausstellung einerseits Ai Weiwei in München das Art Car machen lässt, und der Künstler aber andererseits in Peking "nicht stattfinden" darf. Würde die Autoindustrie in diesem Sinne stärker für unsere Werte einstehen, würde doch sie kein Auto weniger in China verkaufen.

Wie kann denn nach den Erfahrungen, die jetzt mit dieser Ausstellung gemacht wurden, kultureller Dialog aussehen?

Ich bin im Moment sehr skeptisch, was das betrifft. Wir haben im Moment eine regressive Politik in China – das war alles schon einmal sehr viel besser, das heißt: liberaler. Seit den Olympischen Spielen in Peking 2008 ist es restriktiver geworden, jetzt kommen noch die Umstürze in Nordafrika hinzu, die in China Angst auslösen. Und bei uns wird die Stimmung immer unkritischer, weil wir in China Geld verdienen können. Historisch gesehen war China nie kulturell durchlässig. Das Land hatte immer eine Tendenz, sich in sich selbst zurückzuziehen. Vielleicht träumen wir ja auch nur davon, dass wir uns wirklich was zu sagen hätten. Jedenfalls ist es auf beiden Seiten harte Vermittlungsarbeit.

Welche Rollen sollte oder könnte denn in der Kulturarbeit das Außenministerium übernehmen?

Das Problem ist, dass wir im Auswärtigen Amt keine Leute haben, die einen künstlerischen Prozess begleiten könnten. Da fehlt einfach das Know-How. Mir wurde im Auswärtigen Amt gesagt: Wir haben ja keinen deutschen Louvre. Aber wenn man die großen Sammlungen in Dresden, Berlin und München zusammen nimmt, haben wir ja im Grunde doch einen Louvre. Und der soll auch exportierbar sein. So haben wir jetzt in Peking einen beschnittenen Mini-Louvre.

Sie haben bereits gesagt, dass Sie das Zusammentreffen der Verhaftung Ai Weiweis mit der Eröffnung der Ausstellung nicht für Zufall halten. Womit rechnen Sie? Wird Ai jetzt unter irgendeinem Vorwand der Prozess gemacht?

Ja, womöglich wird er verurteilt, womöglich kommt er unter Hinweis auf seine angegriffene Gesundheit dann auch früher wieder frei. Im Moment sollten wir die Chinesen mit der Frage konfrontieren, die Durs Grünbein in der FAZ gestellt hat: Wo ist Ai Weiwei? Das wollen wir wissen. Diese Frage muss auf allen politischen Ebenen immer wieder an China gestellt werden. Ich glaube aber langfristig, dass Ai durch seine weltweite Wirkung und durch die starken inneren Widersprüche des Landes auch ein Katalysator sein kann für die Entwicklung der Demokratie in China.