Dortmunder U - Ruhr.2010

Noch nicht fertig, aber toll

Immer mehr Leben zieht ein in die zum Kulturturm umgebaute ehemalige Union-Brauerei "Dortmunder U": Das Museum Ostwall zeigt seine Schätze, und die jungen Kreativen gehen ein und aus. Dumm nur, dass das Kulturjahr 2010 jetzt schon vorbei ist. Eine Ortsbesichtigung
Fast fertig:Industrieromantik trifft Museumsaura

Das "Dortmunder U": Ort des Forschens, des Lernens und des Austausches über Kunst, Medien und die Kultur der Gegenwart

Zynisch formuliert, müsste man sagen: Pünktlich zum Ende des Kulturhauptstadtjahres Ruhr 2010 ist das "Dortmunder U" präsentabel. In dem Moment, wo sich die allgemeine Aufmerksamkeit wieder abwendet, ist eines der Renommierprojekte des Jahres endlich fertig. Beziehungsweise fast fertig: Noch sind nicht alle Etagen vollständig bezogen und eingerichtet, und im imposanten Dachgeschoss des ehemaligen Brauereigebäudes der Dortmunder Union, das schon jetzt "Kathedrale" genannt wird, arbeiten noch die Handwerker. Demnächst soll hier das Restaurant "View" eingeweiht werden. Wirklich abgeschlossen wir der Bau wohl erst im Frühjahr 2011.

Geplant war das alles etwas anders. Ursprünglicher Eröffnungstermin war der 28. Mai dieses Jahres – das "U" sollte neben dem Neubau des Essener Museum Folkwang als zweite große Neueröffnung die Museumslandschaft mit Glanz bescheinen. Die komplizierten Bauarbeiten an dem teilweise denkmalgeschützen Gebäude haben sich dann mehrmals verzögert. Zwar öffnete der Turm dann tatsächlich im Mai ganz offiziell, es wurden sogar auf einigen Etagen Ausstellungen gezeigt. Aber eigentlich war noch nichts wirklich fertig, und Besucher mussten sich über Monate auf einer Baustelle zurechtfinden.

Zu den Leidtragenden dieser Hängepartie gehörte das Museum Ostwall. Seine ursprüngliche Heimstätte hatte es schon 2009 geschlossen, und eigentlich sollten die Werke der Sammlung in diesem Sommer die Kulturtouristen erfreuen. Wirklich eröffnen konnte das Museum erst Anfang Oktober, was dem Direktor Kurt Wettengl eine tiefen Seufzer entlockt: Sein Museum war während des Kulturjahres praktisch unsichtbar. Umso freudiger führt Wettengl den Besucher nun durch die neuen Räume. Die Etagen 4 und 5 gehören nun dem früheren Museum am Ostwall, das nach dem Umzug das "am" aufgab – der Name "Ostwall" soll nun wie eine eingeführte Marke fungieren. Wettengl hat zusammen mit dem Architektenbüro Gerber die Idee entwickelt, den Eingangsbereich, der auf den anderen Etagen in der Mitte an den Rolltreppen liegt, nach links an den Rand zu verlegen und die Decke zwischen beiden Etagen teilweise einzureißen, so dass ein hallenartig hohes Foyer entsteht – eine kluge Entscheidung.

Industrieromantik, Museumsaura und Workshopatmosphäre

Es ist nämlich nicht besonders luftig und weit hier im "U" – durch die kleinen denkmalgeschützten Fenster dringt kaum Tageslicht in die Etagen, die massiven Säulen nehmen Raum weg, und man fühlt sich im "U" manchmal wie im biblischen Bauch des Wals. Auf die Großzügigkeit und Transparenz, die heute viele Kunstmuseen auszeichnet, musste das Museum Ostwall zwangsläufig verzichten. Wettengl hat das Beste daraus gemacht. Fast kabinettartig wirken die Räume, was aber zu den Werken passt: Arbeiten von Wolf Vostell, Joseph Beuys, Dieter Roth und Martin Kippenberger; nicht wenige davon sind Multiples, die sich gut in Vitrinen zeigen lassen. Seine berühmten Expressionisten – Bilder wie Max Beckmanns "Selbstbildnis mit Zigarette" von 1947 – hat der Direktor am Ende des Parcours platziert. Gefunden werden sie in jedem Fall.

Neben dem Museum Ostwall, das in der 6. Etage demnächst auch Wechselausstellungen zeigen wird, "bewohnen" Dortmunder Universitäten und Fachhochschulen, ein Zentrum für kulturelle Bildung und der Medienkunstverein Hartware das "Dortmunder U". Durch ein lichtes, imposantes Treppenhaus ohne Zwischendecken fährt der Besucher auf Rolltreppen von Etage zu Etage; der Filmregisseur Adolf Winkelmann hat dort, wo keine realen Fenster sind, gefilmte Blicke ins Blaue auf die Wand projiziert. Seine Medieninstallationen beleben das ganze Gebäude, auch von außen. Und man sieht viele Studenten hier. Das "Dortmunder U" verbindet Industrieromantik, Museumsaura und Workshopatmosphäre. Einen besseren Treffpunkt könnten sich die Kreativen des Ruhrgebiets nicht wünschen. Wenn es nur endlich fertig würde.

Dortmunder U

Leonie-Reygers-Terrasse, 44137 Dortmund, vorraussichtlicher Eröffnungstermin: Frühjahr 2011
http://www.dortmunder-u.de/
info@dortmunder-u.de

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