Vivien Stein - Interview

Berggruen hat in seinem Leben viele Rollen gespielt

Selten hat ein Buch bei Politik und Presse so viel Empörung ausgelöst wie "Leben und Legenden", eine dicht recherchierte und im Stil des amerikanischen Investigativjournalismus über weite Strecken sachlich, aber zugespitzt formulierte, unautorisierte Biographie des Kunsthändlers Heinz Berggruen. Er verließ 1936 als junger Mann Berlin, ließ sich erst in San Francisco, dann nach dem Krieg als Kunsthändler in Zürich, Paris, New York und London nieder. 1996 kehrte er nach Berlin zurück, um dort seine stattliche Sammlung von Meisterwerken der klassischen Moderne als Leihgabe im von der Stadt eigens eingerichteten Stüler-Bau unterzubringen. Wenig später verkaufte er sie für 253 Millionen Mark, angeblich der Hälfte des Marktwertes, an die Stiftung Preussischer Kulturbesitz.
Umstrittene Biografin:über den Berliner Ehrenbürger Heinz Berggruen

Vivien Stein, Autorin der unautorisierten Berggruen-Biografie

Dafür wurde der jüdische Rückkehrer als verlorener Sohn und Mäzen gefeiert und mit der Ehrenbürgerwürde ausgezeichnet – eine Farce auf Kosten des Steuerzahlers, behauptet Autorin Vivien Stein, selbst Kind jüdischer Emigranten. Sie zeichnet Berggruen nach mehrjährigen Recherchen als skrupellosen, auf den eigenen Vorteil bedachten Egoisten, der selbst aus dem Berliner Museum heraus weiter handelte. art-Korrespondent Heinz Peter Schwerfel besuchte die Autorin in Paris, wo sie bei der weltweit angesehenen Internationalen Union für Astronomie arbeitet.

Unter den großen Kunsthändlern der letzten 60 Jahre gibt es kaum jemanden, der nicht irgendwann wegen seiner Geschäfte mit dem Gesetz in Konflikt gekommen wäre. Warum haben Sie sich gerade Heinz Berggruen ausgesucht?

Weil er es übertrieben hat. Er hat sich nicht mit der Rolle des erfolgreichen Kunsthändlers begnügt wie seine Kollegen, sondern er hat sich im hohen Alter in Berlin als Staatsmann, Philanthrop, Mäzen und Inbegriff für jüdische Integrität neu erfunden.

Außerdem hat er in seiner Autobiographie und anderen Büchern seine eigene Lebensgeschichte mit augenfälligen Ungereimtheiten so dreist ins Scheinwerferlicht gesetzt, dass man regelrecht die Pflicht hatte, mal genauer hinzuschauen.

Das deutsche Feuilleton, aber auch die Kulturpolitik, hat aufgeregt bis empört reagiert, wirft Ihnen Antisemitismus und Leichenfledderei vor und macht Ihnen in der Sache eigentlich nur einen wirklichen Vorwurf: Harte Beweise würden fehlen. Warum ist es ausgerechnet im Kunstbetrieb so schwierig, für eine Recherche harte Beweise zu finden?

Dem möchte ich widersprechen, denn es gibt in meinem Buch erstaunlich viele harte Beweise. Ich habe zum Beispiel die Papiere dafür, dass ein Gemälde von Seurat, das als Berggruens Leihgabe in der Londoner National Gallery hing, bevor er es an just dieses Museum verkaufte, dass der Seurat also erst einmal extra nach Zürich in die zollfreie Freihandelszone vom Flughafen geflogen werden musste, damit keine Steuern anfielen. Ich habe die Kopien von Briefen an Galeristen in Amerika, in denen er darum bat: "Bitte schicken Sie die Papiere in einem braunen Pappumschlag an die private Adresse meiner Sekretärin, sonst wird nichts aus dem Geschäft. Und nur ja keine Rechnung beilegen." Also, bessere Beweise kann man doch nicht bringen. Dass einige mir dann vorwerfen, ich hätte keinerlei "harte" Beweise, kann nur daran liegen, dass sie in ihrer Empörung die fast 500 Seiten meines Buches nicht gelesen haben.

Glauben Sie, dass die deutschen Kulturpolitiker auch deshalb so empfindlich reagieren, weil sie sich der Naivität ihres Vorgehens und der fehlenden Transparenz der Verhandlungen durchaus bewusst sind? Sie haben lange im angelsächsischen Sprachraum gelebt, dort wäre so ein Verfahren von nicht-öffentlichen oder nicht-dokumentierten Verhandlungen nicht möglich. Wie es ja die vollständig dokumentierten, wenn auch für die Engländer letztendlich frustrierend ausgegangenen Verhandlungen Berggruens mit der National Gallery zeigen.

Im angelsächsischen Sprachraum sagt man nicht wie hier "Staatsgelder", sondern "Steuergelder". Und wer mit Steuergeldern umgeht, muss sich rechtfertigen, bevor er sie ausgibt. Ich finde, der Steuerzahler hat ein Recht zu wissen, wofür diese Gelder benutzt werden. Nehmen wir als Beispiel Berggruens Sammlungsverkauf an Berlin. Immer wieder wird behauptet, es hätte vor dem Verkauf sehr wohl eine Schätzung der Bestände gegeben. Nur weiß ich nicht, warum noch nie jemand gefragt hat, von wem eigentlich geschätzt wurde. Üblich sind, so viel ich weiß, zwei Schätzungen von unabhängigen Experten. Ich weise nach, wie Heinz Berggruen seine eigenen Schätzwerte wiederholt besonders hoch anlegte und dann über Versicherungswerte diese Schätzwerte festschreiben ließ – das alles wird in meinem Buch ausführlich belegt.

Ein anderer Punkt: Bis heute hat noch niemand offen zugegeben, dass die Werke, die nach dem Verkauf der Sammlung zusätzlich ins Museum geholt wurden, also so ziemlich alles, was nach 2000 ins Museum gehängt wurde, immer noch Herrn Berggruen gehört, beziehungsweise seinen Erben. Aber angeblich benutzte er einen Teil des Geldes – schreibt der ehemalige Kulturstaatsminister Michael Naumann – um das Museum zu bereichern...

...um die Sammlung zu vertiefen und zu vervollständigen...

Er hat das Geld benutzt, um seine eigenen Bestände aufzubauen, die er steuer- und kostenfrei im Museum unterbrachte. Das ist für mich ein großer Unterschied! Ich habe nichts dagegen, dass das so ist, und Berlin ist über Berggruen um viele wunderbare Kunstwerke reicher geworden, aber man sollte die Dinge beim Namen nennen - und nicht von Mäzenatentum reden.

Sie beschreiben, wie Berggruen über Jahrzehnte systematisch an der Steuer vorbei gearbeitet hat. In Paris galt er als Amerikaner, obwohl er schon ab 1973/74 deutscher Staatsbürger wurde, was aber niemand wissen durfte, vor allem nicht der französische Fiskus. Für den Kunstbetrieb ist das nichts Ungewöhnliches, nur ein Bruchteil der Transaktionen wird versteuert. Wo wurden eigentlich die 253 Millionen Mark versteuert, die er in Deutschland für seine Sammlung bekam?

Niemand hat bis heute die Öffentlichkeit darüber informiert, wie und wohin die Zahlung erfolgte und ob sie versteuert wurde. Es kann also durchaus sein, dass der deutsche Fiskus auf die Steuern verzichten musste, obwohl Berggruen deutscher Staatsbürger war. Und nicht nur das, er hat ja aus Berlin weitergehandelt. Hatte er etwa einen Steuererlass? Auch das wäre interessant zu wissen.

Berlin hat sich immer schwer getan mit Privatsammlern, weil es so große Löcher in den Beständen gab und weil es nicht gerade eine reiche Stadt ist. Das war vor Berggruen schon so, etwa bei den Verträgen mit Erich Marx. Glauben Sie, dass das der wirkliche Grund für die groß gefeierte Ankuft Berggruens war, dass man die Lücken im Museumsbestand in Sachen klassischer Moderne schließen wollte? Oder war es doch der Stolz über die Rückkehr eines inzwischen prominenten jüdischen Emigranten, der die Stadt 1936 verlassen hatte?

Auch beim Stichwort Lückenschließung hat man mich in den Reaktionen auf mein Buch wieder falsch zitiert und gesagt, ich hätte behauptet, es wären keine Bilder der klassischen Moderne vernichtet worden von den Nazis. Ich habe nur gesagt: Es wurden so gut wie keine Picassos vernichtet, und gar keine aus Berliner Museumsbeständen. Also, in Berlin ein Picasso-Museum einzurichten ist etwas Schönes, eine tolle Idee, aber mit der Wiedergutmachung der Nazibarbarei hat das sehr wenig zu tun.

Gab es im Jahre 2000 überhaupt Handlungsbedarf, den Ankauf so schnell abzuschließen? Offiziell lief der Leihvertrag ja bis 2016.

Es eilte überhaupt nicht! Heinz Berggruen hat das wirklich hervorragend inszeniert, er war ein Meister im Umgang mit der Öffentlichkeit. Aber die Berliner Unbedarftheit kam ihm natürlich entgegen. Das bringt mich zu einem wichtigen Punkt, der vielleicht auch die überempfindlichen Reaktionen auf mein Buch erklärt: Es gibt in Deutschland dieses Phänomen des kollektiven Philosemitismus. Bedeutet denn, wenn man an Heinz Berggruen etwas kritisiert, man damit gleich alle Juden kritisiert? Mitnichten! Ich stelle ihn als Ausnahmeerscheinung dar und möchte ihn auch als solche verstanden wissen. In einer Zeitung wurde mir doch wahrhaftig vorgeworfen, dass das "gefährlich" sei. Das ist, als würde man befürchten, in Amerika ein Pogrom zu provozieren, nur weil man Herrn Madoff anklagt. Lächerlich!

Sie dokumentieren Berggruens Lebensstationen vor Berlin sehr ausführlich, fast über die Hälfte des Buches. Ihr Verfahren ist, Berggruens eigene Biographie, "Hauptwege und Nebenwege", zu vergleichen mit dem, was an Dokumenten noch da ist. Und Sie kommen zu dem Schluss, dass da jemand durchaus aus dem eigenen Leben einen Roman gemacht hat.

Hätte ich nur den Berlin-Teil geschrieben, hätten die Rezensenten gesagt: "Glauben wir nicht. Herr Berggruen war doch bestens befreundet mit Picasso", und so weiter. Eine der Säulen, auf denen das Phänomen der bejubelten Rückkehr nach Berlin ruht, ist beispielsweise diese angebliche Freundschaft mit Picasso, denn so etwas adelt, auch wenn es gar nicht stimmt. Oder die Affäre mit Frida Kahlo. Dass man von der Pariser Künstlerszene respektiert wird, gefeierter Mäzen in New York, Genf und London ist, und dazu noch Repräsentant des jüdischen Volkes. Diese Säulen wollte ich erst einmal unter die Lupe nehmen, bevor es nach Berlin ging.

Ich erinnere mich an die Galerie Berggruen, die damals außerhalb der Kunstzentren lag, in der Rue de l’Université, und die eigentlich eine Boutique war für Grafik und Poster, und keinesfalls die eines weltweit agierenden großen Kunsthändlers.

Eine Münchner Kunsthändlerin arbeitete 1958 als Lehrling bei Berggruen. Sie sagte, sie habe in sechs Monaten kein einziges Ölbild gesehen. Es war diese bescheidene Front, die er benutzte, und die ihn auch erfolgreich machte.

In Paris war Berggruen keinesfalls so hoch angesehen, es gab auch dort schon Schwierigkeiten mit ihm. Ich erinnere an den Fall eines Braque-Bildes, vor dem Krieg in jüdischem Besitz, das er Anfang der achtziger Jahre an das Centre Pompidou verkauft hatte. Ein paar Jahre später stand das Centre auf einmal im Verdacht des Besitzes eines Raubkunstbildes, die Erben verlangten das Bild, und Berggruen weigerte sich, das Geld zurückzugeben. Damals stellte sich der Präsident des Centre Pompidou, Jean-Jacques Aillagon, vor ihn und erklärte, Berggruen sei ein über jeden Zweifel erhabener Kunsthändler mit ausgezeichnetem Ruf. Warum? Weil er für die Zukunft Schenkungen erwartete? Wie das Muséee Picasso, das auch nie etwas bekommen hat?

Berggruen wusste genau, was für ein Bild er da verkauft hatte, er kannte ja seine Provenienz von der Versteigerung, bei der er es erwarb. Aber als Aillagon das beschwor, war Berggruen längst in Amerika; Aillagon hat sich damit selber geschützt. Er sagte, "natürlich haben wir das nicht geprüft, denn wir haben das von einem ehrbaren – und jüdischen – Händler gekauft." Nicht, weil er Berggruen unbedingt für ehrbar hielt, sondern um sich selbst einen Schutzschirm zu schaffen. Und der französische Steuerzahler hat das Bild dann zweimal bezahlt.

Ist es nicht überhaupt seltsam, dass, wie Berggruen ja selber immer wieder erzählte, er sein allererstes Bild in Chicago einem armen jüdischen Emigranten für billiges Geld abgekauft habe? Nach heutigem Recht würde man von einen Zwangsverkauf sprechen, und so was muss eigentlich restituiert werden. Aber bei Berggruen wird nur applaudiert.

In den Rezensionen wird kritisiert, dass Sie dem jüdischen Kunsthändler Berggruen unterstellen, sein Verhalten, etwa des Steuermeidens, sei etwas typisch jüdisches. Dass Sie also Vorurteile gegenüber Juden bedienen würden.

Ich mag dieses Spiel des Antisemitismus-Vorwurf nicht mitspielen. Ich habe nie irgendwelche Vorurteile bedient. Das hat als erster der Tagesspiegel geschrieben, angeblich aufgrund des Artikels von Stephan Speicher in der Süddeutschen Zeitung, aber Herr Speicher hat so etwas nie auch nur angedeutet. Der Tagesspiegel hat damit angefangen, und das ist gefährlich! Ich dachte nicht an jüdische Klischees, als ich dieses Buch schrieb. Nie habe ich an so etwas gedacht. Ich finde wirklich, damit wird die ganze Diskussion auf ein Niveau gebracht, das mir überhaupt nicht geheuer ist.

Sie erwähnen wiederholt als lobenswerte moralische Haltung die des Mäzens. Was genau macht für Sie einen Mäzen aus? Haben Sie vielleicht sogar ein oder mehrere Beispiele?

Auf jeden Fall gehört zu wahren Mäzenen mehr als hier und da eine Schenkung. Und mit Schenkung meine ich eine Tat, bei man mehr her gibt als man zurückerhält! Aus dem Kopf ein paar Beispiele: In Deutschland, allen voran, James Simon (für das Pergamon Museum). In England und Amerika die JP Getty Jr. Foundation oder die Familien Sainsbury, Annenberg, Rothschild, aber auch auch Zellerbach, Leonard C. Hanna, Eugene W. Thaw, Lila Acheseon Wallace, Carnegie, Rockefeller, Gates, Julliard, Kellen und Hunderte mehr. Hinzu kommen wirklich geschenkte und mit privaten Mitteln unterhaltene Sammlungen: Guggenheim, Frick, Barnes, Nash, Gardener, usw. Das mag den Rahmen unseres Gesprächs sprengen, aber so viel ist sicher: Es gibt sie wirklich, die wahren Philanthropen, und für sie zählt nicht, was man sagt, sondern was man tut.

Ihr Buch ist, neben den vielen Fakten, geprägt vom Tonfall einer spürbaren moralischen Entrüstung. Einige Rezensenten sprechen auch von "Wut", was ich überhaupt nicht finde, eher "Ingrimm". Woher kommt diese Entrüstung?

"Wut" habe ich keine. Vielleicht erweckt mein für deutsche Leser ungewohnter angelsächsischer Schreibstil, immer sachlich und gerade heraus, diesen Eindruck. Vielleicht sind auch einige Rezensenten direkt beim Berlin-Teil eingestiegen, und das ist, wie wenn man eine Theateraufführung erst nach der Pause besucht, denn ich fange sehr behutsam an. Aber spätestens bei Berggruens Umdichtung des Schicksals seines armen Onkel Sally, der im KZ war (Seite 116 ff), ahnt man, mit wem man es hier zu tun hat.

Eine gewisse Entrüstung kann ich sicher nicht leugnen – aber das ist nichts gegen die Entrüstung, die mir nun entgegenschlägt! Meine Entrüstung beginnt bei Berggruens ungeheurer, oft wiederholter Behauptung, die amerikanischen Juden hätten während der Nazi-Zeit nichts für die europäischen Juden getan. Sie hätten die Berichte über Verfolgung und KZs in den Medien unterdruckt, sich nicht interessiert und – nicht zuletzt aus kommerziellen Gründen – nicht gewollt, dass mehr Juden ins Land kommen. Wie kann ein solcher Mann in Deutschland zum Inbegriff des versöhnlich heimkehrenden Juden stilisiert werden?

Haben Sie Berggruen selbst getroffen in Ihrer Berliner Zeit? Haben Sie mit ihm gesprochen oder versucht, mit ihm zu sprechen?

Ich habe ihn ab und zu mal getroffen, wie man sich so trifft in Berlin. Aber ich habe nicht mit ihm über das Buch gesprochen. Ich erkläre das in meiner Einleitung: Ich hielt das für sinnlos. Auch mit seinen Kindern – ein Großteil des Buches spielt, bevor sie überhaupt geboren sind. Bald wusste ich mehr als sie über ihren eigenen Vater. Ich hätte sicher noch viel, viel mehr erfahren können, wenn ich so getan hätte, als schriebe ich eine Hymne... Ich blieb aber immer ganz offen, habe gesagt: "Ich schreibe eine unautorisierte, objektive Biographie, oder ein biographisches Buch, über Heinz Berggruen." Deshalb wurden mir auch einige Türen zugeschlagen, aber das war mir lieber so.

Ein mehrfach geäußerter Vorwurf ist, Sie seien angestiftet worden von Bernd Schultz vom Berliner Auktionshaus Villa Grisebach.

Dieser Vorwurf wird jetzt gerade von Michael Naumann verbreitet. Ich finde das skandalös. Man versucht damit nicht nur, das Buch kaputt zu machen, man versucht auch, Bernd Schultz kaputt zu machen. Ich habe die Öffentlichkeitsarbeit bei Villa Grisebach gemacht von 1986 bis 1994, als freie Mitarbeiterin – ich habe damals viele verschiedene Jobs gemacht, ich hatte nie einen festen Vertrag mit denen. Ich habe sogar Anfang der neunziger Jahre mein Büro ausgelagert aus der Villa Grisebach. Damals war Berggruen noch gar nicht in Berlin.
Naumann behauptet, Schultz sei verärgert gewesen, weil nicht er bestimmte Bilder Berggruens zur Versteigerung bekam, sondern diese in New York versteigert wurden. Jeder weiß, dass diese Bilder überhaupt nicht in das Sortiment der Villa Grisebach gepasst hätten: van Gogh, Cezanne... Es ist einfach infam, so etwas zu behaupten, und das muss Herr Naumann auch wissen. Bernd Schultz ist ein großer Förderer Berlins, er hat auch Berggruen anfangs und nachweislich bis nach der sogenannten "Übereignung" sehr unterstützt. Zum Eklat kam es auch nicht, als Schultz einen Artikel von Berggruen in art (Februar 2001) über die angeblich knauserigen Berliner anklagte, sondern erst als Schultz im New Yorker (21. Mai 2001) las, wie Berggruen die deutsche Bewunderung für seine Sammlung mit ihrer Bewunderung für Adolf Hitler verglich und dass die Deutschen immer noch nicht vollständig mit ihrer Nazi-Vergangenheit gebrochen hätten. Er sandte privat an Berggruen eine Karte: Lieber Heinz, bitte sag mir, dass Du das so nicht gesagt hast.

Er war enttäuscht – ich glaube, das ist, wie wenn man einen Fußballspieler verehrt und plötzlich merkt, die Freundschaft war einseitig und die Verehrung war nicht angebracht, oder wenn man an eine Freundschaft glaubt und erkennen muss, dass sie einseitig war. Wenn jemand wie Herr Lehmann sagt: "Das kann doch alles gar nicht sein, ich kannte Herrn Berggruen acht Jahre", dann ist das fast rührend. Er kannte ihn eben nicht! Er hat nur gesehen, was Heinz Berggruen in Berlin für eine Rolle gespielt hat. Und Berggruen hat in seinem Leben viele Rollen gespielt.

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