Beyoncé - Visual Album

Powackeln im Zitat

Beyoncé hat ein neues Album mit verfilmten Liedern und vertonten Kurzfilmen veröffentlicht. Es zeigt, dass die Kunstform Musikvideo immer noch hungrig auf Motive aus bildender Kunst, Fotografie, Film und mittlerweile auch der eigenen Geschichte ist. art erklärt die neun Tricks, die Beyoncé von der Kunst gelernt hat.
Launch des Jahres:Neun Tricks, die Beyoncé von der Kunst gelernt hat

Beyoncés Remix einer klassischen Pietà-Darstellung mit Schleiertanz. Das "Visual Album" ist bei Columbia Records/Sony Music erschienen

Beim Blick ins MTV-Programm könnte man glauben, das Musikvideo wäre tot. Dabei hat sich die Kunstform lediglich andere Abspielkanäle gesucht und sie im Internet gefunden.

Besonders verführerisch duftet die mutmaßliche Leiche auf Beyoncés neuem Konzeptalbum, das so verschwenderisch mit Motiven der Kunstgeschichte umgeht, wie es sich für ein visuelles Hochamt des Pop-Eklektizismus gehört.

"Mine" – Pietà 2.0

Der Clip beginnt mit einer Pietà. Beyoncé breitet die Arme über einem Leichnam aus, hinter ihr pulsieren die wallenden Gewänder der Tänzerinnen in Zeitlupe durch die Luft. Das Motiv der Totenklage führt in die religiösen Tiefen der Kunstgeschichte – die Pietà ist die große Bilderfindung des Mittelalters. Der Schleiertanz verbindet die Videos von Shirin Neshat mit den fliegenden Röcken des "French Cancan" aus Jean Renoirs Musikfilm von 1954.

"Haunted" – die Ahnengalerie ikonischer Künstlerinnen

Beyoncé ist mit Hosenanzug und Roaring-Twenties-Frisur zurechtgemacht wie Madonna als Marlene Dietrich und schreitet durch eine lange Gemäldegalerie. An den Seiten öffnen sich Kabinette mit gespenstischen Puppenstuben wie bei Edward Kienholz, Gruselfilmzitaten und Ikonen der MTV-Ära. Das Spukhaus ist ein Museum der modernen Kunst, und natürlich ist Beyoncé weniger Besucherin als das wertvollste Ausstellungsstück von allen.

"Rocket" – Fotografie als Kunst

Frauen auf heißem Wüstensand, das war einmal die Domäne des Fotografen Edward Weston: Der 1886 geborene Amerikaner war einer der ersten, der mit der Kamera Kunst festhielt. Bei Beyoncé verschmelzen Frau und Wüste. Aus der Nähe gleicht ihre Hüfte einer Düne, über ihr huschen die Wolken hinweg. Kurz zuvor hatte uns ein Wasserspritzer, der in Zeitlupe Beyoncés Rücken entlang rinnt, signalisiert: Die Wüste lebt.

"XO" – Von Weegee lernen

Coney Island ist die Sehnsucht des kleinen Mannes am Rande der großen Stadt. Weegee hat den Jahrmarkt bei New York gerne besucht und mit berühmten Fotos zum Volksfest für alle Welt gemacht. Auch Beyoncé gibt sich hier als Star zum Anfassen, die Inszenierung ist so schlicht gehalten wie die gebotenen Vergnügungen.

"Partition" – Toulouse-Lautrec für die Facebook-Generation

Ein Landhaus, gefüllt mit klassischen Skulpturen. Beyoncé sitzt am Frühstückstisch und wartet darauf, dass ihr Ehemann sie bemerkt. Aber der hat nur Augen für die Tageszeitung. Und so träumt sie sich als Verführerin in einen filmischen Reizwäschekatalog, der das Toulouse-Lautrec-Zitat von Baz Luhrmans Musical "Moulin Rouge" zitiert. Auf dem Höhepunkt des Clips verwandelt sich die Übersehene als Silhouette auf einem Podest in eine lebendige Skulptur. Das in straffe Form gemeißelte Ewig-Weibliche zieht uns an.

"Blow" – stehlen von den Besten: Disney und Warhol

Modisch geht dieser Clip in die späten siebziger Jahre und damit in die Hochzeit der Rollerdiscos zurück. Beyoncé dreht ihre Runden wie einst Linda Blair in "Roller Boogie", dann zuckt sie mit Tänzerinnen unter Schwarzlicht, so dass ihre neonfarbenen Aerobic-Kostüme gespenstisch körperlos im Dunkel leuchten. Ganz ähnlich ließ Walt Disney einst die Skelette tanzen, Daft Punk übernahmen die Skelette 1997 für ihr Video zu "Around the World", aber auch Andy Warhols auf Signalfarben reduzierte Siebdrucke sind nicht allzu weit.

"Ghost" – Update des Pariser Varietés

Loïe Fuller war die erste Königin des Schleiertanzes. Der Star der Pariser Varietés ließ sich Kostüme und Bühnenillusionen patentieren und wurde von Auguste Rodin und Toulouse-Lautrec porträtiert. Ihren Spuren folgt Beyoncé, indem sie mit Schleiern vor Windmaschinen tritt und gleichzeitig in ein Spiel aus Licht und Schatten taucht; der weibliche Körper ist bei ihr eine Projektionsfläche für erotische und andere Fantasien. Dass hauchdünne Kleider auch eine (künstlerische) Zwangsjacke sein können, führt sie dann als Gefangene eines endlos dehnbaren Ganzkörpertextils vor.

"Blue" – Nostalgie in den Zeiten von Instagram

Im digitalen Zeitalter haben Farbschlieren unweigerlich etwas Nostalgisches und technisch überholte Filmformate in der Videokunst wieder Konjunktur. Auch dieser Clip wirkt mit seinen nachträglich eingefügten Materialfehlern wie ein Heimvideo aus längst vergangener Zeit. Die Bilder zeigen Beyoncé ganz privat mit Kind und weit weg von allem an einem einsamen Strand. Aber gerade diese inszenierte Nähe lässt sie entrückter denn je erscheinen.

"Crown Woman" – das Selbstporträt als Kanonisierung

Beyoncés Lebensgeschichte im Spiegel der Filmformate und Videoeffekte. Alles beginnt mit grisseligen Heimvideos, es folgen Fernsehschnipsel und im großen Finale ein Querschnitt durch die bunte Welt der medialen Steinzeitpsychedelik. Man erkennt hier einiges aus den frühen MTV-Jahren wieder – zum Beispiel Beyoncés Erinnerung an die Fernsehpremiere von Michael Jacksons "Thriller" –  aber auch Videokunst der ersten Stunde. Am Ende steht ein Leben vor und irgendwie auch für die Kamera. Man ist ganz nah an ihr dran – und gleichzeitig stellt sich Beyoncé deutlich auf den Olymp des Pop.

Der Trailer für "Visual" auf Youtube

Beyoncé: "Visual Album"

erschienen bei Columbia Records
http://www.beyonce.com/

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