Gallery Weekend – Highlights 2011

Berliner Buletten

Vom Preis für junge Kunst bis zur Einzelausstellung im Jarla Partilager jagte in Berlin ein Kunsthöhepunkt den nächsten. Die art-Autoren berichten.
Im Partylager:Höhepunkte des Kunstherbstes

Ansicht der Preview am Flughafen Tempelhof

Preis für Junge Kunst

Im Museum Hamburger Bahnhof wurde am Donnerstag die Ausstellung zum Preis der Nationalgalerie für junge Kunst eröffnet. Wie jedes Kunstevent in Berlin war auch dieses extrem gut besucht, kurz nach 20 Uhr sah es im Foyer des Museums aus wie in einer U-Bahn-Station zur Rush Hour.

Inszeniert wurde der Abend dann mit einer gewissen Lässigkeit: So konnte das Publikum schon mal einen Blick auf die Installation von Tomas Saraceno in der großen Halle werfen, obwohl sie noch nicht fertig montiert war; sie wird Ende dieser Woche eröffnet. Museumsdirektor Udo Kittelmann konnte man an diesem Abend fröhlich frotzelnd erleben: Er kündigte an, man werde jetzt "vier Reden hören, von denen eine rhetorisch brillant ist". Gemeint waren damit die Begrüßungsworte des Mannes von BMW, Thomas Girst, der am Morgen schon den Journalisten auf der Pressekonferenz mit intellektueller Artistik imponiert hatte: Er verband die Geschichte seines Unternehmens mit der des Museums und des Preises, diese wiederum verknüpfte er mit Zitaten von Voltaire und Lord Byron. Kittelmann hatte sich schon am Morgen beeindruckt gezeigt; seine zuvor am neuen Bart von Thomas Girst geübte Kritik hatte er sogleich zurück genommen: "Wenn Bartwuchs zu höherer Erkenntnis führt, lasse ich mir jetzt auch einen wachsen!"

Preview Berlin Tempelhof

Was es bedeutet, wenn einer Satellitenmesse ihre Basis fehlt, dürfte den Initiatoren der Preview jetzt bewusst sein. Mit dem Titel "The Emerging Art Fair" sah sich die Off-Messe bislang immer als Ergänzung zum inzwischen abgesägten Art Forum, das junge Kunst präsentieren und in den Markt einführen wollte. Nun, da sich der Kunstherbst in Berlin nur noch aus Nebenmessen, oder messeähnlichen Konzepten zusammensetzt, ist der Konkurrenzkampf groß. Im Hangar 2 des ehemaligen Flughafen Tempelhofs fanden sich in diesem Jahr 61 ausstellende Galerien aus 15 Nationen zusammen. Der Besucherandrang hielt sich trotz des angrenzenden Berlin Festivals und bester Wochenendzeit in Grenzen, ein paar Sammlergespräche wurden hier und da aber schon geführt.

Großes Interesse schien, wie auch bei den Eröffnungen in der Heidestraße an Gloria Berlin zu bestehen, die etablierte Laura Mars Grp. wirkte ebenso anziehend. Daneben fanden auch die monochromen Baugerüste von Phillip Hennevogl bei Hunchentoot und die begehbare Scherben-Installation bei Artary großen Anklang. Die ursprünglich großflächig ausgelegten Glasplatten würden auf Anfrage kiloweise verkauft und entsprechend bepreist, erklärte die Assistentin, zugegriffen habe aber noch niemand. Zwischen vielen überfrachteten Kojen stachen vor allem die hochwertigen fotografischen Arbeiten hervor. Etwas randständig und daher fast zu übersehen, ließen sich großformatige intime Porträts von Elinor Carucci bei Tavi Art aus Israel entdecken, die es schafften, einen trotz ihrer Position am Durchgangsweg kurz innehalten zu lassen. Auch bei den Scherenschnitten von Stefan Thiel bei Widmer+Theodoridis musste man hinsehen, nicht nur wegen der expliziten Motive. Fast schade, dass der spannendste Messestand sich hinter einem zugegebenermaßen ebenso sehenswerten Vorhang von Sybille Hotz versteckte.

Berliner Liste

Die Kuchenstücke, die beim Stand des "Absolute Art Space" aufgereiht standen, konnte man nicht essen. Alle anderen, in kleinen Schälchen angebotenen Süßigkeiten, die in den Kojen der Berliner Liste fast überall wie Köder ausgelegt waren, sollten jedoch ganz real zum Kauf der Kunst anregen. Ein anrührender Versuch, dem kargen Industrie-Chic des ehemaligen Heizkraftwerks "Trafo" an der Köpenicker Straße etwas heimeliges entgegenzusetzen. Zur achten Ausgabe der Off-Messe traten 41 Galerien mit 75 Projekten und Einzelkünstlern auf, was beim Besucher und potenziellen Käufer einen echten Jagdinstinkt wecken konnte, wenn er zwischen einer Vielzahl von Arbeiten mit höchst unterschiedlichem Niveau nach den verborgenen Schätzen suchte. Die weitläufigen Dimensionen des Geländes erleichterten diese Suche erheblich, verstärkten allerdings ebenso den etwas verzweifelten Anblick der unterforderten Aussteller am Sonntag Nachmittag. Wer sich auf die Pirsch begab, wurde oftmals auf den zweiten Blick belohnt, zum Beispiel mit den mechanischen Mini-Installationen von Hannes Eddelbüttel bei Huber & Treff oder den großformatigen Laser-Landschaften von Olaf Tiedje. Die Neon-Konstruktion "Understatement" des Münchner Künstlers Sasha Schwartz hatte es am äußersten Ende der Messe-Halle zwar denkbar schwer, konnte aber dank ausreichender Beleuchtung auf essbares Beiwerk verzichten.

Renaissance der Flugblätter

Auf den Eröffnungen bekommt man subversive Schriften zugesteckt: Ex-Galerist Aaron Moulton verteilt noch eine Ausgabe seiner satirischen Kunstzeitung „An Artnewspaper“. Die Zeitung begeistert mit einem Rückblick auf das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Mit Überschriften wie „Tate Namibia: Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ und Sätzen wie „Erinnern Sie sich an Matthew Barney? Oder Vanessa Beecroft? Ich auch nicht.“ nimmt Moulton die „Naughties“ auseinander. Gabriele Horn, Direktorin der Kunst Werke, verteilt dagegen die explizit politische Zeitung der nächsten Berlin Biennale – Titelzeile: "Konfrontation ist das Gebot der Stunde". Von Ellen Blumenstein über Bernd Scheerer bis Arno Brandlhuber hat Kurator Artur Zmijewski zahlreiche Köpfe über die Berliner Kulturpolitik schreiben lassen. Zmijewski will die Kunst wieder politisch werden lassen, Anh-Linh Ngo fasst das Anliegen in der Zeitung zusammen: „Sich einmischen, Stellung nehmen, Forderungen stellen.“

Wohltaten fürs Autocenter

Das Autocenter ist Berlins unoffizielle Kunsthalle, eine Ausstellung jagt hier die nächste, oft inspiriert der Projektraum über einem Lebensmitteldiscounter am Rand von Friedrichshain Kuratoren großer Instutionen. Nachdem die Macher Joep van Liefland und Maik Schierloh gerade ihr zehntes Jubiläum gefeiert haben, haben sie zur Benefiz-Auktion eingeladen, um in Zukunft ihren Off-Space mit mehr Ressourcen zu organisieren. Gründer Joep van Liefland sah keinen Wiederspruch: "Hier gilt die Autonomie der Kunst, hier ist alles möglich – auch eine Auktion".

Das Auktionshaus Philipps de Pury hat für den Abend Auktionator Henry Allsopp geschickt, der die Versteigerung in feinem British English charmant moderiert. Das erste Los weckt Hoffnungen, eine Edition eines Aktbildes von – wem auch sonst? – Martin Eder geht für 750 Euro weg, sie war auf 800 bis 1000 Euro geschätzt worden. Doch das Charity-Publikum ist zurückhaltend: Ein Cyprien Gaillard mit Bildern der Ruinen von Angkor, Schätzpreis 2000 bis 3000 Euro geht für das Startgebot von 2500 Euro an einen "Absentee bidder" – und das obwohl Gaillard für den Preis für Junge Kunst nominiert ist, dessen Ausstellung am selben Abend im Hamburger Bahnhof eröffnet. Auch ein Christian Jankowski geht günstig an einen neuen Eigentümer: Für 1300 statt geschätzt 7000 bis 9000 Euro. Galerist Martin Klosterfelde hält zwar eine Bieterkarte in den Händen, greift aber nicht ein.

Dann ein Thomas Scheibitz, eines der Toplose des Abends. Ein erstes Gebot für 8000 Euro liegt schon vor. Henry Allsopp versucht das Publikum zu Spekulationskäufen zu reizen: "Den können Sie jederzeit bei Philipps wieder loswerden, Null Prozent Kommission." Die Gebote steigen, 10 000, 11 000, 12 000, da beginnt das Baby des Bieters zu schreien und muss beruhigt werden. Bei 13 000 Euro fällt dann der Hammer. Trotzdem unter Schätzpreis. Zwischendurch senkt Allsopp sogar die Preise, Jonathan Meese, Katharin Grosse – auch die großen Namen bleiben unter den Erwartungen. Joep van Liefland kommentiert am Ende: "Wir sind über einem Discounter und das war eine Discounter-Auktion." Dennoch bleiben dem Autocenter am Ende 86 050 Euro – genug für die nächsten Jahre.

Im Jarla Partilager

Die Location klingt nach obskurem schwedischem Underground-Club. Tatsächlich residiert Berlins neuestes Privatmuseum ganz standesgemäß im lichtdurchfluteten Obergeschoss eines eleganten Kaufhausbaus aus den zwanziger Jahren. Der schwedische Finanzberater Gerard De Geer will im Galeriehaus seines Landsmanns Claes Nordenhake in der Lindenstraße in Zukunft ausgewählte Einzelausstellungen seiner Lieblingskünstler präsentieren. Den Auftakt macht eine umfassende Werkschau des Berliners Thomas Scheibitz. Zu sehen sind Gemälde, Skulpturen und Fotografien aus den letzten 13 Jahren. Fast schon eine richtige Retrospektive also. Und wenn man die präzise platzierten, farbstarken Werke dort so hängen sieht, wundert man sich, warum Scheibitz in deutschen Ausstellungshäusern so selten zu sehen ist und nicht längst schon eine richtige Retrospektive in einem Berliner Museum hatte. An mangelnder Qualität kann es jedenfalls nicht liegen.

Hier arbeitet sich einer ganz unironisch an klassischen Themen wie Abstraktion und Repräsentation oder Fläche und Form ab, ohne die Arbeiten mit konzeptuellen Mätzchen zu beschweren. Dass das trotzdem nicht alles bierernst gemeint ist, belegt ein schwebender Ball im Raum, bemalt mit Farbfeldern und Kreisen, den Scheibitz "Selbstporträt" nennt. Und was den Humor des schwedischen Sammlers angeht, muss man doch noch mal auf den gewöhnungsbedürftigen Namen der Sammlung zurückkommen: "Jarla Partilager" steht in Schweden für "Lagerverkauf". In einer solchen Halle eröffnete De Geer vor sieben Jahren in Stockholm seinen ersten Showroom. Und übernahm dabei den Namen für sein ambitioniertes Ausstellungsprojekt. Jetzt ist die etwas andere "Resterampe" also in Berlin gelandet. Die Thomas Scheibitz-Schau bleibt bis nächsten Sommer installiert, dann ist eine große Thomas Schütte-Ausstellung geplant.

Eröffnungen Halle Am Wasser / Heidestraße

"Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles" stand auf einem Plakat am Eingang der Sammlung Haupt in den Hallen am Wasser. Zum Eröffnungswochenende der Galerien im Rahmen der Berliner Kunstwoche drängten sich allerdings vergleichsweise wenige in den großzügigen Ausstellungsräumen. Auf einem kleinen Hocker stand ein Teller mit Kleingeld, wie er auf öffentlichen Toiletten zum Obolus auffordert. Verkauft wurde hier nur der Ausstellungskatalog – dafür boten die umliegenden Galerien umso mehr Ware feil. Die Galerie Loock wartete mit einer japanisch-schweizerischen Doppelausstellung der Künstler Kaoro Usukubo und Nuri Koerfer auf, Jarmuschek+Partner präsentierten ein Dickicht aus schwarzen Rudern von Nika Neelova, und bei Christian Hosp gab es einen indonesischen Dreiklang mit Handiwirman Saputra, Yuli Prayitno und Yusra Martunus. Die „Junge Kunst”-Ausstellung am Hamburger Bahnhof sei wohl schuld an der Ruhe am „Mittemeer“ (dem mediterranen Supermarkt neben den Hallen), hieß es dort. „Vielleicht laufen wir uns ja später noch über den Weg, immer ein bisschen schwierig wenn soviel Trubel ist“ wimmelte ein Hipster den anderen ab.

Vielleicht war der Trubel ja in der Heidestraße zu finden, zumindest lockte dort Elektromusik. Im Nieselregen prosteten sich Skinny Jeans und Garcon-Schnitte zu. Bei Gloria Berlin gab es dann Oliver Marks Porträtfotos von Künstlern zu sehen. Der Ai Weiwei sei schon oft angefragt worden, aber es gebe ja eine Edition von fünf, beruhigte der Galerist. Eine Halle weiter stand mutterseelenallein eine mit Soundboxen ausgestattete Panzerinstallation bei Infernoesque, die kurz zuvor noch Teil der Soundinstallation von Nik Nowak gewesen war. Ihr Benzingeruch reichte fast rüber zur Catering-Ecke, wo sich mittlerweile die längste Schlange des Abends gebildet hatte.