Tina Oelker - Hasenmanufaktur Hamburg

Hasen sind keine Kuscheltiere

Ob aus Plüsch oder Schokolade, wo man hinsieht: Hasen. Es ist nicht zu übersehen, Ostern steht vor der Tür. art sprach mit der Künstlerin und Hasenexpertin Tina Oelker über das Hasenmotiv in der Kunst, die Göttin Ostara und ihre persönliche Faszination für Meister Lampe.
Hasenkunst:Tina Oelker über den Hasen in der Kunstgeschichte

Tina Oelker in ihrer Hasenmanufaktur in Hamburg

Nicht nur in Supermarktregalen und Kinderzimmern tummeln sie sich. Ein Streifzug durch Literatur, Popkultur und Kunstgeschichte zeigt: Meister Lampe ist äußerst prominent. Er hoppelt durch Aesop-Fabeln, spielt in Comics und Filmen mit und versteckt sich in allen Epochen der Kunst. Von den großen Meistern bis zur zeitgenössischen Kunst – das Langohr ist ein beliebtes Motiv: So malte Meister Bertram im 14. Jahrhundert seine drei Hasen neben dem Kopf des Schöpfers.

1502 entstand mit Albrecht Dürers exakter Naturstudie "Junger Feldhase" das wohl bekannteste Tiergemälde der europäischen Kunstgeschichte. Joseph Beuys schloss sich mit einem toten Hasen in der Galerie ein und erklärte ihm die Bilder, mit der Vermutung, ein toter Hase begreife die Bedeutung eher als der gesunde Menschenverstand. Barry Flanagan schließlich verteilt seine Hasenskulpturen über den Globus. Eine echte Hasenexpertin ist die in Hamburg lebende Künstlerin Tina Oelker, die nicht nur das ehrgeizige Ziel verfolgt, 1000 Hasen zu malen – jeden Tag einen, sondern mit ihrem Buch "Auf Hasenjagd. Der Hase als Motiv in Kunst und Kultur" ihrem Lieblingstier auch wissenschaftlich auf den Pelz gerückt ist. art sprach mit ihr über das Hasenmotiv in der Kunst, die Göttin Ostara und darüber, ob es einen Osterhasen gibt.

Frau Oelker, glauben Sie an den Osterhasen?

Nein. Ostern ist ein heidnisches Fest, mit dem der Beginn des Frühjahrs gefeiert wurde. Beim Frühlingsbeginn geht es um Fruchtbarkeit und Vermehrung, und in dieser Zeit fängt die "Rammelzeit" an. Der Hase war schon immer ein Sinnbild für Fruchtbarkeit. Die Germanen glaubten unter anderem an die Göttin "Eostrae" oder "Ostara", viele nehmen auch an, dass der Begriff Ostern dort seinen Ursprung hat. Diese Göttin läutete in Begleitung eines Hasen das Frühjahr ein – und das war der Osterhase. Viele Zeichnungen und Malereien zeigen deshalb den Hasen zusammen mit Ostara. Denn damals hatte Kunst noch eine andere Funktion: die der Überlieferung.

Wie sind Sie eine Fachfrau für Hasen und Kunst geworden?

Natürlich habe ich in meiner Kindheit auf dem Land schon richtige Hasen gesehen. Aber ausschlaggebend war für mich, als ich 1994 hinter dem World Trade Center einen Brunnen mit einer riesengroßen Bronzestatue gesehen habe, die einen wilden, freien Feldhasen dargestellt hat. Damit fing meine Hasenjagd an. Später hat sich herausgestellt, dass die Arbeit von Barry Flanagan war. Als ich ein Diplomthema brauchte, habe ich entschieden, in die Hasenthematik tiefer einzusteigen, und dann mein "Hasendiplom" gemacht. Außerdem finde ich schon lange die Jagd sehr interessant. Ich habe einen starken Jagdinstinkt – und das als Frau in einer Großstadt. Da kam ich auf die Idee, das in der Malerei auszuleben.

Was ist so interessant an diesem Tier?

Der Hase ist ein graziles Tier. Ich finde ihn sehr ästhetisch. Darüber hinaus interessieren mich die vielen Facetten: Wie die Tatsache, dass es optisch keine Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Tieren gibt. Es gibt viele solcher Feinheiten, die ich sehr interessant finde, und die mir persönlich entsprechen. Der Hase ist ein wildes Tier, das man nicht domestizieren kann. Er braucht Raum, ist ein Einzelgänger und freiheitsliebend. Das ist doch ein Tier, das man einfach mit Kunst in Zusammenhang bringen muss.

Was ist die Symbolik des Hasen?

Die Symbolik hängt davon ab, was gerade an Glauben und Geisteshaltung vorherrscht. Bei den Griechen und Römern stand der Hase für Fruchtbarkeit und Schlüpfrigkeit. Er war ein Bote von Hermes und Merkur, von Aphrodite und Eros. Bei den Chinesen ist er ein Ying-Tier, das das Elixier der Unsterblichkeit mixt. Bei den Juden ist er das unreine Tier. Allgemein steht der Hase meistens für Fortpflanzung und Wiedergeburt. Er wird häufig als Mondtier bezeichnet und kann für das weibliche Prinzip stehen. Auch das Prinzip der Unsterblichkeit, der Auferstehung und der Ewigkeit taucht immer wieder auf. Der Hase ist der Bote der germanischen Frühjahrsgöttin, er verbindet das Göttliche mit dem Tierischen und steht für Fruchtbarkeit und Vermehrung. Der Hase kann auch als Friedenssymbol gedeutet werden. Diese Vorstellung hat mit Beuys zu tun: Er hat eine Nachbildung der Zarenkrone eingeschmolzen und vor Publikum einen Hasen daraus gegossen. In Deutschland denkt man heute vor allem an den Osterhasen.

Welche künstlerischen Positionen finden Sie besonders interessant?

Großartig fand ich Werner Büttners Hasen mit den Feuerlöschern als Zähnen. Das bekannteste Motiv ist wohl Dürers Hase. Der ist wirklich toll, weil er so detailliert und konzentriert ist. Es ist spannend, wie nah er damals dem Tier gekommen ist. Hasen lassen sich nicht einfach einfangen und abzeichnen. Das ist beeindruckend, ich glaube, er war der erste, der sich diesem Tier künstlerisch so intensiv nähern konnte. Wichtig war für mich auch Barry Flanagan und natürlich auch Joseph Beuys. Ich habe Beuys früher nie verstanden. Seine Arbeiten waren für mich nicht greifbar. Einen Zugang habe ich erst über den Hasen finden können.

Und was sind die postmodernen Hasen-Ikonen?

In der letzten Zeit gibt es viele Comics, insbesondere von Künstlerinnen, die die Hasen vermenschlichen. Auch im Design findet man viele Hasen. Und dann natürlich Bugs Bunny und Roger Rabbit. Überhaupt gibt es in der Filmgeschichte unheimlich viele Hasen. Heute ist der Hase recht kommerziell und wird als Kuscheltier oder Schoko-Osterhase verwendet.

Haben Sie denn auch einen Hasen zu Hause?

Nein, das geht nicht. Nicht nur, weil ich Allergiker bin. Ich würde keinen Hasen als Haustier halten wollen. Feldhasen lassen sich nicht einsperren, und das finde ich so sympathisch an ihnen. Ein eingesperrter Hase würde seinen Charme verlieren. Das wäre wie eine Vergewaltigung, er würde eingehen.

Und können Sie denn bei all der Faszination und Beschäftigung mit diesem Tier noch Hase essen?

Oh ja, das ist sehr lecker. Ich werde auch irgendwann mal einen schießen. Das gehört dazu. Ich bin da konsequent – Hasen sind keine Kuscheltiere.

"Tina Oelker, Hasenmanufaktur"

Nächster Bilder- und Liederabend: 18. April, 18 Uhr, Bacco, Poolstraße 20, Hamburg
http://www.tinaoelker.com/