Ai Weiwei - Podiumsdiskussion

Eine Ohrfeige, aus der man lernen sollte

Großer Andrang in der Berliner Akademie der Künste: Ein prominent besetztes Podium diskutierte die Verhaftung Ai Weiweis vor dem Hintergrund der Ausstellung "Die Kunst der Aufklärung" in Peking. Der Abend versprach viel Zündstoff – umso überraschender, dass schnell eine Art Konsens gefunden wurde
Großer Andrang in der Berliner Akademie der Künste:Podumesdiskussion: Ai Weiwei

40. Akademie-Gespräch in der Akademie der Künste Berlin zum Thema "Ai Weiwei und die Kunst der Aufklärung – Eine deutsche Debatte", von links sind im Bild Klaus-Dieter Lehmann, Egon Bahr, Claudia Henne, Hermann Parzinger, Klaus Schrenk, Tilman Spengler und Klaus Staeck zu sehen

Es kommt nicht so häufig vor, dass die Berliner Akademie der Künste ausverkauft ist und die Debatte auch außerhalb des Saals auf einem Bildschirm übertragen werden muss. Am Dienstag Abend wurde es ungewohnt eng in den großzügigen Räumen der Akademie am Pariser Platz, und die Menge der Kameras und Hörfunkmikrophone erinnerte eher an die Bundespressekonferenz als an eine der üblichen Kulturrunden.

Das verwundert nicht, denn der Abend hatte ein brisantes Thema: "Ai Weiwei und die Kunst der Aufklärung" hatte Akademiepräsident Klaus Staeck die kurzfristig organisierte Podiumsdiskussion betitelt. Zwei Ereignisse verbinden sich zu einer Problematik: Am 1. April hatte Außenminister Guido Westerwelle im Chinesischen Nationalmuseum in Peking die Ausstellung "Die Kunst der Aufklärung" eröffnet – ein diplomatisch-kultureller Akt, mit dem sich offen oder insgeheim die Hoffnung verband, zur Öffnung und Demokratisierung Chinas beitragen zu können. Kurz darauf wurde unter fadenscheinigen Vorwürfen der international berühmteste Künstler und Dissident Chinas verhaftet: Von Ai Weiwei fehlt seither jede Spur, man wirft ihm "Wirtschaftsverbrechen" und auch Obskures wie Ehebruch vor; weder wurde seine Familie informiert, noch scheinen die chinesischen Behörden der Weltöffentlichkeit gegenüber irgendeine Informationspflicht zu verspüren.

Hängen beide Ereignisse zusammen? Wurde Ai verhaftet, obwohl oder weil die Deutschen gerade so stolz darauf waren, im Herzen der chinesischen Hauptstadt europäische Werte vermitteln zu können? Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, brachte das allgemeine Gefühl auf den Punkt: "Die Verhaftung war eine Ohrfeige für uns. Die Chinesen haben den Deutschen nicht die Möglichkeit gelassen, ihr Gesicht zu wahren." Ein Teil der Aufregung, die Ais Verschleppung in Deutschland ausgelöst hat, hängt wohl mit dieser Machtdemonstration zusammen, die bei den deutschen Akteuren eine Art narzisstische Kränkung ausgelöst hat: Wie können die Chinesen nur so undankbar sein und uns dermaßen vorführen? Damit ist die Frage nach dem Sinn staatlich geförderter Renommee-Schauen natürlich nicht erschöpft.

Der Abend begann mit einen Statement des Kulturstaatsministers Bernd Neumann, das an Klarheit nichts zu wünschen übrig ließ. Neumann forderte die chinesische Führung auf, Ai "umgehend freizulassen", seine Verhaftung sei ein Anschlag auf die Menschenrechte und die Freiheit der Kunst. Sodann kritisierte er den Dresdner Museumsdirektor Martin Roth, der in Interviews den Eindruck erweckt hatte, Ai trage eine Mitschuld an seiner Verhaftung – das sei anbiedernd und eine Verhöhnung eines mutigen, bedeutenden Künstlers. Neumann wandte sich aber gegen die verschiedentlich erhobene Forderung, die Ausstellung zu schließen; stattdessen forderte er Nachbesserungen: Der Preis für Eintritt und Katalog sei zu hoch, das Begleitprogramm mangelhaft, die Schau in dem Riesengebäude schwer auffindbar. Man müsse versuchen, hier Verbesserungen zu erreichen. Damit hatte Neumann schon den Schritt zum Pragmatismus gemacht. Seine Rede hatte das Feld abgesteckt, das an diesem Abend nicht mehr überschritten wurde, er schien eine Art Konsens formuliert zu haben. Keiner der Diskutanten forderte eine Schließung der Ausstellung, man war sich weitgehend einig: Einiges ist schief gelaufen, man war zu naiv und muss daraus lernen.

Egon Bahr, der einst Willy Brandts Ostpolitik umsetzte und dem die Formel "Wandel durch Annäherung" zugeschrieben wird, plädierte dafür, eher hinter als vor den Kulissen für Menschenrechte einzutreten: "Wenn ich ein großes, mächtiges Land in seinem Prestigebedürfnis verletze, kann ich unter Umständen das Gegenteil von dem erreichen, was ich für die Menschen erreichen will." Klaus Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, warnte davor, Kunst als politisches Instrument einzusetzen, "wie sie sich damit in die Eigengesetzlichkeit der Politik begibt". Akademiepräsident Staeck forderte die deutsche Autoindustrie und namentlich den Ausstellungssponsor BMW auf, stärker für westliche Werte einzustehen. Der Schriftsteller und Sinologe Tillman Spengler schließlich entdramatisierte die Debatte, indem er auf die Fortschritte verwies, die seit Maos Zeiten in China gemacht wurden. Ihm selbst war von den chinesischen Behörden die Einreise zur Ausstellungseröffnung verweigert worden. Dennoch blieb Spengler nonchalant und gab die Parole aus, der kulturelle Dialog sollte trotz der Rückschläge "frisch und fröhlich" weiter geführt werden.

Von einigen engagierten Wortmeldungen aus dem Publikum abgesehen, war die Stimmung des Abends also eher abgeklärt als aufgewühlt. Ai Weiwei wurde wider jedes Recht verschleppt, der Protest dagegen eint alle, aber niemand wollte das Kind mit dem Bade ausschütten und die Ausstellung zurückholen. Aber eine Kunst-Schau als Politikersatz und interkulturelle Großlektion, so viel ist auch klar, wird es so bald nicht mehr geben.

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