Kuratieren - Nachruf

Frühstückst Du noch oder kuratierst Du schon?

Seit die Teilnehmer von sozialen Netzwerken ihre Informationen nicht mehr zusammenstellen, sondern "kuratieren", ist der Kunstszene ein zentraler Begriff abhanden gekommen.
Nachruf auf ein Zauberwort:"Kuratieren" im Trend

Kuratierte Aufschnittplatte eines unbekannten Metzgereifachbetriebes auf dem "Thüringer Wursttag"

Wenn man so will, ist auch dieser Text nicht geschrieben, sondern kuratiert. Aus den rund 75 000 Wörtern, die zur deutschen Sprache gehören, wurden bestimmte ausgewählt und andere weggelassen. Man sieht schon: Der Begriff befindet sich im Niedergang. "Kuratieren", das einstige Zauberwort der Kunstszene, ist unbrauchbar geworden.

Kuratiert wird heute nämlich alles Mögliche. Vor allem in der digitalen Welt. Die Flut von Tweets, Postings und Feeds ist unüberschaubar geworden, seit wir nicht mehr einzelne Webseiten ansteuern wie in der Frühzeit des Netzes. Der Content erreicht uns durch die sozialen Netzwerke. Wir abonnieren, kommentieren, folgen, retweeten, liken... Die Kommunikationsströme sind endlos verzweigt, und wer noch halbwegs den Überblick behalten will, der wählt aus. Beziehungsweise: Er kuratiert. So heißt es, wenn man mit Hilfe von Programmen wie "Flipboard" seine Inhalte ordnet und verwaltet.

Es gibt Webseiten, die keine oder wenige eigene Inhalte produzieren; stattdessen "kuratieren" deren Redakteure das, was ohnehin vorhanden ist. "Storify.com" etwa filtert aus dem Gesprächslärm der Social Networks die wichtigsten Nachrichten und Bilder zu den Topthemen des Tages heraus. Eine Boulevard-Seite wie "Buzzfeed.com" sucht aus dem Web absurde Bilder und Clips zusammen und ordnet sie unter möglichst aberwitzigen Gesichtspunkten: "Die 25 Bilder, auf denen Papst Benedikt besonders schwul aussieht" (weitere Beispiele für kuratierte Seiten in den Links).

Das Web ist also voller Kuratoren. Zuvor hatte das Fieber schon die Musikszene ergriffen, wo plötzlich Playlists, DJ-Sets oder gar Festivals nicht etwa zusammengestellt, sondern kuratiert wurden. Die Ausweitung des Begriffs hat begonnen, und ein Ende ist nicht abzusehen: Sind nicht auch Schaufenster kuratiert? Kuratiert man nicht jeden Morgen am Kleiderschrank sein Tagesoutfit? Sind nicht genau genommen auch Frühstück und Abendessen mehr oder weniger kenntnisreich und appetitlich kuratiert worden?

Die Inflation des K-Wortes trifft die Kunstszene zu einem ungünstigen Zeitpunkt. In den letzten zehn Jahren war der Kurator zu einer mächtigen Figur geworden. Auch die Kunstszene leidet am "Zu viel", seit sie nicht mehr auf wenige Zentren in Westeuropa und den USA beschränkt ist. Biennalen, Triennalen und andere Events gibt es auf der ganzen Welt, ebenso interessante Künstler. Der Kurator verdankt seinen Aufstieg der neuen Unübersichtlichkeit des weltweiten Kunstbetriebs. Zuletzt wirkten die kuratorischen Apparate der großen Ausstellungen schon ein wenig aufgebläht.

Heimliches oder offenes Vorbild der meisten Kuratoren ist der Schweizer Harald Szeemann (1933 bis 2005), der sich ironisch "Agentur für Geistige Gastarbeit" nannte. Er prägte das Berufsbild, nach dem der Kurator eben nicht nur ein Ausstellungsmacher war, sondern eine Art Meta-Künstler: Verstreute Kunstwerke führte er zusammen und ging mit ihnen um wie ein Erzähler mit seinen Figuren. Im besten Fall war das ganze mehr als die Summe der einzelnen Teile.

An Kunsthochschulen wie dem legendären Londoner Goldsmith’s College werden jedes Jahr Dutzende von Kuratoren ausgebildet. Sie sind diskursfest und mit allen Wassern zeitgenössischer Kunstpräsentation gewaschen. Sie eifern dem Vielflieger Hans Ulrich Obrist nach. Sie denken, sie hätten einen Traumberuf. Und sie müssen jetzt damit leben, das jeder dahergelaufene Smartphone-Besitzer täglich Dinge "kuratiert".

Und wer glaubt, diese Begriffsentwertung könne der Kunst nichts anhaben, sollte sich nur mal das traurige Schicksal eines anderen Begriffs vor Augen führen. Das "Gesamtkunstwerk" bezeichnete einmal Richard Wagners Konzept von der Synthese aller Künste. Heute wird das Attribut immer dann vergeben, wenn jemand sich besonders aufwändig kostümiert, wie etwa die Hamburger Drag Queen Olivia Jones. Früher hätte man sie "ein Original" genannt. Auch so ein Wort.