Galerie Kewenig - Berlin

Kunst im Galgenhaus

Nach über 25 Jahren zieht die Galerie Kewenig vom Rheinland nach Berlin und eröffnet nach einem "Warehouse" in Moabit nun das frisch für die zeitgenössische Kunst renovierte Palais Happe

Sie ist ein ehrwürdiges altes Kaliber. So bejahrt sogar, dass man die aus der Barockzeit stammende Eichentreppe für die älteste ihrer Art in Berlin hält.

Und wenn die einladende Treppe jetzt weitgehend knarzfrei und abgeschliffen in matter Noblesse im Zentrum des Bürgerhauses in der Brüderstraße 10 prunkt, dann hat man dies der ebenso grundlegenden wie sorgsamen Restaurierung des ganzen historischen Gebäudes zu verdanken.

Keine Frage, das nur durch zwei Häuser vom berühmten Nicolaihaus in Mitte gelegene Palais Happe ist eine architektonische Rarität der Fischerinsel. Seit Monaten mit der Instandsetzung befasst, erzählt der Restaurator Uwe Bennke: "Dieses Gebäude sollte ebenso wie das Nachbarhaus und die gegenüberliegenden Häuser zu DDR-Zeiten abgerissen werden. Letztlich konnten die Denkmalpfleger und einige andere, denen das Palais am Herzen lag, es aber durch ihr Engagement retten."
Seit dem 22. September beherbergt das 1650 erbaute und 1688 erweiterte, dann im Stilempfinden des Klassizismus entbarockisierte Stadtpalais eine der angesehensten deutschen Galerien. Die seit über 25 Jahren im Rheinland ansässige Galerie Kewenig hat sich das denkmalgeschützte Palais als neuen Hauptstandort gesichert. Eine Galerie mehr, die in Köln nun sämtliche Brücken hinter sich abgebrochen hat – Kewenig wird lediglich die Dependance in Palma de Mallorca weiter beibehalten. Die Luft in der Kölner Szene wird durch den Abgang der unter anderen auf etablierte Künstler wie Imi Knoebel, Jannis Kounellis und James Turrell abonnierten, ökonomisch erfolgreichen Galerie deutlich dünner werden.

Sie hätten schon vor einigen Jahren nach Berlin umziehen wollen, aber keine geeignete Immobilie gefunden, verlautet es aus der Galerie. Als dann dieser historisch einzigartige Bau zum Verkauf stand, griff man zügig zu. Das Grundstück gehört weiterhin der Stadt Berlin, Kewenig muss dafür gemäß des über 30 Jahre laufenden Vertrags Miete abführen. "Eigentlich suchten wir ursprünglich etwas Raueres, etwas Berlinspezifisches", sagt Michael Kewenig. "Die neue Galerie in der Brüderstraße entspricht vielleicht nicht den architektonischen Kategorien des 20. Jahrhunderts, aber unsere Künstler nehmen das Domizil gut auf. Einigen mögen die mit Gesimsen an der Decke ausgestatteten Räume vielleicht etwas zu ausdetailliert erscheinen, andererseits wurde die vorherige Galerie in Köln spätestens mit der dritten Soloausstellung für die einzelnen Künstler aufgrund ihrer Weitflächigkeit schwieriger." Und Kewenig verspricht, dass sich die Künstlerliste mit dem Umzug nach Berlin verjüngen wird: "Wir waren ohnehin nie an eine Schule, an eine programmatische Brücke gebunden." Im Dachgeschoss des Stadtpalais wird derzeit noch am Umbau zu einem privaten Appartement nebst Künstlerunterkunft gearbeitet

Dass das Palais unter den Argusaugen der Denkmalschutzbehörde nun nuanciert in den ursprünglichen Zustand der klassizistischen Ära versetzt und rückgebaut werden konnte, ist der ästhetisch wie finanziell hohen Investitionsbereitschaft Kewenigs zu verdanken. Kalkanstriche in dezenten Hellgrautönen modulieren mit subtiler Leuchtkraft die Fassaden und auch Innenräume, der schädliche zementhaltige, weil nicht bewegungsdynamische Putz einer Restaurierung aus DDR-Zeiten wurde entfernt. Im Hinterhof versucht man gerade den historische Platz mit originalen Pflastersteinen zu rekonstruieren. Dort soll auch der über die Bauforschung aufgefundene barocke Brunnen spätestens vom nächsten Sommer an wieder plätschern. Kunsthistorisches Highlight ist allerdings ein Empfangsraum gleich rechts vom Eingang, dessen nur mehr fragmentarisch erhaltenes, barockes Deckengemälde in DDR-Zeiten plump überrestauriert wurde. Die ergänzten Putti grinsten etwas zu prosaisch dreist vom mit Girlanden umkränzten und stuckierten Plafond, waren eher "Bengel als Engel", wie Michael Kewenig süffisant anmerkt. Restaurator Bennke glaubt das Deckenfresko dem auch maßgeblich am Berliner Stadtschloss beteiligten niederländischen Malers Augustin Terwesten zuschreiben zu können. Nicht zuletzt hatte hier der Bauherr Heinrich Philipp von der Happe sein auch zu Repräsentationszwecken genutztes Amtszimmer. Happe war ein sehr hoher Steuerbeamter am preußischen Hof. Über das, wenn auch nur punktuelle, Engagement des Hofmalers wollte Kammerrat Happe sich wohl weitere aristokratische Reputation verschaffen.

Zur Eröffnung greift man bei Kewenig auf einen der Galerie seit längerem verbundenen französischen Künstler zurück. Der Geschichtsbeschwörer Christian Boltanski erinnert mit seiner Ausstellung "Große Hamburger Straße" nicht nur an ein Projekt, das er 1990 kurz nach dem Mauerfall unter der Ägide des Dramatikers Heiner Müller im ehemaligen Scheunenviertel in Berlin realisierte, sondern das auch seiner ganzen Künstlervita einen motivischen Schub verlieh. Bei Recherchen zu einem 1943 zerbombten "Missing House" stieß er unter anderem auf ein Gruppenfoto mit Schulmädchen einer Jüdischen Schule, deren teils unenthüllbare Identität und schleierhaftes Schicksal ihn nicht mehr losließen. In der für ihn mittlerweile symptomatischen Vorgehensweise fotografierte Boltanski das Bild ab, vergrößerte es, um es erneut abzufotografieren und Teile zu vergrößern, so dass in der Folge individuell Kenntliches wie im Dunst der Historie verschwindet. Neben den derart auratisch verschwommenen, großformatigen Mädchenbildern wird man auch das für ihn persönlich wertvolle Original ausnahmsweise in einer Vitrine präsentiert finden.

Doch damit nicht genug der für die Berliner Galerienlandschaft positiven Kewenig-Nachrichten. In Moabit wurde zudem ein sogenanntes "Warehouse" eröffnet: Es handelt sich um ein von Vattenfall übernommenes altes Umspannwerk, dessen Fassade und teils wandhoch gekachelte Innenräume ein wundervolles Beispiel vom Berliner Neoklassizismus um 1900 abgeben. Dort im Schaulager sollen wie im Moment von Boltanski, Kounellis und Kimssooja auch größere Installationen präsentiert werden, deren Format die barocken Gemächer auf der Fischerinsel sprengen würde. Auf dem Bürotisch von Michael Kewenig sieht man auf einem Katalogstapel demonstrativ einen verschnörkelter Silberlöffel aufgesockelt, der bei den Umbauarbeiten der neuen Galerie gefunden worden sein soll. Ein skurriler Verweis, dass das Palais Happe auch als Berliner Galgenhaus in die Geschichte einging, weil eine dort seinerzeit beschäftigte Magd für den angeblichen Raub eines Silberlöffels drakonisch zum Tode verurteilt wurde. Dass Kewenigs Fundstück authentisch ist, darf stark bezweifelt werden. Vor mangelndem Zuspruch in der Hauptstadt fürchtet sich Michael Kewenig jedenfalls nicht: "Unlängst habe ich in einer Zeitung gelesen, dass Berlin sogar Rom an Touristenaufkommen überrundet hat – darunter sind auch Teile unserer Klientel."

Christian Boltanski: "Große Hamburger Straße"

21. September bis 9. November,
Galerie Kewenig,
Berlin
http://www.kewenig.com

Mehr zum Thema auf art-magazin.de