Bookmarks - Mai

Die Buchtipps des Monats

Fünf Neuerscheinungen, ausgewählt und besprochen von art-Mitarbeiterin Ulrike von Sobbe und Autor Peter Meyer: versponnene Performances von Yoko Ono, analytische Gedanken zu Cyberfaces von Hans Belting und Fotografien der Neuen Sachlichkeit von Christian Schad.

Yoko Ono: Half-A-Wind Show.

Viele kennen sie bis heute nur, weil sie einst die Beatles auseinander gebracht haben soll.

Doch Yoko Ono war bereits eine international anerkannte Künstlerin mit "poetischen Ideen, klugen Ideen, verrückten Ideen" (so die Kuratorin Ingrid Pfeiffer), als sie 1966 in einer Londoner Galerie John Lennon kennenlernte. Vor allem als avantgardistische Musikerin und Performance-Künstlerin machte sie sich einen Namen. Daneben arbeitete sie als Filmemacherin, engagierte sich als Feministin und Pazifistin. Zu ihrem 80. Geburtstag ist die zierliche Japanerin nun mit einer Retrospektive in der Frankfurter Schirn samt Begleitbuch gewürdigt worden: Zu besichtigen ist in dieser ersten umfassenden Publikation über ihre künstlerische Arbeit ein ebenso sperriges wie gedankenschweres Konzept-Werk, in dem immer wieder Momente von phantastischer Sinnlichkeit aufblitzen.

Prestel Verlag. 208 S., zahlr. Abb., 39,95 Euro

Hans Belting: Faces – Eine Geschichte des Gesichts

"Die unterhaltendste Fläche auf der Erde für uns ist die vom menschlichen Gesicht", notierte der Göttinger Gelehrte Georg Christoph Lichtenberg im 18. Jahrhundert in seinen famosen "Sudelbüchern"– entsprechend weit holt der Kunsthistoriker und Medientheoretiker Hans Belting aus, um jetzt die erste umfassende "Geschichte des Gesichts" vorzulegen. Unterhaltend ist ihm sein ambitioniertes Unternehmen, das von den Felsenbildern der Steinzeit bis zu den Cyberfaces des 21. Jahrhunderts reicht, allerdings nicht durchweg geraten; zu gedanken- und faktenreich ist das Thema, das der inzwischen 77-jährige Autor da angegangen ist, und so steht dem Leser eine anstrengende, aber dennoch höchst lohnende Lektüre bevor. Fazit des souveränen Diskurses, der die Rolle der Maske und der Porträtmalerei ebenso wenig auslässt wie die der Fotografie und des Film: Bis heute widersetzt sich das lebendige Gesicht allen Versuchen, es im Bild zu bannen – und just aus diesem Scheitern beziehen die Versuche der Darstellung ihre Spannung.

C. H. Beck Verlag. 343 S., 134 Abb., 29,95 Euro

Max Ernst. Retrospektive.

"Dass es ihm geglückt ist, sich nicht zu finden", erklärte er ebenso bescheiden wie selbstbewusst, "betrachtet Max Ernst als sein einziges Verdienst." Und so nutzte der 1891 im rheinischen Brühl geborene Lehrersohn sein langes, wechselvolles Leben (er starb 1976 in Paris) denn auch zu immer neuen Aufbrüchen und Grenzüberschreitungen. Der vielseitige Autodidakt, der nie eine Kunstakademie besuchte, provozierte – nach expressionistischen Anfängen – als Dadaist, ehe er in den Dreißigern zum Star des Surrealismus wurde, er erfand neue Techniken wie die Frottage, schuf Collagen und Plastiken und trat in einem Bunuel-Film als Räuberhauptmann auf. Mit knapp 200 Exponaten und einem opulentem Katalogbuch dokumentiert die Fondation Beyeler (vom 26. Mai bis 28. September) – nach der Station in der Wiener Albertina – einen repräsentativen Querschnitt durch das Werk des grandiosen Kunstrevolutionärs: bis heute ein verstörendes aber zugleich faszinierendes Erlebnis.

Hatje Cantz Verlag. 352 S., 343 Abb., 49,80 Euro

Christian Schad: Werkverzeichnis in 5 Bänden. Bd 2: Photographie

Wenn man in den zwanziger Jahren schon jemanden "cool" gefunden hätte – Christian Schad wäre gewiss dabei gewesen. So klinisch kühl und genau wie er brachte seinerzeit kaum jemand seine Personen auf die Leinwand; nachzuprüfen im 2008 erschienenen ersten Band seines (auf fünf Bände angelegten) Werkverzeichnisses. Jetzt gibt es einen eher unbekannten Schad zu entdecken: Band zwei stellt die Fotografien des 1894 geborenen Künstlers vor. Und siehe da – auch diese um 1934/35 entstandenen Aufnahmen zeigen Schad als Vertreter der "Neuen Sachlichkeit". Ob Stadtbilder oder Porträts, Marktszenen oder abstrakte Impressionen: Der analytische Blick des Mannes, der sich bald darauf dem Magischen Realismus zuwenden sollte, ist noch unübersehbar.

Wienand Verlag. 256 S., 262 Abb., 68 Euro

Frank Stella: Retrospektive

Angefangen hat er ganz pur und minimalistisch. Mit seinen düsteren Black Paintings wurde der gerade mal 22-jährige Frank Stella Ende der fünfziger Jahre zum Star der New Yorker Kunstszene. Doch rasch hatte er genug von seinen monochromen Meditationen und ging daran, sich in den nächsten fünf Jahrzehnten immer wieder neu zu erfinden: Kunterbunte geometrische Konstruktionen wuchsen alsbald auf seinen Leinwänden, und der Maler, der schon früh sein lapidares Credo "What you see is what you see" verkündet hatte, wurde zum Virtuosen der Abstraktion und des Ornaments. Nur folgerichtig, dass er dabei auch die Zweidimensionalität überwand und raumgreifende Skulpturen entwarf, deren barocker Farbenrausch den Betrachter oft geradezu überwältigt. Inzwischen zählt der 76-Jährige zu den prägenden Künstlern des 20. Jahrhunderts: ein Rang, den das Kunstmuseum Wolfsburg 2012 mit einer großen Retrospektive bestätigte und den auch der Begleitband – trotz unvermeidlicher Einbußen in der Darstellung –dokumentiert. Eindrucksvoll für alle, die sich mit Werk Stellas in all seinen Facetten vetraut machen möchten.

Hatje Cantz Verlag. 312 S., 321 Abb., 49,80 Euro

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