Hide and Seek - Washington

Auf Hexenjagd

Es scheint, als ob in den USA die Kulturkriege wieder ausgebrochen sind: Liberale Kunst-Stiftungen und Museen wehren sich gegen die Zensur eines Videos. Zuvor hatten konservative Sittenwächter gegen ein Video des Künstlers David Wojnarowicz protestiert, bis es aus einer Ausstellung der National Portrait Gallery entfernt wurde
Zensiertes Video:Nachwehen des Kunstskandals

Kreuz des Anstoßes war die Arbeit von David Wojnarowicz: "A Fire in My Belly, A Work in Progress", 1986–87, Super 8 übertragen auf DVD, 13 min

„Pro-Ameisen-Kriechtiere“ nannte der Präsident der obskuren Sittenwächter-Vereinigung "Catholic League" die Demonstranten; auf diesem Niveau bewegt sich die Kulturdebatte inzwischen in den USA. Hunderte von Menschen waren in New York im Protest gegen die Zensur in der zur staatlichen Kulturbehörde Smithsonian Institution gehörigen National Portrait Gallery von Washington auf die Straße gegangen. Ein absurder Fall, den der Direktor der Portrait Gallery, Martin Sullivan, so gern als kleine Anekdote abtun würde. Doch die Washingtoner Zensur-Posse schlägt immer größere Wellen.

Es geht um ganze 11 Sekunden in einem Film des vor 18 Jahren verstorbenen New Yorker Künstlers David Wojnarowicz. Mit "A Fire in My Belly" hatte er 1987 auf die Aids-Krise reagiert. Er selbst war HIV-positiv und als sein Lebensgefährte, der Fotograf Peter Hujar, an Aids starb, machte Wojnarowicz seinen Film, in dem er die Ignoranz der Gesellschaft, den Horror des Sterbens und Grausamkeit der Krankheit anprangerte. Die Arbeit ist Teil der Gruppen-Ausstellung "Hide/Seek" in der National Portrait Gallery, in der sich Künstler wie Andy Warhol, Jasper Johns, Agnes Martin oder David Hockney mit dem Thema Homosexualität und Sexualität auseinandersetzen. Die kurze Einstellung, über die sich der erzkonservative Sprecher der "Catholic League", William Donohue, und zwei Washingtoner Senatoren aufregen, zeigt Ameisen, die auf einem Kruzifix herumkrabbeln. Der Sprecher des Repräsentantenhauses, John Boehner, nutzte die Gunst der Stunde, um gegen Homosexuelle zu wettern und nannte den kompletten Film einen Missbrauch von Steuergeldern – dabei wurde die Ausstellung mit privaten Mitteln finanziert. Man sollte denken, dass solche Ausfälle in heutigen Zeiten keine Wirkung zeigen. Aber nicht in Washington, wo der Einfluss der Hardliner groß ist. "A Fire in My Belly" verschwand aus der Ausstellung mit der Begründung, dass der Film, so Direktor Sullivan, für manche christliche Besucher beleidigend sein könnte – schließlich hatte man gerade Weihnachtszeit.

Unter den Demonstranten, die sich in New York versammelten, war auch die Direktorin des New Museum, Lisa Phillips. Ihr Museum zeigt als Zeichen des Protests Wojnarowiczs Video, ebenso wie andere Institutionen wie das ICP Museum in New York, das Warhol Museum in Pittsburgh, das Hammer Museum und die CB1 Gallery in Los Angeles. Außerdem läuft der Film auf diversen Kanälen im Internet. Washingtons hinterwäldlerische Sittenwächter haben bislang mit ihrer Schwulen-Hetzkampagne erreicht, was ihnen bestimmt nicht gefallen wird: Wojnarowiczs Arbeit bekommt so viel Beachtung wie nie zuvor.

Die Warhol Foundation droht, Spenden an die Smithsonian Institution zu streichen. Die Stiftung von Robert Mapplethorpe folgte dem Beispiel. Die Calder Foundation strich eine geplante Leihgabe. Eine verlogene Hexenjagd nannte New Yorks Kunstkritiker Jerry Saltz die Kampagne der Rechten und schrieb den Sittenwächtern in einem offenen Brief, dass sie auf Grund der anrüchigen Motive auf alten griechischen Vasen oder bei Picassos Werken bitte auch das Metropolitan Musem überprüfen sollten – unschuldige Kinder könnten auf dem Weg zum Tannenbaum im Museum verdorben werden. Ernst ist es dem New Yorker Künstler AA Bronson, der mit einem Foto seines an Aids verstorbenen Partners Felix Partz in "Hide/Seek" vertreten ist. Bronson will seine Arbeit als Zeichen der Solidarität zu David Wojnarowicz aus der Ausstellung entfernen lassen. Die Nation Gallery of Canada, die das Foto dem Museum als Leihgabe überließ, stellt sich hinter den Künstler. Doch das Smithsonian in Washington weigert sich, AA Bronsons Anliegen nachzukommen. Die Arbeit soll bis zum Ende der Ausstellung im Februar hängen bleiben.