Lucian Freud - London

Abschied von einer Legende

Er galt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler der Welt. Am Mittwoch starb Lucian Freud in London. Ein Nachruf von art-Korrespondent Hans Pietsch, London.
Nachruf:Am Mittwoch starb Lucian Freud

Lucian Freud in seinem Atelier

Der englische Maler Lucian Freud ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Wie sein New Yorker Galerist William Acquavella mitteilte, starb er am Mittwochabend nach kurzer Krankheit in seiner Londoner Wohnung. Der 1922 in Berlin als Enkel von Sigmund Freud geborene Künstler galt als einer der bedeutendsten figurativen Maler der Nachkriegszeit.

Vor allem seine mit schonungsloser Offenheit gemalten Porträts und Aktbilder machten ihn bekannt und wurden von Sammlern zunehmend geschätzt. Sein Gemälde "Benefits Supervisor Sleeping", das Porträt einer nackten übergewichtigen Frau auf einem Sofa, wurde 2008 in New York für 33,8 Millionen Dollar versteigert, das damals teuerste Bild eines lebenden Künstlers. Tate-Direktor Sir Nicholas Serota sagte von Freud: "Sein Spätwerk braucht den Vergleich mit den größten figurativen Malern anderer Epochen nicht zu scheuen."

Im Alter von zehn Jahren kam Freud mit seinem Vater, dem Architekten Ernst Freud, seiner Mutter Lucie und seinen zwei Brüdern 1933 nach England. Nach dem Schulabschluss besuchte er die Central School of Arts and Crafts, diente kurz in der britischen Marine und widmete sich dann ganz der Malerei. Mit 21 hatte er in London seine erste Ausstellung in der Galerie Lefevre, in der er auch eines seiner später berühmtesten Gemälde zeigte, "The Painter’s Room". Zwei Ehen, mit Kitty Garman, der Tochter des Plastikers Jacob Epstein, und Lady Caroline Blackwood, sowie zahllose Liebschaften führten zu einer Reihe von Kindern, unter ihnen die Schriftstellerin Esther und die Modeschöpferin Bella Freud.

Freuds Modelle waren hauptsächlich Freunde und Mitglieder seiner Familie. Sie mussten of monatelange Sitzungen über sich ergehen lassen, ehe er sich mit seiner Arbeit zufrieden erklärte. Einmal holte er den Duke of Devonshire ins Atelier zurück, weil ihm das Seidenhemd des Herzogs nicht gelungen zu sein schien. "Rembrandt hätte das auch getan, und ich werde es verdammt auch tun", sagte er. Schon früh war es ihm möglich, nur das zu malen, was ihn interessierte. "Meine Arbeit ist rein autobiografisch", sagte er, "Sie handelt von mir und meiner Umgebung." Sein Ziel war nicht zu schmeicheln, sondern bis zur Brutalität offen zu sein und darzustellen, was er vor sich hatte. Eines seiner berühmtesten Modelle war der schwergewichtige Transvestit und Nachtklubtänzer Leigh Bowery, den er über Jahre immer wieder in den verschiedensten Posen porträtierte. Auch Königin Elisabeth II. verschonte er nicht und ließ sie so alt aussehen, wie sie 2002 war. Seine Kritiker rügten die Uniformität seiner Porträts, auf denen er nicht die Unterschiede zwischen Individuen vorführe, sondern deren traurige Ähnlichkeiten. Das zeigen auch die oft recht anonymen Titel seiner Werke, als seien sie Fingerübungen, und nicht Darstellungen von echten Menschen.

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