Der Turner-Raub - Interview

Der Fall der gestohlenen Turner-Bilder

Im Sommer 1994 wurden zwei Gemälde des englischen Romantikers William Turner sowie eines von Caspar David Friedrich aus der Frankfurter Schirn Kunsthalle gestohlen, an die sie für die Ausstellung "Goethe und die Kunst" ausgeliehen waren. Alle drei Kunstwerke wurden ihren rechtmäßigen Besitzern, der Londoner Tate und der Hamburger Kunsthalle, wieder zurückgegeben. Die Art und Weise, wie die Tate ihre Turners zurückbekam, ist bis heute nicht unumstritten. Sandy Nairne, Direktor der National Portrait Gallery, der damals als Programmdirektor der Tate die Verhandlungen führte, hat jetzt ein Buch über die Affäre geschrieben. art-Korrespondent Hans Pietsch sprach mit ihm.
Kunstkrimi:Das Buch über die Suche der gestohlenen Turner-Bilder

Nach ihrer Rückgabe werden die Turner-Bilder in der Tate vermessen, um neue Rahmen zu erhalten

Sandy Nairne, wie kam es, dass Sie zu einer Schlüsselfigur in diesem Kunstkrimi wurden?

Eigentlich durch Zufall: I0n der Nacht vom 28. Juli 1994 bekam ich einen Anruf von Nick Serota, dem Direktor der Tate. Er erzählte mir die traurige Nachricht. Es war klar, dass jemand von der Tate umgehend hinfahren musste. Er konnte nicht, also sagte er zu mir: "Bring Deinen Pass mit zur Arbeit am Morgen. Du fliegst nach Frankfurt." So wurde ich zur Bezugsperson in der Tate, bei der alle Fäden zusammenliefen.

Was war das für ein Gefühl, als Sie in der Frankfurter Schirn die leere Wand sahen, an der die Turner Gemälde gehangen hatten?

Das war schrecklich. Die leere Wand starrte mich an – da hatten sie gehangen, und keiner wusste, was mit ihnen passiert war. Ein echter Schock. Die Mitarbeiter der Schirn waren ebenso schockiert und voller Scham und Reue.

Hatten Sie das Gefühl, dass es ziemlich einfach war, die Bilder zu stehlen?

Nein, keineswegs. Die Sicherheitsvorkehrungen in der Schirn waren völlig in Ordnung. In meinem Buch beschreibe ich aus verständlichen Gründen nicht, wie der Diebstahl genau durchgeführt wurde, doch es ist klar, dass er sorgfältig geplant war. Die Diebe brachen nicht ein, sondern aus.

Neben den Turners und dem Caspar David Friedrich hing ein sehr viel wertvollerer Raffael, den die Diebe auch hätten stehlen können. Heisst das, dass sie gezielt auf die drei Werke angesetzt wurden?

So kann man das nicht sagen. Warum Turner und Friedrich? Weil sie kleiner sind? Weil ein Turner auf dem Plakat für die Schau abgebildet war? Wir wissen es einfach nicht, denn wir wissen nicht, wer den Auftrag gab.

Was genau war Ihre Rolle?

Ich war der Koordinator in der Tate. Die eigentliche Detektivarbeit leisteten die Polizei und die Staatsanwaltschaft in Frankfurt, aber auch Mark Dalrymple, der erfahrene Schadensregulierer der Versicherung, der bis zum Schluss eine wichtige Rolle spielte. Er kümmerte sich etwa um die vielen falschen Fährten, Leute, die für Geld angeblich Informationen über den Verbleib der Bilder weitergeben wollten.

Sie bekamen auch einen solchen Anruf.

Richtig. Ein gewisser Mr. Rothstein wollte 30.000 Pfund für die Rückgabe der Bilder. Nach längeren Verhandlungen entpuppte er sich als junger Nigerianer, der auf die Schnelle Geld machen wollte.

Die Identität der drei eigentlichen Diebe war relativ schnell bekannt, und sie wurden dann auch zu Gefängnisstrafen verurteilt. Aber sie sagten weder, wo die Bilder waren, noch wer ihnen den Auftrag gegeben hatte.

Genau. Es gab Spekulationen – mächtige Unterweltbosse, die serbische Mafia – aber nie schlüssige Beweise. Und erst fünf Jahre nach dem Diebstahl gab es, nach vielen falschen Informationen und Fehlschlägen, ernstzunehmende Hinweise auf den Verbleib der Werke. Es handelte sich da wohl nicht mehr um die ursprünglichen Auftraggeber, sondern um andere Personen, wer immer sie auch waren.

Sie wissen es nicht?

Nein, ich nicht. Aber ich gehe davon aus, dass die Frankfurter Staatsanwaltschaft es weiß. Denn ein Grund dafür, dass die deutschen Behörden dem Deal zustimmten, also der Übergabe von Geld, war, dass es für die weitere Fahndung nützlich sein würde. Sie informierten die Londoner Polizei, dass sie einer Person Straffreiheit zusichern würden, weil er entscheidende Hinweise geben, und möglicherweise die Rückgabe in die Wege leiten könne.

Diese Person war der Frankfurter Anwalt Edgar Liebrucks?

Ja. Er leistete erstaunliche Arbeit, denn für ihn war seine Rolle als Mittelsmann nicht einfach. Ich glaube, er sah es, wie wir alle, als seine Pflicht an, die Bilder dem rechtmäßigen Besitzer zurückzuerstatten.

Ausserdem waren noch zwei ehemalige Beamte der Londoner Polizei maßgeblich beteiligt. Wer bezahlte die?

Die Tate, und das fiel zeitlich zusammen mit dem Deal, den wir mit der Versicherung aushandelten.

Das war ein äusserst ungewöhnliches Abkommen. Uwe M. Schneede, der damalige Leiter der Hamburger Kunsthalle, der der gestohlene Friedrich gehörte, nannte es "traumhaft schlitzohrig".

Wir kauften 1998 die Besitzrechte für die Turners von der Versicherung zurück. Sie waren für jeweils 12 Millionen Pfund versichert, die Versicherungsprämie hatte die Schirn übernommen. Ein Jahr nach dem Diebstahl wurden die 24 Millionen an die Tate ausbezahlt und auf ein Konto gelegt. An das Geld konnten wir erst nach der Rückführung der Bilder heran, die dann aber der Versicherung gehörten. Dann hätten wir das Geld gegen die Bilder austauschen können. Mit der Hilfe des britischen Schatzamtes handelten wir aber nun mit dem Versicherer eine Ablösesumme von 8 Millionen Pfund aus. Die Versicherung stimmte zu, weil sie nicht erwartete, dass die Bilder jemals wieder auftauchen würden.

Was sie aber taten.

Genau. Und von diesem Augenblick an hatte die Versicherung kein Interesse mehr an den Bildern. Wir von der Tate waren nun gefordert, uns gemeinsam mit den Behörden um ihre Auffindung zu bemühen.

Die Tate besaß also damals 18 Millionen Pfund: 24 Millionen Versicherungssumme plus 2 Millionen Zinsen, minus 8 Millionen für den Rückkauf. Was geschah damit?

7 Millionen wurden für den Kauf eines Lagergebäudes ausgegeben, und nicht für die Tate Modern, wie damals spekuliert wurde. Der Rest stand für andere Transaktionen zur Verfügung. Etwa die Zahlung von Geldern an Edgar Liebrucks für Informationen zur Rückführung der Werke.

Ist das nicht, wenn nicht illegal, so doch zumindest fragwürdig? Sie zahlten praktisch Lösegeld für die Bilder.

Nein, wir zahlten für Informationen, die die Rückführung der Bilder ermöglichten.

Wieviel zahlten Sie denn?

Zweimal 5 Millionen D-Mark.

Und an wen ging das Geld?

Wir zahlten es an Edgar Liebrucks. Was er damit machte, wissen wir nicht.

Aber Ihnen muss doch klar gewesen sein, dass wer auch immer die Bilder besaß, sie nur gegen Geld herausgeben würde?

Das ist möglich, aber wir wissen es nicht mit Sicherheit. Das war natürlich alles rechtlich abgesichert: ein Londoner Richter entschied in einer Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit, was wir tun konnten und was nicht. Sämtliche Behörden in Deutschland und England waren informiert, ebenso unsere Regierung.

Wie war das für Sie, als sie im Frühjahr 2000 vor dem ersten Turner standen – "Schatten und Dunkelheit"?

Natürlich phantastisch, und dazu war das Bild auch in perfektem Zustand. Ich hatte natürlich auch Angst, dass es sich möglicherweise um eine Kopie handeln könnte. Aber unser Chefkonservator, der mich begleitete, versicherte mir, dass es das Original war. Ein alter Freund wiedergefunden.

Und Sie sind sicher, dass niemand weiss, an wen das Geld ging?

Wir nicht. Aber ich bin sicher, wenn Sie die Staatsanwaltschaft in Frankfurt fragen – die werden es zwar nicht preisgeben, aber mir ist klar, dass die sehr viel wissen. Denn die versicherten, dass sie sich auf die Spur des Geldes setzen würden.

Und es ist richtig, dass Sie das Bild als ‘Landschaft aus dem 19. Jahrhundert’ nach England einführten?

Ja, das ist richtig. Und auch, dass wir seine Existenz geheimhielten.

Warum?

Die Verhandlungen über das zweite Bild waren so delikat, dass wir beschlossen, nichts zu sagen. Um diese nicht zu gefährden. Es ist eine Frage des Vertrauens. Wenn das gestört ist, geht gar nichts mehr. Die Polizei war auch unserer Meinung.

Und Sie führten auch die Presse an der Nase herum, die davon Wind bekommen hatte.

Nein, das stimmt nicht. Wir verfassten zwar eine dementsprechende Pressemitteilung, die aber nie rausgegeben wurde.

Und dann kam auch das zweite Bild “Licht und Farbe” zurück.

Ja. Fünfmal dachten wir, jetzt ist es soweit, und wurden enttäuscht. Zweimal stand sogar schon ein Lieferwagen wartend vor der Tür, doch es kam nicht. Ich hatte wirklich schon die Hoffnung aufgegeben.

Im Dezember 2002 veröffentlichten Sie dann eine diesmal korrekte Pressemitteilung: beide Gemälde sind wieder zurück.

Ja, glücklicherweise. Große Freude bei allen. Ich war damals schon nicht mehr bei der Tate, sondern hatte meinen jetzigen Posten angetreten, Direktor der National Portrait Gallery.

Warum machten Sie trozdem weiter?

Ich stand den Verhandlungen am nächsten, und da war es eigentlich sinnvoll, dass ich weitermachen würde, wohlgemerkt unbezahlt. Mir wurde erlaubt., später ein Buch über die Geschichte ziu schreiben.

Und warum wollten Sie ein Buch schreiben?

Es war zunächst eine Art Katharsis. Nach mehr als acht Jahren Schweigen und Geheimnistuerei einfach die Geschichte zu erzählen, wie ich sie erlebt hatte. Dann kam hinzu, dass mich die ganze Problematik Kunstraub zu interessieren begann – Museumssicherheit, der Mythos des Kunstdiebs.

Das Motiv für den Diebstahl ist nach wie vor im Dunkeln?

Ja. Es ist aber bekannt, dass Kunst als Sicherheit für andere illegale Transaktionen gestohlen wird. Wir wissen es nicht. Eines ist sicher: Die Turners wurden nicht für einen mythischen Gangster-Sammler gestohlen.

Wieviel hat der Spaß die Tate nun gekostet?

Etwa 3,5 Millionen Pfund – 3,2 Millionen als Bezahlung für Informationen und 300 000 sonstige Ausgaben.

Gut angelegtes Geld?

Auf jeden Fall.

Sandy Nairne: Art Theft and the Case of the Stolen Turners.

Reaktion Books. Erscheinungsdatum: 21. August 2011

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