Franco Stella - Berlin

Bedingt Planungsbereit

Der Architekt des Berliner Schlossneubaus Franco Stella hatte nur einen fest angestellten Architekten und hätte am Wettbewerb für das Stadtschloss nicht teilnehmen dürfen
Neue Dokumente:Zweifel an Franco Stella

Der italienische Architekt Franco Stella wartend im Audimax der Humboldt Universität in Berlin auf der Bühne. Stella stellte dort im Mai seine Pläne für das Schloss vor, nun gerät er erneut unter Kritik

Um das Berliner Stadtschloss tritt keine Ruhe ein. Zwar hat Architekt Stella Ende Mai die Pläne für den Bau vorgestellt – inklusive Dachcafé. Der Stiftungsrat hat den Bauplänen zugestimmt. Doch der Streit um das Renommierprojekt könnte nun in eine neue Runde gehen. art liegen zum ersten Mal Dokumente der italienischen Behörden vor, die belegen, dass Architekt Franco Stella lediglich für einen Architekten Sozialabgaben abgeführt hat. Stella hat damit die Voraussetzungen zur Teilnahme am Wettbewerb für den Schlossentwurf nicht erfüllt.

Bisher gab es starke Hinweise, dass Stella die Teilnahmebedingungen nicht erfüllt hatte, aber eben keine Dokumente, die dies belegten. Nun liegt art ein Auszug des italienischen Nationalinstituts für soziale Fürsorge, der staatlichen Pensionskasse INPS, vor. Der dokumentiert, dass Stella nicht berechtigt war, am Wettbewerb des Bundesbauministeriums teilzunehmen. Denn dafür hätte er in den Jahren 2004 bis 2006 mindestens drei festangestellte Architekten beschäftigen müssen. Der Auszug aus der Pensionskasse zeigt aber, dass er damals nur für einen Architekten Sozialabgaben gezahlt hat, den Architekten Michelangelo Zucchini – für eine Halbtagsstelle. Dessen Name taucht auch in Stellas Werkverzeichnis in diesen Jahren auf, als einziger Mitarbeiter. Es gab also
keine weiteren Festangestellten im Büro von Franco Stella. Selbst 2009, als er schon am Schlossprojekt arbeitete, beschäftigte Stella nur eine weitere Architektin, und das auch nur halbtags.

Gleichzeitig attackiert auch der Berliner Architekt Walter Noebel die Wahrheit der Aussagen von Franco Stella. Auf dem Bewerberbogen musste Stella auch ein Referenzprojekt angeben mit mehr als fünf Millionen Euro Bausumme, bei dem er mindestens die "Vorplanung", also "Leistungsphase 2" in wesentlichen Teilen ausgeführt haben musste. Stella gab das Projekt der Messe von Padua an. Genau das "wesentlich" stellt Walter Noebel bei der Messe in Frage. "Die Architektenleistungen zum Wettbewerb, also Leistungsphase 2, sowie nach Auftragsvergabe die weiteren Planungsphasen wurden de facto von meinem Büro und meinen Mitarbeitern erbracht." Die offizielle Bezeichnung des Teams war von Anfang an: "W.A. Noebel und Franco Stella in: Gruppo di progettazio­ne ‚Il foro di Mercurio‘." Noebel sagte, eine gemeinsame Urheberschaft könne er nicht bestreiten, aber die wesentlichen Teile habe sein Büro erbracht und nicht Stella: "Und so wurde es auch bei der Honorierung geregelt." Andere große Bauprojekte hat Stella, der als Professor arbeitet, nicht vorzuweisen.

Mit diesen beiden Erkenntnissen nimmt der Fall Stella eine neue Wendung. Denn es hat bereits einen Rechtsstreit durch mehrere Instanzen gegeben, um zu klären, ob Stella berechtigt war, am Wettbewerb teilzunehmen. Während des langwierigen Streits hat Stella zu keinem Zeitpunkt den Nachweis erbracht, dass er festangestellte Architekten beschäftigt habe, indem er beispielsweise die Sozialversicherungsnachweise seiner angeblich vorhandenen Angestellten vorgelegt hätte. Ein Beleg, den eine Lohnbuch-haltung innerhalb kürzester Zeit erbringt. Stattdessen stützte sich Stella nur auf ein Gutachten des Vorsitzenden der Architektenkammer seines Heimatortes. Dieser hat allerdings gar keine Einsicht in Sozialver-sicherungsakten, konnte also eigentlich keine Aussagen treffen. Stella zog es vor, ein Rechtsverfahren über zwei Instanzen zu erdulden. Erst hob die 3. Vergabekammer des Bundes den Vertrag mit ihm auf, weil man seine Qualifikationen nicht ausreichend geprüft habe. Später nahm das Oberlandesgericht Düsseldorf die Entscheidung der Vergabekammer zurück – ohne genauer zu prüfen, ob Stella die Auflagen erfüllte.

Das Bundesbauministerium antwortete nun auf die Frage von art, wie viele Architekten Franco Stella beim INPS gemeldet habe, mit einem Verweis auf das bereits abgeschlossene Gerichtsverfahren: "Die Zulässigkeit der Vergabe des Auftrages an Franco Stella wurde vom Oberlandesgericht Düsseldorf mit Urteil vom 02.12.2009 bestätigt. Gegenstand des Verfahrens war insbesondere auch die Zulassung von Franco Stella zum Wettbewerb auf der Grundlage der vom Auslober vorgegebenen Zulassungskriterien. Das Urteil hat bestätigt, dass Franco Stella zu Recht am Wettbewerb teilnehmen konnte." Außerdem habe die Praxis bestätigt, dass das von "Franco Stella zusammengestellte Team mit ihm und seinem Büro an der Spitze für dieses anspruchvolle Projekt ausreichend fachkundig und leistungsfähig" sei. Das Planungsbüro von Stella antwortete nicht auf die von art gestellten Fragen.

Skandalös an der Causa Stella ist nach wie vor, dass durch die Teilnahmebedingung von drei Festangestellten 85 Prozent aller deutschen Architekten vom Wettbewerb ausgeschlossen worden waren, wie Zahlen des Europäischen Rats der Architekten ACE belegen. Der Großteil aller Architekten der Bundesrepublik durfte nicht am Wettbewerb teilnehmen. Hinterher verzichteten das Bauministerium und das Oberlandesgericht darauf, Stellas Angaben genauer zu prüfen.

Diese Ignoranz könnte noch peinlich wer­­den. Zwar ist eine vergaberechtliche Klage ausgeschlossen, denn es wurde bereits in letzter Instanz geurteilt. Aber eine Anzeige und ein Verfahren wegen Betrugs gegen Franco Stella wären möglich. Denn es könnten den unterlegenen Architekten und dem Steuerzahler gegebenenfalls ein Schaden entstanden sein. Es ist denkbar, dass Stella wegen Betrugs verurteilt würde und trotzdem feder­füh­ren­der Architekt bliebe – was eine Blama­ge für die Baukultur der Republik wäre. Die Saga vom Schloss erhält ein neues Kapitel. So viel ist sicher.

Mehr zum Thema auf art-magazin.de