Der Kongress der Samen - Last Days of Documenta

Von Samen und Menschen

Beim Kongress "The Seed" versucht die documenta 13, den großen Bogen von der Mensch-Tier-Symbiose zur Ökokrise zu schlagen.
Mensch und Tier:der letzte Kongress der documenta

"Touc, Seated on a Table" porträtiert von Henri de Toulouse-Lautrec, circa 1879-1881

Als erstes muss man aufpassen, keine Kopfschmerzen zu bekommen: Die Soundarbeit "Chimärisation" von Florian Hecker erfordert höchste Konzentration, um zwischen Störgeräuschen und Radiorauschen den Text über Schlange und Leiter, Tier und Ding zu erahnen. Das Publikum aus Künstlern, Agenten und Assistenten im Ständehaus reagiert mit Umherlaufen, manche flüchten. Ob diese Desorientierung ein Kommentar zu den grundsätzlichen Schwierigkeiten und Mißverständnissen der Mensch-Tier-Kommunikation ist?

Dann ergreift Direktorin Carolyn Christov-Bakargiev das Wort – außerplanmäßig: "Ich kapere als Parasit den Kongress mit meiner kleinen Vorlesung", sagt Christov-Bakargiev, dann zitiert sie aus den Notebooks von Vandana Shiva und Donna Haraway, den zwei Vordenkerinnen der Tagung. Shiva kämpft als Aktivistin aus Indien gegen die weltweite Patentierung von Saatgut und gegen Gentechnik in der Landwirtschaft. Donna Haraway, feministische Wissenschaftlerin, bekannt für ihr "Cyborg-Manifest", widmet sich in den letzten Jahren der Interspezies-Begegnung von Mensch und Tier – einem der großen Themen der d13. "Wie Leben wir auf diesem Planeten?" – dies sei ihre Leitfrage für die Planung der documenta gewesen, aber auch für den Kongress, so Christov-Bakargiev.
Was die Kuratorin nicht ausspricht, sondern nur anklingen lässt, ist die zentrale Frage des Kongresses: Können Wissenschaftler, Künstler und Aktivisten zusammenarbeiten? Und was tun sie dann? Eine ganze Reihe von Werken auf der d13 reflektieren die planetare Ökokrise, Artensterben, das Verhältnis von Mensch und Tier – und natürlich die sozialen Fragen um Zerstörung, Zerfall und Wiederaufbau. Der Kongress wäre nun die Gelegenheit, dazu konkreter zu werden. Christov-Bakargiev spricht von neuen Allianzen zwischen progressiven sozialen Bewegungen und dem ökologischen Denken.

Aber so schnell zum Punkt zu kommen, ist einfach nicht ihr kuratorischer Stil – die von ihr eingeladenen Referenten fächern den Topos Interspezies-Begegnung dann wieder über viele Ebenen auf. So fragt die Wissenschaftsphilosophin Vinciane Despret: "Arbeiten Tiere?" Sie referiert mehrere Soziologen, die in Interviews mit Biobauern zu der Erkenntnis gelangen, dass die Arbeit der Tiere unsichtbar ist – erst wenn sich die Kühe nicht mehr fügen, sich nicht eine nach der anderen in den Melkanlage einreihen, wird ihre Kooperation sichtbar. Ihre Arbeit ist es, mitzuhelfen bei der reibungslosen Agrarproduktion.

Dann macht die Philosophin Beatriz Preciado deutlich, dass der Kongress hüfttief im kunstakademischen und kulturwissenschaftlichen Diskurs verankert ist. Preciado referiert über die "queere Bulldogge". Die französische Bulldogge entstand als Züchtung Ende des 19. Jahrhunderts, von arbeitslosen nordenglischen Webern wurde die Spielzeugvariante der englischen Dogge nach Nordfrankreich emigriert, wo sie von alleinstehenden Arbeiterfrauen, Lesben und Prostituierten adoptiert wurde. In einer beeindruckenden Bilderflut (Bulldoggen von Toulouse-Lautrec, Colette mit Dogge, Warhols Porträt von Yves Saint-Laurents Dogge) untermauert Preciado ihre These, die Geschichte von Minderheiten sei nicht denkbar ohne Hunde. Die Parallele zwischen der Lesbe als sexuellem Monster und der monströsen Hunde-Rasse sei für beide eine konstituierende Beziehung.

Der Vortrag von Donna Haraway selbst, eigentlich der Höhepunkt des Tages, lässt dann die Dramaturgie auseinanderfallen. Haraways Beitrag war von Christov-Bakargiev im Vorfeld per Skype-Telefonkonferenz aufgezeichnet wurden. Leider inklusive des Skype-typischen blechernen Halls, den man sich nicht eine Stunde lang anhören mag. Da hilft auch der ausgeteilte Text nichts, das Aufmerksamkeitsniveau sinkt merklich. Haraway spricht über das "Säen von Welten", das "Becoming With" – das gemeinsame werden – verschiedener Spezies ist ihr Thema. Sie dekliniert von ganz klein – den ersten Organismen mit mehreren Zellen hoch über Ameise und Akazie zu Mensch und Hund. Eine Bildershow zeigt derweil Tierfotos sowie Bilder von Haraway mit Hund.

Es folgt Salima Ikrams Vortrag über Tiermumien in Ägypten – man lernt vieles über das Mensch-Tierverhältnis, das schon 2000 vor Christus gespalten war: Lieblingshunde, Affen und Krokodile wurden ihren Besitzern mit ins Grab gegeben, aber auch mumifizierte gepökelte Kalbsbeine oder ganze Hühner. Und Massentierhaltung war damals Gang und Gäbe – davon sprechen die Millionen von Katzen und Ibissen, die den Göttern als Votivgaben bereitet wurden. Im anschließenden Künstlerdialog berichtet Tue Greenfort von seinem Archiv über die Interspezies-Begegnung über die begeisterten Besucher: "Die Reaktion des Publikums ist ernsthaft und enthusiastisch. Viele bringen zwischen einer halben und einer ganzen Stunde im Archiv." Es gebe ein großes Interesse, die Verbindung zu den Tieren wiederzufinden, so Greenfort.

Draußen im Auepark steht zu diesem Zeitpunkt wirklich eine Menschenschlange vor Greenforts Entenhaus. Drinnen laufen Filme über Mischlingshunde aus Chile, man liest von Carsten Höllers Liebesfinken, und sieht Fotos von nackten Menschen und Hunden von Ryan McGinley. Das Mensch-Tier-Verhältnis in der Kunstbetrachtung zu reflektieren, scheint um vieles stimmiger als der Kongessbesuch. Denn um der Frage – "Wie leben wir auf diesem Planeten" gerecht zu werden, hätte der ein neues Format jenseits des kunstakademischen Diskurses entwickeln müssen. So bleibt alles beim alten in der Komfortzone von Agenten, Künstlern und Wissenschaftlern. Neue Allianzen sähen anders aus.

On Seeds and Multispecies Intra-Action: Disowning Life

Am Samstag, den 15.9., geht es weiter. Vandana Shiva spricht live in Kassel, Christian Philipp Müller lädt zum Mangold-Essen
http://d13.documenta.de/#/programs/the-kassel-programs/congresses-lectures-seminars/on-seeds-and-multispecies-intra-action-disowning-life/

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