Die Luft ist raus - Paris

Botox für die Luxusindustrie

Auf eine turbulenten Woche, mit der sich Paris als Europas Kunsthauptstadt feiern wollte, folgt Ernüchterung. Ein entnervter Partybericht unseres Korrespondenten
Katerstimmung:Paris feiert sich als Kunsthauptstadt Europas

Der morgen danach: Die Skulptur "Tree" von Paul McCarthy oder das, was von ihr übrig blieb, nachdem unbekannte die Luft aus der Hülle entweichen ließen. Zum Sinnbild für die Situation in Paris eignet sie sich nun umso mehr.

Nicht mit einem Paukenschlag – mit einem Fausthieb begann Mitte Oktober die wichtigste Woche des Pariser Kunstjahres. Genauer gesagt mit drei Hieben. Mit denen strafte am hellichten Tag auf der Place Vendôme ein aufgebrachter Passant, wahrscheinlich Mitglied der rechten Partei Front National, deren Büros ganz in der Nähe liegen, den amerikanischen Künstler Paul McCarthy. Der installierte dort gerade seine aufblasbare Skulptur "Weihnachtsbaum". Eine durch nichts entschuldbare Tätlichkeit gegenüber einem nicht mehr jungen, weltberühmten Liebling der internationalen Kunstszene. Paris als reaktionäres Provinznest, der Gegenwartskunst unwürdig, in dem Hunderttausende gegen Schwulen-Ehe und Mietmütter demonstrieren?

Augenblicklich erklärte sich die französische Politik, von Staatspräsident Hollande, Regierungschef Valls, der frischgekürten Kulturministerin Pellerin bis zur Pariser Bürgermeisterin Hidalgo, mit dem geprügelten Künstler solidarisch. Die Kunstmesse FIAC, zu deren Rahmenprogramm der "Weihnachtsbaum" gehörte, sowie der internationale Verband der Kunstkritiker AICA folgten brav. Alle beschwörten sie die "Freiheit der Kunst". Aber wie sieht diese Freiheit aus im Paris von 2014? Je mehr Geld dahinter, desto freier ist die Kunst? Oder würde die Kunst vielleicht sogar einfallsreicher und wirksamer, wenn man ihr Grenzen setzte?

Solche Fragen werden in Paris grundsätzlich nicht gestellt – man will schließlich nicht vom Karussel des kommerziellen Kunstbetriebs kippen. Und dann wurde in der Nacht nach dem Zwischenfall aus McCarthys fertig installierter Skulptur die Luft rausgelassen. Angeblich in einem Augenblick der Unaufmerksamkeit des Wachpersonals. Am nächsten Morgen gab der Künstler auf und verzichtete auf ein erneutes Aufblasen – das Ziel des kalifornischen Provokateurs war längst erreicht. Die Pariser Medien trompeteten nur Lob für McCarthy, der in seinen besten Arbeiten das Weichspülen der dunklen Seiten der amerikanischen Gesellschaft durch Hollywood und Konsorten entlarvt. Der aber, was niemand zu sagen wagt, in den letzten Jahren mit seinen billig wirkenden, aber hyperteuren Skulpturen zu einer Art Jeff Koons für Arme geworden ist. Ein ehemaliger Rebell des kalifornischen Underground, der heute in Serie arbeitet und weltweit verkauft. Vertreten wird er von der global operierenden Züricher Krösus-Galerie Hauser & Wirth, die auch den Straßen-Auftritt hundertprozentig finanzierte. Reiner Kunstkapitalismus, allerdings im Schmuddellook.

Denn was verbarg sich hinter dem "Weihnachtsbaum", der auf einem der schönsten Pätze der Welt errichtet werden sollte? Laut Geständnis des Künstlers ein monumentaler grüner Butt Plug, auf deutsch: ein Arsch-Dildo. Mitten auf der Place Vendôme, auf der mit Napoleons aus den Kanonen der Schlacht von Austerlitz gegossenen Siegessäule ohnehin schon ein perverses Sextoy steht. Ist das nun Freiheit der Kunst oder visuelle Umweltverschmutzung? Provokation für Unbedarfte, genehmigt von einer klammen Stadtverwaltung, weil Kunst angeblich für Toleranz steht und viele Selfies bringt. Weil sie nichts kostet und Paris wieder Europas Kunsthauptstadt werden will. Doch auf die Solidaritätsbekundungen der Politik folgte Katerstimmung. Das zur Schau getragene Pariser Selbstvertrauen jedenfalls war, zu Recht, erschüttert, die Presseeröffnung einer großen Einzelschau McCarthy’s in der Monnaie, der ehemaligen Münzpresse, wurde unbegründet verschoben.

Der Kampf zwischen Paris und London ist rüde

Der Kampf von Paris gegen London um die europäische Kunsthauptstadt ist rüde: Die FIAC folgte nur um wenige Tage auf die Frieze. Beide haben dieses Jahr glänzend verkauft, die FIAC noch etwas besser als die Frieze, weil hochpreisiger. Aber London hat nun mal das Königshaus, da ist nicht alles möglich im öffentlichen Raum. In Paris dagegen regieren die Sozialisten, und das bedeutet für die Kultur seit den Goldenen Jahren Mitterrands nichts Gutes mehr. Vor allem keine Visionen. In Hongkong durfte McCarthy seinen gigantischen Kothaufen nur auf einem Baugrundstück aufbauen, aber Frankreich mit seiner ehemals wohlhabenden, zentralstaatlichen Kulturpolitik weiß offensichtlich immer noch nicht, wie es der Macht des privaten Geldes begegnen soll. Leider braucht sie es dringend, denn alle staatlichen Museen müssen sparen. Der nur jüngere Gegenwartskunst zeigende Palais de Tokyo, der in der FIAC-Woche mit viel Publikum, aber wenig Neuem seine Ausstellung "Inside" eröffnete, bestreitet bereits fünfzig Prozent seines Etats über Sponsoren. Doch übergreifend gibt es keinerlei Strategie, keine Vision, wie der Staat private Mittel einbinden könnte, ohne seinen Kulturauftrag zu verraten.

Die Pariser Kunstwelt ging nach der Attacke gegen McCarthy nicht KO, aber sie war angezählt, die Nerven lagen blank. Staatspräsident Hollande, längst als lesefauler Kulturbanause entlarvt, besuchte nicht nur die FIAC, sondern weihte höchstpersönlich die für schätzungsweise 130 Millionen Euro im Bois de Bologne von Stararchitekt Frank Gehry errichtete Fondation Louis Vuitton ein. Er tat das im Beisein von LVMH-Chef Bernard Arnault, einem erklärten Konservativen, Freund und Trauzeugen von Hollandes Vorgänger Sarkozy. Mehr politische Heuchelei geht kaum: Arnault hatte noch kürzlich – vergeblich – versucht, angesichts der straffen Steuerpolitik Hollandes einen belgischen Pass zu ergattern. Jetzt leuchtet seine Fondation weithin als Glitzerstück spektakulärer Schau-Architektur. Nebenbei wertet sie ein in den letzten Jahrzehnten total vernachlässigtes, Prostituierten und Hundebesitzern überlassenes Fleckchen im Pariser Westen auf. Gehrys Bau ist eindrücklich, als Firmenstiftung voll absetzbar und sicher mehr selbstverliebte Skulptur als Ausstellungsort. Aber die – wenigen – Kunstwerke sind großzügig und intelligent gehängt. Weniger konkurrierend als ergänzend hebt sich eine erste Hängung fast ohne Bluechip-Künstler (einzige Ausnahme: ein überflüssiger Spektakel-Saal von Gerhard Richter) mit Werken von Pierre Huyghe, Adrian Villar Rojas oder Thomas Schütte wohltuend ab vom populistischen Mainstream des staatlichen Centre Pompidou. In dem folgt demnächst Jeff Koons auf Marcel Duchamp...

Seit Jahren lebt die Pariser Kunstszene von den Sammlern Pinault und Arnault, zwei verfeindeten Großkapitalisten, mit den Luxuslabels Yves Saint Laurent und Gucci auf der einen, und Dior und Louis Vuitton auf der anderen Seite. Beide kaufen großzügig ein und unterstützen den musealen Ausstellungsbetrieb, ohne dabei je die Selbstdarstellung zu vergessen. Gegenwartskunst sei in den letzten Jahren "zum Botox der französischen Luxusindustrie" geworden, erklärte kürzlich in der "Le Monde" ein französischer Soziologe. Die – heute als politisch engstirnig verurteilte – linke Gemeinde Boulogne-Billancourt hatte Pinault vor Jahren noch den Bau eines spektakulären Privatmuseums auf der ehemaligen Renault-Insel verweigert, woraufhin dieser erbost nach Venedig auswanderte. Doch weiterhin sponsert er zahlreiche Pariser Ausstellungen, sofern seine Lieblingskünstler von Jeff Koons bis Abel Abdemessed gezeigt werden – und kaufte in den ersten Stunden der FIAC angeblich nicht weniger als 37 Kunstwerke.

Die Szene lebt von zwei verfeindeten Großkapitalisten

Milliardärs-Kollege Arnault, persönlich deutlich weniger kunstaffin, machte es geschickter. Er stieg erst nach dem Abwimmeln seines Konkurrenten ins Spiel um die Kulturplätze ein. Sein Neubau wurde seit 2002 geplant und blieb auf städtischem Terrain. Außerdem holte er sich mit Suzanne Pagé eine international bewunderte ehemalige Pariser Museumsdirektorin ins Team, die die Sammlung leitend aufbaut. Dennoch hat es für Paris und den globalen Kunstbetrieb weitreichende Folgen, dass beide Franzosen als rücksichtslose Unternehmer gründlich eingestiegen sind ins langfristige Geschäft mit der Kunst. Lange vor Eröffnung der arabischen Petro-Museen in Abu Dhabi oder Doha besitzen sie nicht nur ihre eigenen Museen, sondern Auktionshäuser, Galerien, Kunstmagazine, die ganze Wertschöpfungskette der Produktion, wie es in Wirtschaftskunde so schön heisst.

Dass ein so radikales Geschäftsgebahren nicht sein muss und es auch anders geht, beweist in Paris das älteste private Ausstellungshaus eines Luxuskonzerns: die Fondation Cartier. Sie feierte während der FIAC-Woche ihren 30. Geburtag. Erst im Süden der Stadt in Jouy-en-Josas beheimatet, dann dank eines bahnbrechenden Neubaus von Jean Nouvel ins Stadtzentrum gezogen, geht die Fondation Cartier unter ihrem langjährigen Leiter Hervé Chandès ihren eigenen Weg. Sie folgt keinen Moden, sondern kreiert sie. Etwa indem sie Philosophen wie Paul Virilio einlädt, indem sie die Brücke von der Kunst zu den Naturwissenschaften schlägt, Street Art und Outsider zeigt oder marktferne Einzelkämpfer wie Agnès Varda und Patti Smith mit Einzelschauen ehrt. Im Gegensatz zur neuen Stiftung Louis Vuitton, die ihre Besucher mit Logo und Kofferdekoration begrüsst, ist in der Fondation Cartier kein Schmuckstück und keine Armbanduhr aus eigener Fabikation zu sehen. Dafür musizierte zum Geburtstag gratis die Rock-Legende John Cale, und der argentinische Maler Guillermo Kuitca schuf eine stille, kontemplative Ausstellung aus Innenräumen, sparsam möbliert mit Werken von Francis Bacon bis David Lynch.

Und was hatte der in dieser Pariser Festwoche immer mehr in die Defensive geratende französische Staat zu bieten? Neben "Inside" im Palais de Tokyo, Lee Ufan in Versailles und einer bereits angelaufenen, hervorragenden Ausstellung von Nikki de Saint-Phalle im Grand Palais eröffnete er zum Abschluss der Festivitäten nach fünfjähriger Renovierung endlich das Musée Picasso im Marais-Viertel neu. Es ist historisch das erste französische Museum ausschließlich aus Beständen einer Zahlug zum Begleich der Erbschaftssteuer. Es sollte an Picassos Geburtstag am 25. Oktober eigentlich ein Freudenfest werden, nach lautem Streit um Aufschiebungen, peinlichen Anbauten ans historische Gemäuer und einem spektakulären Direktorenwechsel auf der Zielgeraden. Doch leider spiegelt das Ergebnis nur die zwischen Arroganz und Unsicherheit schwankende staatliche französische Kulturpolitik: eine eigenwillige Neuhängung mit konfusem Konzept, Verzicht auf jedwede Erläuterung für das zahlreich strömende, aber beileibe nicht werksfirme touristische Publikum und fünf sterile weißgetünchte zusätzliche Ausstellungsräume im Kellergeschoss. Bereichernd ist allein die Präsentation von Picassos eigener Sammlung in der neuerschlossenen Dachetage. Der gerade erst berufene neue Direktor ist Laurent Le Bon, bis Juli Gründungsdirektor des Centre Pompidou in Metz. Er erst einmal die umstrittenen Anbauten eingefroren und nun viel Arbeit vor sich, um das Musée Picasso wieder auf die Position zu heben, die es bei seiner Einweihung 1985 besetzte. Und das zentralistische Frankreich braucht dringend ein politisches Konzept, vielleicht sogar eine Kulturstiftung, um auf den Strom des privaten Geldes zu reagieren. Wie anders wäre der ausufernden Kommerzialisierung des Kunstbetriebs zu begegnen – was anderes zu tun, für die Freiheit der Kunst?