Überraschender Fund - Berlin

Entartete Kunst" ausgegraben

Überraschender Fund in Berlin: Bei Ausgrabungen vor dem Rathaus der deutschen Hauptstadt haben Archäologen elf Kunstwerke entdeckt, die zu der NS-Ausstellung «Entartete Kunst» von 1937 gehörten.
"Entartete Kunst" ausgegraben:Werke der NS-Schau "Entartete Kunst" entdeckt

Am 25. Oktober 2010 wurden drei von elf Bronzeskulpturen in Berlin geborgen

"Undeutsch" und "entartet" - so schmähten die Nazis die Kunst der
Moderne. Tausende Werke sind unter NS-Herrschaft verschwunden. Elf
tauchen jetzt wie durch ein Wunder wieder auf.

Die Entdeckung bietet Stoff für einen Krimi. Als
vor einigen Wochen mitten in Berlin Bauarbeiter in der Nähe der
mittelalterlichen Rathausfundamente buddelten, stießen sie auf einen
überraschenden Fund: Elf Skulpturen, die vor mehr als 70 Jahren von
den Nazis beschlagnahmt wurden, lagerten im Schutt zerbombter Häuser.
Die Bronze- und Keramikstücke waren zuletzt in der berüchtigten
Ausstellung über «Entartete Kunst» von 1937 in München gezeigt
worden. Danach verlor sich die Spur in Joseph Goebbels'
Propagandaministerium.
Den Werken sei die Geschichte eingebrannt, sagte der Regierende
Bürgermeister, Klaus Wowereit (SPD), am Montag bei der Vorstellung
der Skulpturen im Neuen Museum auf der Museumsinsel, wo sie nun nach
einer Teilrestaurierung ausgestellt werden.

"Bildnis der Schauspielerin Anni Mewes" war erster Fund

Bei den Arbeiten für den Bau einer U-Bahnstation vor dem Roten
Rathaus seien Arbeiter und Archäologen zwischen Januar und Oktober
auf die Reste gestoßen, sagte Berlins Landesarchäologe Matthias
Wemhoff. Als Erstes tauchte Edwin Scharffs Bildnis der Schauspielerin
Anni Mewes von 1921 auf. Danach folgten die Werke von Otto Baum, Marg
Moll, Gustav Heinrich Wolff, Naum Slutzky und Karl Knappe sowie Teile
von Keramikarbeiten von Otto Freundlich und Emy Roeder.
Wie die elf Kunstwerke an den späteren Fundort gelangten - darüber
werden die Experten wohl noch lange rätseln. Fest steht, dass nach
der Münchner Ausstellung rund 15 000 Gemälde, Plastiken, Möbel und
Gebrauchsgegenstände in die NS-Depots wanderten. Von dort aus wurden
sie gegen harte Devisen verkauft oder vernichtet. Ein kleinerer Teil
gelangte in den Besitz von Kunsthändlern und wurde so vor der
Zerstörung bewahrt.

"Krumme Idioten" und "Kretins"

Ob «krumme Idioten» oder «Kretins» - die stilisierten Figuren, wie
sie vor allem zwischen 1918 und den 30er Jahren geschaffen wurden,
sahen die Nazis als Ausdruck von «Verwesung» an. Auch die elf
Skulpturen wurden für die Nazi-Schau beschlagnahmt, wie der frühere
Berliner Museumschef Klaus-Peter Schuster, ein Fachmann für die
Ausstellung von 1937, sagte. Sie tauchen auf Fotos, Katalogen und
teilweise in Filmen der damaligen Zeit auf - etwa der «Kopf» von Otto
Freundlich oder die «Tänzerin» von Marg Moll, die in Spielfilmen als
Beispiel für die geächtete Kunst herhalten mussten.
Warum die Figuren in den Resten der Kellerräume der Königstraße 50
lagerten, bleibt offen. Die Experten der Berliner Museen stützen sich
auf eine noch vage Indizienkette. Die heutige Rathausstraße war bis
zum Zweiten Weltkrieg eine der lebendigsten Straßen Berlins. Die
Grünfläche zwischen Marienkirche und Rotem Rathaus war damals dicht
bebaut. In dem Areal wurde im 13. Jahrhundert das Berliner Rathaus
errichtet.

Besitzverhältnisse noch ungeklärt

Einen Hinweis gibt die Liste der Hausbewohner. Das Haus gehörte
bis 1942 der Jüdin Edith Steinitz. Danach steht das Deutsche Reich
als Eigentümer im Grundbuch. Unter den Mietern waren auch
Rechtsanwälte jüdischer Herkunft. Doch nur ein Mieter scheint eine
Spur zu bieten: Erhard Oewerdieck (1893-1977) hatte zusammen mit
seiner Frau Juden vor der Verfolgung Unterschlupf gewährt. In der
israelischen Gedenkstätte Yad Vashem wurde er deshalb als «Gerechter
unter den Völkern» geehrt. Denkbar sei, dass Oewerdieck, der sich
auch als Treuhänder von NS-Verfolgten betätigte, die Skulpturen
aufbewahrte. In dem Bauschutt wurde auch Oewerdiecks Tresor gefunden.
Zwar sind archäologische Funde Eigentum des Landes Berlin. Doch
der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann
Parzinger, betonte, die Besitzverhältnisse sollten soweit wie möglich
aufgeklärt werden. dpa

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